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Das ist alles nur geklaut – das ist alles gar nicht meines!

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Die nationalen Sozialisten haben stilistisch und in ihrer Observanz geklaut wie die Raben, weil sie ideologisch und inhaltlich nichts wirklich Substanzielles zu bieten hatten.

von Peter Keuner

Vor einiger Zeit sahen wir im Freundeskreis gemeinsam einen Hollywoodfilm über die staatlichen Verbrechen im Dritten Reich.  Aus einer anerkennend hingeworfenen Bemerkung entspann sich eine hitzige Diskussion mit sehr interessanter Dynamik. Einer meiner Freunde sagte nämlich, als in dem Film ein Offizier der Totenkopf-SS sehr schneidig auftrat, dass “bei allem Abscheu für ihre Taten“ sie doch vorzüglich und sensationell gekleidet gewesen seien. Auch die “fette“ Idee, einer Mörderbande einen Totenkopf an die Mütze zu applizieren, löste bei diesem Gast zuerst noch eine gewisse Bewunderung aus. Doch die Gegenrede folgte auf dem Fuß. Ein anderer Freund sagte abfällig: “Die Uniformen hat doch Hugo Boss entworfen – das haben die Nazis nur bei ihm gekauft!“. Ein weiterer Gast ergänzte sofort: “Den Totenschädel haben die Diebe bei unserem glorreichen Husarenregiment Nr. 17, den sogenannten “schwarzen Totenkopfhusaren“ aus Braunschweig geklaut!“

Die Diskussion nahm Fahrt auf. Die Hakenkreuze klauten die nationalen Sozialisten bei der 1918 gegründeten finnischen Luftwaffe. Die Farben schwarz-weiß-rot waren die Farben des 1867 gegründeten norddeutschen Bundes, selbst eine Kombination aus einerseits dem, rot-weiß vieler ehemaliger Hansestädte (z.B. Hamburg, Bremen, Lübeck, Rostock, Stralsund, Greifswald, Wismar, Braunschweig und Halberstadt) und oftmals in Verbindung mit dem heraldischen Sachsenroß (Niedersachsen und Westfalen)  oder dem Nesselblatt (Schleswig-Holstein) teilweise bis heute heraldisch die Grundlage für Landeswappen bilden  und andererseits dem schwarz-weiß Preussens. Die etwas plump und eher altbacken aussehenden braunen Uniformen der SA kauften die nationalen Sozialisten Mitte der Zwanziger Jahre, indem sie die Restbestände der kaiserlichen Wüstenuniform erstanden. Sie machten das, um sich von der bereits uniformierten Rotfront abgrenzen zu können. Wirtschaftsideologisch bedienten die Nazis sich bei Herrn Gentile aus Italien, dessen keynesianisch-sozialistisches  Wirtschaftssystem sie zu annähernd 100% klauten. Die Idee zur Autobahn stammte aus den USA, aber bereits 1924 lagen komplette Baupläne in Deutschland vor, die lediglich aus Kostengründen nicht umgesetzt wurden.

Theologischideologisch ließen sich die Nazis von Rudolf Steiner und dem gesamten Konglomerat an theosophisch-gnostisch-völkischen Esoterikspinnern wie z.B. Jörg Lanz von Liebenfels (1874-1954), Guido von List (1848-1919) und Helena Petrovna Blavatsky (1831-1891) beeinflussen. Die herausragenden Leistungen der Ingenieure waren nicht dem überlegenen System des Nationalsozialismus geschuldet, sondern ein Ergebnis einer vorzüglichen akademischen Ausbildungsstruktur im Kaiserreich bereits ab spätestens 1888. Babelsberg war die führende Filmmetropole der Welt in den zwanziger Jahren durch sensationelle Filme wie “Das Kabinett des Dr. Caligari“, “Der müde Tod“, “Die Nibelungen“, “Nosferatu“, “Die Frau im Mond“, “Metropolis“, usw… Alfred Hitchcock und Billy Wilder erlernten dort das Filmhandwerk. Nationalsozialistische (Film-)Schaffenskraft?  Im Gegenteil: Viele Schauspieler, Kameraleute, Drehbuchautoren, Musiker, Filmtechniker und Regisseure verließen Deutschland nach 1933 und sorgten dafür, dass aus einem filmtechnischen Provinznest namens Hollywood danach DAS Zentrum des internationalen Films wurde. Babelsberg hat sich von diesem Aderlass nie erholt!

Ja, wir einigten uns bei dem Filmeabend darauf, dass die Verbrecherbande der nationalen Sozialisten derartig limitiert waren, dass sie entweder 1 zu 1 die Systeme anderer übernahmen oder zumindest mit der Leistung bereits bestehender Ingenieure, Unternehmer/Unternehmen oder Handwerker fremde Ideen neu konstruieren ließen. Unterm Strich haben die nationalen Sozialisten gerade einmal zwei nützliche Ideen entwickelt (nämlich das Tierschutzgesetz und den olympischen Fackellauf) , eine bis heute wirkende ätzende Idee in die Welt gesetzt (nämlich das ordnungsgeld- und strafbewährte Tempolimit) und ihre Gesamtdestruktivität durch die hirnrissige Idee der Entwicklung der “Reichskrafttürme“ in die Hirne der Windkraftfanatiker gepflanzt, die gar nicht wissen, dass sie mit der Forderung nach Windkraftwerken heute Hitlers feuchten Träumen von energetischer Autarkie folgen (wobei man fairerweise sagen muss, dass zumindest die Führung damals einsichtiger war als die heutige, denn bereits 1938 wiesen die mit der Planung beauftragten Ingenieure nach, dass die Idee mit Windkraft sicheren, flächendeckenden Strom erzeugen zu wollen kompletter Humbug ist. Daraufhin wurde dieser Unfug beendet – bis einige ingenieurstechnisch unbeleckte und naturwissenschaftlich unterbelichtete Ideolog*innen zusammen mit ein paar windigen Gschaftlhubern auf die schwachsinnige Idee kamen, das bereits widerlegte System dennoch einzuführen.)

Der Rest vom Schützenfest bei den nationalen Sozialisten liest sich wie von den “Prinzen“ eingesungen: “Das ist alles nur geklaut…“

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