Wladimir Putin: Nicht im Wertewesten sprechen. - Foto: Imago

Wladimir Putin: Das Morgengrauen beim Ball der Vampire

Warum immer nur aus dritter Hand sich in “wertewestlichen” Propagandamedien Wladimir Putin als den Teufel an die Wand malen lassen, wenn man sich den Präsidenten der russischen Föderation auch im O-Ton zu Gemüte führen kann, um so seine eigenen Schlüsse zu ziehen? Auszüge aus einem Interview.

von Max Erdinger

Zentrale Aussagen Wladimir Putins aus diesem Interview, das er einem russischen Journalisten gegeben hat, übersetzt von mir.

Putin Interview
Putin-Interview – Screenshot YouTube/Russian News

Wladimir Putin auf die Frage, wie er mit der Last umgeht, die es darstellt, daß so viele Leute rund um die Welt ihre Hoffnungen in ihn setzen, was die Wiederherstellung ihrer nationalen Selbstbestimmung und die Bewahrung ihrer traditionellen Werte angeht.

Putin: “Um ehrlich zu sein, ich fühle diese Last überhaupt nicht. Ich arbeite einfach im Interesse Russlands, im Interesse unseres Volkes. Ja, ich verstehe schon, wovon Sie gerade reden, und ich werde es auch gleich kommentieren. Daß ich mich aber als der Schiedsrichter über das Schicksal der Welt begreife, stimmt nicht. Noch nicht einmal annähernd. Ich erfülle einfach meine Pflichten Russland und unserem Volk gegenüber, das Russland als sein Vaterland (russisch: “Mutterland” Anm.v. mir) begreift. Was andere Länder rund um den Globus angeht, hängt das eng damit zusammen, wie sie uns behandeln. Das ist ein interessantes Phänomen, soviel steht fest. Worauf ich Ihre Aufmerksamkeit lenken möchte, ist, daß Sie in diesem Punkt völlig recht haben, wenn Sie sagen, Leute rund um den Globus schauen dabei zu, was in unserem Land vor sich geht und wie wir für unsere Interessen kämpfen. Das ist meiner Meinung nach wichtig. Warum passiert das? Es passiert nicht, weil wir formal Mitglied der BRICS sind oder weil wir irgendwelche traditionellen Beziehungen zu Afrika hätten. Das ist zwar ebenfalls ein Punkt, aber nicht der ausschlaggebende. Dem (Interesse an uns – anm.v.mir) liegt vielmehr der Sachverhalt zugrunde, daß die sogenannte “Goldene Milliarde” seit Jahrhunderten, 500 Jahren, praktisch andere Länder ausgesaugt haben. Sie haben die unglücklichen Afrikaner auseinandergerissen. Sie haben Lateinamerika ausgebeutet. Sie haben die Länder in Asien ausgebeutet. Das hat natürlich niemand dort vergessen. Ich habe das Gefühl, daß es dabei nicht nur um die Regierungen dieser Länder geht, obwohl das schon wichtig ist, sondern daß es die Einwohner in diesen Ländern sind, die im Herzen spüren, was vor sich geht …”

Kommentar: Man muß die Ansicht nicht unbedingt teilen, daß die Kolonialgeschichte, auf die Putin hier anspielt, einseitig nichts als nur Unterdrückung und Ausbeutung für die genannten Länder bedeutet habe. Da gab es schon auch eine positive Seite, die dort bis heute nachwirkt. Das sind die sogenannten “zivilisatorischen Errungenschaften” z.B. bei der Infrastruktur (Straßen, Bahnstrecken, Flugplätze, Krankenhäuser, Dämme, Schulen, Universitäten) – und darüber beschwert sich dort niemand heutzutage. Zugleich muß man aber schon konzedieren, daß ein russischer Präsident die Dinge eben so wahrnimmt und daß er deshalb noch immer der russische Präsident ist mit allem, was das für den Rest der Welt bedeutet. Daß der russische Präsident in diesem Zusammenhang nicht 100-prozentig rechthaben könnte, ist ein Sachverhalt von nachgeordneter Relevanz. Er “darf” sozusagen abweichende Ansichten vertreten – weiter …

“… die Einwohner dieser Länder verknüpfen unseren Kampf für nationale Souveränität und Unabhängigkeit mit den Hoffnungen auf ihre eigene Souveränität und unabhängige Entwicklung. Das wird aber erschwert durch die Tatsache, daß es unter westlichen Eliten den starken Wunsch gibt, den ungerechten Status Quo in internationalen Angelegenheiten einzufrieren. Seit Jahrunderten sind sie daran gewöhnt, sich den Bauch mit menschlichem Fleisch vollzuschlagen und sich die Taschen mit Geld vollzustopfen. Aber sie müssen verstehen, daß sich der Ball der Vampire seinem Ende zuneigt.”

