Begräbnis des ukrainischen Soldaten Volodimir Dmytras (28) am 11. Juni 2022 - Foto: Imago

Sehr traurig: Die arme Frau Olena Selenska in der „Welt“

In der „Welt am Sonntag“ darf Frau Olena Selenska, die ukrainische First Lady, über gefühlvoll gestellten Fragen des Herrn Chefredakteurs Poschardt ihr übervolles Herz ausschütten. Das kann man ihr nicht verübeln. Verübeln kann man Herrn Poschardt seine Fragen. Er hat es der Frau Selenska nämlich sehr leicht gemacht. Und mir sind schon wieder die Taschentücher ausgegangen. Die Medienkritik.

von Max Erdinger

Wenn es darum geht, die Ehegattin eines Herrn Präsidenten zu interviewen, der gerade dabei ist, einen völlig überflüssigen Krieg zu verlieren, dann muß der Chefredakteur selber ran. Der Herr Poschardt hat sich auch nicht lumpen lassen. Er stellte Fragen, die nahelegen, daß er ein großes Sensibelchen sein muß. Es entstand nämlich ein Interview, bei dessen Lektüre der Leser aus dem Schluchzen gar nicht mehr herauskommt. Wos a persönliche Tragödie für die arme Frau Olena Selenska.

Poschardt: „Wie geht es Ihnen?“ – Was für eine einfallslose Frage. Gut geht es ihr. Das sieht man doch schon auf dem Foto. Sie duscht bestimmt nicht bloß so kurz wie der Habeck. Mit den Kindern lebt sie irgendwo in der Ukraine an einem versteckten Ort. So steht es jedenfalls in der „Welt am Sonntag“. Das beste an allen versteckten Orten ist trotzdem, daß man nicht feststellen kann, ob sie sich in der Ukraine befinden. Oder in Italien. Theoretisch könnte sie sich mit den Kindern auch in Italien verstecken. Oder in Florida. Dort hat die Familie Selenskyj nämlich teure, sehr repräsentative Immobilien, deren Kaufpreis sich der Herr Präsident vom Mund hat absparen müssen. Aber gut, wenn sie sich irgendwo in der Ukraine versteckt, ist es auch gut. Auf jeden Fall ist es ein versteckter Ort mit Dusche. Aber wie geht es ihr nun laut „Welt am Sonntag“, wenn das schon die einfallslose Frage ist, bei der von vornherein feststeht, daß Frau Selenska nicht wahrheitsgemäß antworten kann, wenn sie sich nicht unbeliebt machen will?

Es geht ihr „wie einem Menschen, in dessen Land Krieg herrscht„. Wie noch? – Wie einem Menschen, „dessen Freunde und Verwandte kämpfen – ein Gedanke, bei dem mir das Herz blutet.„. Sonst noch irgendwie? – Yep. So nämlich: „Es geht mir aber auch wie einem Menschen, der versucht, alles für den Sieg zu tun.“ Ich bitte um Verzeihung, aber ich habe den Verdacht, daß die ukrainische Armee mitsamt ihren inkorporierten Nazi-Bataillonen und den ganzen Söldnern sich den Russen gar nicht erst hätte entgegenzustellen brauchen, wenn sie nur in dem Ausmaß versucht hätte, alles für den Sieg zu tun, wie ihnen das „ein Mensch wie“ Frau Olena Selenska vormacht. Sonst säßen jetzt 45.000 – 70.000 ukrainische Männer bereit, um sich interviewen zu lassen, anstatt in Kriegsgräbern zu verwesen. Gestorben sind sie für einen absolut vermeidbaren Krieg. Daß dieser Krieg nicht vermieden wurde, obwohl er leicht zu vermeiden gewesen wäre, – das ist bis jetzt der Skandal des 21. Jahrhunderts überhaupt. Und die gewissenlosen Pfeifen, die das versemmelt haben, so daß zigtausende Soldaten und Zivilisten ihr Leben verlieren mussten, geistern noch immer durch die Gazetten und flackern über die Bildschirme, um große Töne zu spucken. Das ist der Skandal auf den Skandal obendrauf. Aber gut, die arme Frau Olena Selenska. Sie hat es wirklich schwer.

