Relotius Reloaded: Der Spiegel blamiert sich wieder mal mit Fake-News

Die Frage, ob der Relotius-Skandal beim „Spiegel“ tatsächlich einen vergleichbar heilsamen Schock und einen journalistischen „Neustart“ wie einst die Affäre um die gefälschten Hitler-Tagebücher beim „Stern“ bewirkt hat, kann inzwischen beantwortet werden: Ganz offensichtlich nicht. Denn nach wie vor tritt das Hamburger Nachrichtenmagazin in jedes sich bietende Fettnäpfchen – wenn nur die politische Grundrichtung lockt. Jetzt fiel der „Spiegel“ prompt auf einen Wahlkampf-Fake zulasten der CDU herein.

Sowas passiert wohl, wenn geifernde Demontagelust gegen Feindbilder von einst mit dem Sensationseifer einer vermeintlich exklusiven Story zusammenfallen: Dann werden redaktionelle Schutzvorkehrungen ausgehebelt – und das immer noch selbst in einem Magazin, das vor keinen vier Jahren in eine existenzielle Glaubwürdigkeitskrise rutschte, weil seine legendäre hauseigene Dokumentation von einem cleveren Gesinnungsjournalisten, der der gesamten Hausmannschaft aus der Seele und dem Herzen schrieb, gelackmeiert und getäuscht wurde. Wenn die Zielrichtung stimmt, klappt dies offenbar immer noch.

Wie „Bild“ berichtet, fiel das Hamburger Blatt auf eine gezielt in Umlauf gebrachte Ente von Aktivisten der linksradikalen Bewegung „Extinction Rebellion“ herein. Dieser zufolge habe sich ein angeblicher, neugegründeter „Zukunftsrat“ der CDU formiert, um die Interessen der jungen Generation in der Partei zu vertreten – und zwar explizit gegen den Bundesvorstand um Kanzlerkandidat Armin Laschet. Im Prinzip also die Institutionalisierung der wirr-naiven Forderungen von klimaempörten Kids, als deren Sprachrohr sich der vom Spiegel verherrlichte Youtube-Kasper Rezo versteht (obwohl er schon fast 30 oder sogar älter ist).

Was zu den eigenen Vorurteilen passt, muss stimmen

Für den „Spiegel“ muss so etwas ja nicht nur wichtig sein und „trenden“, sondern es klingt auch hochplausibel – weshalb die „Schwindel-Nummer“ („Bild“) es prompt auch in den Hauptstadt-Newsletter „Die Lage am Morgen“ des Nachrichtenmagazins schaffte. Damit nicht genug: Der Politikressortleiter und Co-Chef des Berliner Büros des Magazins, Martin Knobbe, gewährte den Aktivisten unter dem Titel „Krawall der Jungen“ auch noch umfangreichen Raum zur Selbstdarstellung – und zitierte genüsslich die scheinbar authentischen Breitseiten des vermeintlichen CDU-Nachwuchses gegen den Vorstand – etwa zu Klima oder Masken-Korruptionsfällen. Als Quelle genügten den „Spiegel“-„Profis“ die E-Mail einer fiktiven „Rosa Schneider“ sowie ein auf deren Namen laufender, erst im letzten Monat eingerichteter Twitter-Account; bei beidem handelt es sich um lupenreine Fakes.

Die CDU hatte, anders als der „Spiegel“, den Schmu schnell durchschaut. Zeitgleich zur peinlichen „Spiegel“-Veröffentlichung hatte CDU-Bundesgeschäftsführer Stefan Hennewig die „Extinction“-Aktivisten schon auf Twitter attackiert und geschrieben: „Das Muster (Tarn-Identitäten, falsche Namen) ist genau die Form von false flag operation, durch die Demokratie und fairer Wahlkampf gefährdet wird.“ Er sei froh, dass sich die Gruppe bei der Aktion so „döspaddelig“ angestellt habe, dass ihr Fake selbst für Blinde sofort als solcher ins Auge fiel.

Anscheinend aber eben nicht für den „Spiegel“, wo nach wie vor das Bewusstsein das Sein bestimmt. Dort hielt man es anscheinend nicht einmal für nötig, bei der CDU um Stellungnahme nachzusuchen – dann wäre man womöglich auf den Nonsens aufmerksam gemacht worden. Die CDU-Pressestelle ist, so teilte die Partei lakonisch mit, über einer Sammel-Mail jederzeit erreichbar „und in Wahlkampfzeiten übrigens durchweg besetzt„. Ein nützlicher Tip für „Spiegel“-Redakteure in Zukunft vielleicht, wenn mal wieder die nächste Meldung über den Ticker läuft, die zwar super zu den eigenen Vorurteilen passt, aber irgendwie doch zu schön ist, um wahr zu sein… (DM)

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