Frage: Sie heben also auf deren koloniale Gepflogenheiten ab? (…) Wie konnte es geschehen, daß die unglaublich mächtige Westpropaganda Russland nicht in eine Marionette verwandeln, es isolieren und ein falsches Image etablieren konnte, obwohl sie das bei Milliarden von Menschen versucht hat?

Putin: “Weil stimmt, was ich gerade gesagt habe. Leute spüren das rund um die Welt in ihren Herzen. Sie brauchen gar keine pragmatischen Erklärungen für das, was da stattfindet.”

Frage: Trotz des Flusses an Dreck?

Putin: “Ja, in ihren eigenen Ländern werden sie noch immer veräppelt und das hat schon seine Folgen. In einigen Ländern glauben sie tatsächlich, es geschehe in ihrem eigenen Interesse, da sie ein so großes Land wie Russland nicht als Nachbarland an ihren Grenzen haben wollen. Es ist das größte Land der Welt nach territorialen Gesichtspunkten, das größte Land Europas nach Bevölkerungszahl. Nur im Weltmaßstab haben wir keine große Bevölkerung. Mit China und Indien ist das nicht zu vergleichen, aber wir sind das größte Land Europas. Inzwischen haben wir die fünftgrößte Wirtschaft der Welt. Einen solchen Konkurrenten können sie nicht gebrauchen. Sie denken, wie das manche amerikanerische Experten vorgeschlagen hatten, es sei besser, Russland in drei, vier oder fünf Teile aufzuspalten. Sie denken, daß das für jeden besser wäre. Davon gehen sie aus. Teile dieser westlichen Eliten waren entzückt, als sie dachten, sie hätten uns in der Ukraine an den Punkt gebracht, an dem sie uns militärisch und wirtschaftlich schwächen können. Ich glaube, die waren ganz glücklich, als wir mit unserer SMO begannen. (…) Später realisierten sie, daß das unwahrscheinlich sein könnte – und noch später realisierten sie, daß es unmöglich ist. Jetzt bemerken sie, daß sie machtlos sind, und daß sie machtlos sind, obwohl sie mit den allmächtigen Vereinigten Staaten von Amerika verbündet sind. In ihrer Machtlosigkeit (die EU-Europäer – Anm.v.mir) angesichts der russischen Einigkeit, angesichts der gesunden Basis des wirtschaftlichen und finanziellen Systems, angesichts seiner Stabilität und angesichts der wachsenden Fähigkeiten des russischen Militärs. Nun beginnen sie nachzudenken, jedenfalls die Klügeren unter ihnen, wie sie einen Strategiewechsel in ihrem Umgang mit der Russischen Föderation hinbekommen könnten – und kommen zurück auf die Idee, es mit Verhandlungen zu probieren, um diesen Konflikt zu beenden und (endlich) russische Interessen in ihr Kalkül mit einzubeziehen. Nebenbei: Das sind gefährliche Leute. Es ist einfacher, sich mit Leuten auseinanderzusetzen, die sich von grundsätzlichen Prinzipien leiten lassen. Erinnern Sie sich noch an die russische Volksweisheit? Was ist die Quelle des Alltagsglücks? Das ist, wenn du satt bist, wenn du betrunken bist und deine Nase mit Schnupftabak bedeckt ist. Stimmt’s? Es ist ein einfacherer Umgang mit Leuten, die satt und betrunken sind (…) ihre Nasen sind heute voll mit Kokain, nicht? – Na egal. Mit solchen Leuten ist der Umgang leichter. Aber mit cleveren Leuten ist der Umgang schwierig, weil sie gefährlicher sind, weil sie das Bewußtsein der Gesellschaft beeinflussen, unseres eingeschlossen. Sie hängen alle ihre Absichten und Wünsche versteckt unter der Karotte für uns auf. Das alles haben Sie schon gestreift, als Sie die Möglichkeit einer Verhandlungslösung erwähnten. Das ist der Punkt, an dem sich die Widersprüchlichkeiten innerhalb der westlichen Gemeinschaft zeigen. Es ist offensichtlich. Wir sehen das. Das müssen sie selbst lösen, aber wir werden darauf bestehen, daß unsere Interessen respektiert werden.”

Frage: Die Angriffe des Feindes auf die Belgorod- und die Kursk-Region werden immer dreister. Wie erklärt sich das? Fühlt er etwas? Was ist die Ursache dafür?

