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Wenn Abendländer untergehen

Es ist eine traurige Mitteilung. Völlig unspektakulär, aber dennoch stiess dieser eine Leserbrief eines mutigen Pfarrers aus Pforzheim auf eine unerwartet hohe Resonanz.

Von Hans S. Mundi

Die Notiz wurde vielfach im Netz geteilt, häufig positiv kommentiert und in WhatsApp- oder Telegram-Gruppen lanciert. Ganz so, als ob viele auf eine derartige Nachricht gewartet hätten. Eine Nachricht aus den kalt gewordenen leeren Kirchen in Deutschland anno domini 2023; in Zeiten der bizarren, ökolinken Politisierung von Kirchentagen und der Massenaustritte dank pädophiler Exzesse, bzw. sexuellem Missbrauch durch Priester und Pfarrer, wovon beide grossen Konfessionen betroffen sind.

Über eine Debatte zum immer schriller, linksextrem politisierten und zunehmend infantil auftretenden Minderheitenfestival „Christopher Street Day“ (CSD) schrieb Sebastian Schulte, Evangelischer Theologe und ehemaliger Pfarrer der Badischen Landeskirche Pforzheim in der „Pforzheimer Zeitung“ am 15. Juli 2023 folgenden Leserbrief: „Es ist ein Armutszeugnis der evangelischen Kirche, dass sie sich in diesen Tagen durch nichts mehr hervorzutun mag, als durch Heuchelei. Die Schirmherrschaft der Dekanin beim CSD ist hierfür ein Exempel, pars pro toto. In ihrer Rede wird Liebe vorgegaukelt und eine Entschuldigung ausgesprochen, die bigotter nicht sein kann. Nichts gegen Entschuldigungen, wenn sie ernstlich gemeint sind. Aber die Kirche ist eben Meister darin, sich zuerst für politische Zwecke instrumentalisieren zu lassen (mahnende Stimmen aus den eigenen Reihen werden systematisch mundtot gemacht) und sich dann irgendwann dafür zu entschuldigen. So wird es wohl noch eine Weile dauern, bis sich die Kirche für ihr Verhalten in der Corona-Krise entschuldigen wird. In der Regel sind es ja nicht diejenigen, die das Unrecht begangen haben, sondern die Generationen danach. In den letzten Jahren wurden unzählige Menschen nicht nur im Stich gelassen, sondern von der Kirche selbst ausgegrenzt (Beispiel 2G-Regel). Tausende sind ungetröstet und einsam gestorben. Ein biblisches Motiv in heutiger Zeit: Die Hirten haben die Schafe verlassen und sich am Ende selbst geweidet. Ich warte auf den Tag, an dem sich die Dekanin hierfür öffentlich entschuldigt. Das wäre aus meiner Sicht mehr als angebracht. Aber meine Vermutung ist, dass dies erst am jüngsten Tag geschieht, wenn alles für alle offenbar sein wird. So helfe uns Gott in dieser verwirrenden Zeit, dass wir uns wieder ernstlich seinem Wort zuwenden und er Hirten aus unseren Reihen erweckt, die sich schützend vor ihre Schafe stellen und sie zur Weide und zum frischen Wasser führen.“ Zitat Ende. Amen.

Der kleine Beitrag, im eher unbedeutenden Ressort der „Leserbriefe“ abgedruckt, trug den Titel aus dem Kontext der pastoralen Schrift: „Die Hirten haben ihre Schafe verlassen und sich selbst geweidet.“

Es ist ein Hilferuf nach Gott, der doch eigentlich der Chef des ganzen Ladens ist. Doch wo ist Gott? Wenn es einen lieben Gott gibt, warum macht er nichts, warum lässt er all das Unrecht, alle Kriege und Gewalt, Zerstörung und Unterdrückung auf dieser Welt, wieder und wieder geschehen!? Uralte und in der betrüblichen Geschichte der Menschheit häufig gestellte Fragen, im Angesicht des Entsetzens und des Schreckens. Diese Fragestellung war immer auch der Ausgangspunkt für die vom Glauben „abfallenden“.

Menschen können Monster sein, wahre Bestien. Eine dementsprechend weitaus grundsätzlichere Betrachtung ergab schon zu Urzeiten eine noch tiefere Fragestellung. Die ultimative Frage nach „Gut“ und „Böse“. Was der liebenswerte Pfarrer, in offensichtlich größter Verzweiflung, anspricht, berührt Grundsatzfragen, die kaum noch in unserer Gesellschaft gestellt werden. All das ist ein Drama und lässt grosse Gefahren erahnen, der Gipfel des neuen Scheusslichen ist noch nicht erreicht – denn wir bilanzieren falsch, einseitig und bei dieser wahrlich brisanten Thematik oberflächlich ins Negative hinein.

