Auf dem Weg zur Arbeit (Symbolbild:Imago/Stengel)

Der nächste Hit im deutschen Haus: Rente ab 70

Je näher der Abgang der letzten geburtenstarken Jahrgänge aus den 60-er Jahren des 20. Jahrhunderts in den Ruhestand naht, desto drängender wird in Politik und Medien der Ruf nach Erhöhung des Rentenalters auf (vorerst) 70 Jahre.
Von Wolfgang Hübner
Denn nur so könne verhindert werden, dass unzählige dringend gebrauchte hochqualifizierte Arbeitskräfte bald eine Lücke reißen, die von den eingewanderten bildungsfernen Massen nicht geschlossen werden kann. Und was nicht weniger wichtig ist: Rente und Pension sollen so irgendwie noch finanzierbar sein. Denn selbstverständlich ist ein höheres Rentenalter auch verbunden mit einer weiteren faktischen Rentenkürzung.
Da aber bislang weder die Lohnschreiber noch die um ihre Alterssicherung unbesorgten Politiker des Parteienkartells solche unpopulären Absichten offen verbreiten wollen, wird auf die Expertise sogenannter „Wissenschaftler“ wie zum Beispiel dem Zukunftsforscher Daniel Dettling gesetzt. Der promovierte Politikwissenschaftler leitet in Berlin das „Institut für Zukunftspolitik“. Dettling ist multimedial sehr umtriebig und haut unter seinem Namen eine Untersuchung nach dem anderen raus: „Doppelpass- Deutschland braucht mehr Deutsche!“ oder „So radikal verändert der Klimawandel die Arbeit“.
Und der Zukunftsforscher weiß auch: „Der Dritte Weltkrieg hat schon begonnen“. Doch noch nicht, wie der ausgeht. Aber pessimistisch ist Dettling offenbar kaum. Denn er, seinen Bildern nach in den frühen Fünfzigern, beschäftigt sich mit der Alterung in Deutschland. Bei welt.de ist dazu von ihm zu lesen: „‘Je älter die Gesellschaft wird, desto länger will die Mehrheit sich jung fühlen.‘ Aus dieser Entwicklung heraus leite sich auch eine gesellschaftliche Verpflichtung ab. ‚Wir müssen ältere Menschen mehr einbinden, auch in den Arbeitsmarkt‘, fordert er, ‘nicht zuletzt, weil wir sonst erhebliches Potenzial verschenken.‘“
Wen Dettling mit „wir“ meint, wird zwar nicht klar: Der Staat? Die Arbeitgeber? Oder die Politiker? Ist auch egal, denn seine Mitarbeiter im Zukunftsinstitut haben etwas herausgefunden, was alle begeistern wird und mit dem sich Dettling sein Honorar mehr als verdient hat: „Menschen, die im Alter weiter gebraucht werden und erwerbstätig sind, leiden weniger häufig an schweren Krankheiten und leben oft länger als Gleichaltrige im Ruhestand. Ein zu früher Renteneintritt hingegen schade der Gesundheit.“
Folglich ist es also gesund und lebensverlängernd, bis 70 oder demnächst bis 75 zu arbeiten. Wer das nicht einsieht und sich schon leichtsinniger Weise vorher auf die faule alte Haut legen will, der soll sich über Rentenabschläge und Ableben vor 80 gefälligst nicht beklagen. Wie gut, dass „wir“ so kluge,weitsichtige Menschen wie Doktor Dettling haben!

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