Poschardt rutscht als nächstes auf einer verbalen Schleimspur daher, daß man fast schon von Glitschkunst reden muß. „Russland hat Ihren beiden Kindern eine unbeschwerte Kindheit und Jugend geraubt. Kann man als Mutter so etwas jemals verzeihen?“ – Da fehlen einem doch die Worte. Da bleibt einem einfach die Spucke weg. Kann er nicht fragen, wie das „bei einem Menschen wie einer Mutter“ ist? Muß er gleich so indiskret und aufdringlich werden? Er konnte doch erkennen, daß Frau Selenska nicht sagen wollte, wie es ihr geht, sondern nur, wie es „einem Menschen wie …“ eben so geht. Ich hätte anders gefragt: Was fühlen Sie, Frau Selenska, wenn Sie Ihre eigenen Kinder anschauen und dabei an die „Allee der Engel“ in Donezk denken? Freuen Sie sich, daß Ihre Kinder noch am Leben sind? Halten Sie es für möglich, daß es eine Absprache gegeben hat zwischen denen, die Greta Thunberg eine unbeschwerte Kindheit und Jugend raubten und den räuberischen Russen, die nun auch noch Ihren Kindern eine unbeschwerte Kindheit und Jugend gestohlen haben? Glauben Sie, daß es ein internationales Verbrecherkartell gibt, das sich darauf spezialisiert hat, den Kindern von Multimillionären und Milliardären eine unbeschwerte Kindheit und Jugend zu rauben? Und noch eine Frage, Frau Selenska: Glauben Sie, daß Sie mit einem korrupten, macht- und geldgierigen Vollversager verheiratet sind? Die westliche Presse hat so etwas nämlich bis vor Jahresfrist über Ihren Mann behauptet. Sie und die Kinder leben doch wohl nicht vom Geld „eines Menschen wie“ so einem?