Das Christentum lässt sich nämlich durchaus positiv deuten, wenn man einmal alle berechtigten kritischen Anmerkungen hierzu einen Moment ausblendet und sich nur dem idealistischen Ursprung zuwendet. Letzte Hoffnung im Gebet, der Fluchtpunkt in innerer Demut, Kirchen als sakrale, inspirierende und beruhigende Orte, der wahre Glaube im Alles-in-Einem-Spiritualitäts-Kontinuum, die christlichen Gebote als humaner Kompass. Wir wurden mit christlichem Regelwerk gross, zehn Gebote für ein Halleluja, was allerdings heute eher verächtlich, wenn überhaupt, noch bewusst in einer weitgehend entchristianisierten Beliebigkeits-Zivilisation wahrgenommen wird.

Kirchenkritik war ab 1968 ff. groß in Mode, die Linken schlugen endlos drauf, bis auch im Westen nicht mehr viel von christlicher Lehre und relevanten Inhalten übrig blieb. Auch damals war der willkommene Anlass die sich stets wieder neue erschaffende absolute Unglaubwürdigkeit der „Würdenträger“, die Anpassung der angeblich „Guten“ an das offensichtlich „Böse“. NSDAP und Kirchenführer, mit wenigen aufrechten Ausnahmen, ein politisches Desaster und eine moralische Bankrotterklärung. Etwas daraus gelernt? Ganz sicher: NICHTS!

Im Osten zerstörte das kommunistische Zwangsmodell “Kirche im Sozialismus“ jeden inhaltlichen Rahmen, wurde ideologische (antichristliche!) Gehirnwäsche mit konformistischen Geschwätz-Predigten kombiniert (im Gegensatz zu den wie immer wenigen aufrechten Mutigen) – in diesem perversen Gewächshaus wurde auch eine Angela Merkel groß. Kirche in Anpassung an Diktaturen, kein Erfolgsmodell, eher übelster Betrug.

Hinzu kommen unübersehbare Blutspuren in Hülle und Fülle, brutale Christianisierung indigener Völker in Nordamerika, Hexenverfolgung in Europa, ergänzt noch aktuell von einer Orthodoxie, welche gerade beim Russlandfeldzug Panzer segnet und Bomben heilig spricht – die Liste der kirchlichen Perversionen ist endlos lang.

Einmal tief Luft holen und dann das Gehirn entspannt einschalten: Wenn durch die gewaltige (historische) Figur des Jesus Christus eigentlich doch nur die Idee des Guten als Überschrift übers Menschsein gewollt war, was ist dann los mit den Gebäuden, die danach als Kirchen gebaut wurden, und „Gottes Bodenpersonal“, welches im Namen dieses „Guten“ soviel bitterböse Verbrechen begangen hat und sich immer wieder übelsten Mächte andiente, sowohl bei den Nazis als auch bei den rot lackierten SED-Faschisten in der DDR!?

Der kluge, welterfahrene und stets zur Nachdenklichkeit neigende Journalist Peter Scholl-Latour, der in seinen letzten Lebensjahren von den immer faschistoider auftretenden Pseudomoral-Linken attackiert und beschimpft wurde, hielt dem geifernden Eifer der Kirchenkritiker immer gern entgegen, dass „das Christentum mit den zehn Geboten die Grundlagen für unsere heutigen Gesetze und die sie überwachende Justiz geschaffen hat“ – und so im Sinne des Märtyrers Jesus, mit seinen Jüngern, idealistische Grundsätze für eine definierte, geregelte Gerechtigkeit in die Welt brachte. Wer also den Ursprung des Christentums, welches noch in weiteren bedeutenden Zusammenhängen mit den Aramäern und dem Judentum seinen Vorlauf hatte, mit dem später folgenden organisierten Verlauf und der Begründung von Kirchen und ihrer Politik und ihren Machenschaften gleichsetzt, hat nicht die geringste Ahnung. Denn erst gute 300 Jahre später, nach der Ermordung und dem Tod des frühen humanistischen Freiheitskämpfers Jesus Christus, wurde der christliche Glaube für politische, staatliche, feudalistische, machtbasierte und sonst wie korrumpierbare Zwecke von den Römern entdeckt, aus dem Untergrund in die Legalität geholt – und gleich von den römischen Strategen zur Staatsreligion aufgeblasen. Der Katholizismus im Zeichen des römischen Imperialismus begann – Jesus und seine Jünger dürften bereits da erstmals vor Wut und Enttäuschung in ihren Gräbern rotiert haben.

So viel zur begrifflich definitorischen Klärung des Ganzen. Denn die Sinnsuche ist geblieben, der idealistische und humanistische Kern, bei allem Missbrauch, der tiefe spirituelle Kern der Gläubigkeit ist immer noch da! Martin Luther King oder Mutter Theresa konnten doch auch im Namen des guten Menschen Jesus das Ideal des eindeutig „Guten“ ausleben und aller Welt zeigen, dass Menschsein und Handeln eben immer eine Charakterfrage ist.