Putin: “Dafür gibt es einfache Erklärung. Das alles passiert, um den Rückschlägen angesichts ihres Versagens an der militärischen Kontaktline entgegenzuwirken. Sie haben nicht eines der Ziele erreicht, die sie vergangenes Jahr formuliert hatten. Außerdem ist die Initiative inzwischen vollständig auf unsere Truppen übergegangen. Jeder weiß es und jeder erkennt es an. Ich denke, damit erzähle ich nichts Neues. Aber genau wegen dieser Rückschläge brauchen sie irgendetwas Vorzeigbares. Hauptsächlich muß dabei das Augenmerk auf die Medien in dieser Angelegenheit gerichtet werden. Berichten zufolge sind Saboteurs-Gruppen von bis zu 300 Mann über unsere Grenzen ins Land eingedrungen, viele davon Söldner. Ihre Verluste liegen bei 200 bis 230 Mann. Von den acht Panzern, die sie verwendeten, haben sie sieben verloren. Von neun gepanzerten Fahrzeugen verloren sie alle neun, sieben davon waren amerikanische Bradleys. Sie haben auch andere gepanzerte Fahrzeuge verwendet, aber hauptsächlich zum Truppentransport. Sie transportieren die Söldner zu ihrem Einsatzort, lassen sie raus und machen sich sofort wieder aus dem Staub. Das passiert im Grenzabschnitt Belgorod. Nach meiner Kenntnis operieren sie ein wenig weiter südlich mit viel kleineren Einheiten. Ich habe keine Zweifel, daß der Sinn des Ganzen in einer Störung der russischen Wahlen liegen soll, darin, keine Normalität aufkommen zu lassen, während das Volk seinen Willen zum Ausdruck bringt. Das wäre das Eine. Das Andere habe ich bereits angesprochen. Drittens: Wenn sie wenigstens ein bißchen etwas in der Hand haben, so glauben sie, hätten sie bei künftigen Verhandlungen einen Trumpf nach der Art, wir haben etwas zum Tauschen. Wir geben euch das zurück und ihr gebt uns jenes. Das klappt aber nur, wie ich schon sagte, mit Leuten, die satt und betrunken sind oder ihre Nase in der bekannten Substanz haben. Es ist leichter vorherzusagen, was sie tun werden. Das werden sie auch noch an anderen Frontabschnitten probieren. Aber wir sehen es.”

Putin Voegelchen
“Ganz ruhig, mein EU-Vögelchen” – Screenshot Facebook

Das ist im Grunde das, was ich schon lange behaupte. In ihrer unglaublichen Arroganz rechneten die Weststrategen ursprünglich überhaupt nicht damit, daß sie sich in der Ukraine eine blutige Nase holen könnten. Deshalb hatten sie auch keinen Plan B. Jetzt stecken sie bis zum Hals in ihren eigenen Ländern in Schwierigkeiten, weil sie erklären sollen, wofür es keine gute Erklärung gibt, nämlich, weshalb sie die Wirtschaft ihrer eigenen Länder per Sanktionen ruiniert haben, wofür Nordstream gesprengt wurde, weshalb Hunderttausende Ukrainer und Russen ihr Leben lassen mussten, Millionen Ukrainer geflohen sind, weshalb Abermilliarden westlichen Steuergeldes zum Fenster hinausgeworfen wurden und weshalb überhaupt noch jemand etwas auf ihre Urteilskraft als “Volksvertreter” geben soll. Ein Ding der Unmöglichkeit. Diese Loser haben kein Gesicht mehr, das sie noch wahren könnten. Darum kreist aber dennoch ihre ganze Begehrlichkeit – und wenn es zu solchen hirnrissigen Debatten führt, wie der einer “Taurus”-Lieferung, um, noch ein wenig weiterprovozierend, für sich selbst eine Verlängerung der parasitären Existenz in Saus und Braus zu erreichen. Volksvertreter? Wer? Wo? In Russland vielleicht, aber im “Wertewesten”? – Lächerlich. Hoffentlich bewahrt Wladimir Putin seinen kühlen Kopf und läßt die Parasiten an der Lebensfreude aller Anderen einfach an ihrer eigenen Unfähigkeit langsam weiter ausbluten. Der Tag, an dem sie die Rechnung für ihr asoziales Kalkül präsentiert kriegen, wird auf jeden Fall kommen.

203c5fe982a54e18817df91371c45958

Entdecke mehr von Journalistenwatch

Jetzt abonnieren, um weiterzulesen und auf das gesamte Archiv zuzugreifen.

Weiterlesen