Ulf Poschardt mit der nächsten schwerstchefredaktionellen Frage: „Was tun Sie, um Ihre Kinder vor Traumata zu bewahren, die sie womöglich ihr Leben lang begleiten?“ – Hat er natürlich vorher nicht gewusst, der Ulf Poschardt, daß er da voll ins Schwarze trifft, weil die Frau Olena Selenska das „nationale Programm für psychologische Hilfe ins Leben gerufen“ hat, in welchem die „besten Fachleute der Welt unseren Psychologen beibringen“ sollen, „wie die posttraumatische Belastungsstörung bekämpft werden kann, wie den Kindern Kraft zum Leben gegeben werden kann„. Warum hat sie das getan, und warum ist Ulf Poschardt von ihrer Antwort überrascht? – Weil sich Frau Selensky „nicht damit abfinden“ will, „dass ukrainische Kinder fürs ganze Leben traumatisiert bleiben. Den Glauben an das Gute in die Welt müssen wir ihnen zurückbringen„. – Meinereiner will sich aber mit solchen rührseligen Antworten auf billige Schleimerfragen nicht abfinden. Deswegen: Was haben Sie hinsichtlich des Guten in der Welt eigentlich gedacht, Frau Selenska, als Sie in den Jahren vor dem Krieg bereits von den Sommercamps der Azow-Bataillone und des Rechten Sektors Wind bekamen, in denen elfjährigen Kindern beigebracht wurde, wie man auf Russen schießt, die eigentlich „Orks“ und gar keine Menschen sind? Haben Sie bereits an Traumatherapie gedacht, als der Amtsvorgänger Ihres korrupten Ehemanns, Herr Petro Poroschenko, in der Werochnwa Rada geiferte, die lieben ukrainischen Kinder würden zur Schule gehen und eine Ausbildung erhalten, während die Kinder der „Orks“ im Donbass ängstlich und dumm in Kellern und Bunkern sitzen würden, weil die „Orks“ ohnehin für alles zu blöde seien und nichts auf die Reihe brächten? – Ach, Sie kennen diese Rede nicht? Und ist Ihnen schon einmal aufgefallen, daß First Ladies in den Interviews westlicher Medien, so, als sei das eine Gesetzmäßigkeit, immer genau jenen Fragenhonig ums Maul geschmiert bekommen, der es ihnen gestattet, sich zum obersten Sensibelmütterchen des jeweiligen Landes zu stilisieren, so daß alle Leser sich wünschen, sie selbst anstelle ihres jeweiligen Ehemannes hätte der Präsident werden sollen? Haben Sie schon einmal darüber nachgedacht, wer diesen fürchterlichen Krieg auf welche Weise hätte verhindern können und wieviel Zeit er dazu gehabt hätte, vorausgesetzt, er hätte nicht lieber seine eigene Seele und die aller Ukrainer an Ost- und Westoligarchen verkauft? Die traumatisierten Kinder in der Ukraine, Frau Selenska, sind die wirklich ausschließlich zu Opfern von bitterbösen Russen geworden? Glauben Sie, daß man Kinder nur mit Krieg traumatisieren kann? Oder halten Sie es für möglich, daß man auch Kinder traumatisieren kann, die in einer Familie mit einem monatlichen Durchschnittseinkommen von 200 Euro aufwachsen? Und zwar in einem eigentlich sehr reichen Land! Warum sind eigentlich vor dem Krieg so viele Ukrainer aus dem Donbass nach Russland zur Arbeit gefahren? Weil die Durchschnittseinkommen dort zwar immer noch lächerlich, aber dennoch dreimal so hoch gewesen sind wie im Donbass? Wie hoch ist das Vermögen Ihres Herrn Gemahls? 850 Millionen bis 1,2 Mlliarden Dollar, munkelt man. Halten Sie es für möglich, selbst traumatisiert zu werden, wenn Sie erfahren müssten, wo er es herhat? Oder wissen Sie das schon? Wieviel Geld hat Ihre Familie aus ihrer Privatschatulle eigentlich schon gespendet für die Traumahilfe? Zehn Millionen? Fünfzig? Hundert?

Um das hier abzukürzen: Auf die Frage, wie Frau Selensky als Mutter eines Jungen den Militär-Zwangsdienst einschätzt, weicht sie ins Allgemeine aus und erzählt phantastische Geschichten von Kolonnen, die sich vor den Rekrutierungsbüros bilden mit jungen Männern, die nichts lieber wollen, als sich für das Wohl der ukrainischen Oligarchen abschlachten zu lassen – und daß das natürlich extrem ehrenvoll sei. In der Ukraine direkt eine Selbstverständlichkeit. Davon, daß es die internationalen Spatzen bereits von den Dächern pfeifen, wie Ukrainer desertieren oder zu den Russen überlaufen, kein Wort. Und Frauen sind natürlich auch an allen ukrainischen Fronten. Die russischen Besatzer seien nicht besser als IS-Terroristen. Mit anderen Worten: Die Frau Selenska ist kein Stück besser als ihr Herr Gemahl.

Eine Poschardt-Frage noch, auf die ich lieber selber antworte. Frage „Abgesehen davon, dass es sich lohnt, für seine Freiheit zu kämpfen, was kann die Welt aus dem Schicksal Ihres Landes lernen?“ – Antwort: Aus dem Schicksal der Ukraine kann niemand etwas lernen, der für seine Freiheit kämpfen will, weil er glaubt, daß es sich lohnt. Wenn er von der Ukraine etwas lernen kann unter Freiheitsgesichtspunkten, dann das: Es gibt keine Freiheit in einem Land, in welchem man die Despoten einfach gewähren läßt, anstatt sie rechtzeitig zu stürzen. Das ist das einzige, was man von der Ukraine lernen kann.

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