Das spüren wir doch nun alle: Das falsche Schwein wird geschlachtet. Falsche Freude. Aufgepasst! Der deutsch-jüdische Schriftsteller Ralph Giordano war ein grosser Menschenfreund, ein Humanst durch und durch. Als leibhaftig Verfolgter des NS-Regimes hatte er dem Teufel direkt ins Gesicht geblickt, als er in einem Hamburger Gestapo-Verlies kurz vor Kriegsende noch gefoltert wurde. Daher liebten ihn die Linken, die falschen, schleimigen, bösen Umarmer. Als Giordano dann aber später die Öffentlichkeit darüber aufklärte, dass es sowohl eine rechten, einen linken und einen religiösen Faschismus gäbe, war es vorbei mit der Liebe. Die DDR verortete Giordano als giftig und böse, wie auch den politischen und extremistischen Islam. Das wollten weder Linke noch Islamverbände hören. So wurde Giordano, ein sehr guter Mensch, bis zu seinem Tode bedroht, nicht mehr nur von Nachkriegsnazis, zuletzt auch von durchgeknallten Antifas oder von durchs Telefon brüllenden Allah-Anhängern mit ihrem Djihad-Schaum vorm Maul. Giordano war auch einer von jenen wenigen, die ihr Leben ins Leiden stellen, wenn auch nicht immer freiwillig, um dem Guten zu dienen. Woran erinnert das? Jesus lebt oder wie Ralph Giordano die Metaphysik von Gute und Böse erklärte: „Das physikalische Gesetz hinter Gut und Böse ist eindeutig erkennbar. Das Böse braucht sich immer nur fallen lassen und schon ist es da, wo es hin will. Das Gute hingegen muss sich, quasi gegen das Gesetz der Schwerkraft, immer erst mühsam erheben und sich aufrichten. Deshalb ist das Böse so mächtig, wirkt das Gute oft so schwach.“

Was bleibt? Wo Macht ist, ist Missbrauch. Das gilt für Politik, Wirtschaft, Reichtum, Organisationen und Verbände, für alle religiösen Vereinigungen und sonstige Institutionen. Das ist das erste Problem. Alleinige Gottheiten der monotheistischen Religionen (Christen, Muslime, Juden) sind das nächste Problem. Wenn es nur einen Gott gibt, welcher von den Dreien ist der einzige und wahre? Letzte Frage lässt die Hersteller von Waffen und Munition aufjubeln, auf ins nächste Gemetzel mit dem Namen des einzig wahren Gottes auf den Lippen – hier haben wir ein jahrhundertaltes Riesenproblem. Vorschlag: Zurück mit Jesus zu den Griechischen Göttern, da gibt es viele am Himmel, jeder kann sich seinen aussuchen und alle gehören irgendwie zusammen, unter diesen Göttern gibt es keinen Krieg.

Lässt sich der Glaube an das Gute im Menschen, das Gute für uns alle, für eine friedliche Welt in Freiheit und Glück und Frieden von den zahllosen schlechten Erfahrungen und den endlosen Realitätsschocks, die wir mit den Glaubenshütern seit Ewigkeiten immer wieder machen, abkoppeln? Ja. Der Glaube an das Gute und gerechte Gesetze, wie die zehn Gebote, sind Teil unserer DNA, wie auch Wunsch und Wille zur Freiheit, zur Selbstbestimmung, hinzu kommen noch gute Empfindungen und seelische Freude bei Freundschaft und Liebe und (besonders familiärem) Zusammenhalt. Hinzu kommt noch das uns allen angeborene Gerechtitgkeitsempfinden. Fazit: Wir tragen das Gute in uns.

Der oben zitierte, bitterbös enttäuschte, Pfarrer sollte sich freuen, das seine Botschaft von so vielen Menschen geteilt und gelesen wurde. Sie ist eine Erinnerung an uns selbst. An den Glauben an das Gute, der niemals verloren gehen darf. Denn derzeit erleben wir eine zutiefst satanische Welt der Umdeutungen und Desinformationen, der Desorientierung und der Zerstörung, die Bestie ist frei, Satan is on stage. Wie Giordano agte: Das Böse lässt sich mal wieder millionenfach fallen und marschiert. Gegen uns. Gegen das Gute.

Also, nicht die Kirche mit dem Bade ausschütten, denn kirchliche Sozialarbeit und Altenpflege sowie die kirchlich betreuten Kliniken werden meist besser als die staatlichen kalten Zuwendungskonstrukte geführt. Kirchliche Kindertagestagesstätten, Kindergärten sind auch empfehlenswert und in diesen Tagen vielleicht auch ein letzter Hort vor Umerziehung und perverser „Frühsexualisierung“.

Das Gute lebt auch in kirchlichen Institutionen. Vielleicht könnte etwas Exorzismus da helfen, denn das Böse müssen wir überall vertreiben. Immer dran denken: Nur das Gute kann das Böse besiegen!

P.S. Apage Satanas!

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