Ukraine-Konflikt: Zur Psychologie eines vermeintlich begrenzten Atomkrieges


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Lässt sich ein Atomkrieg perspektivisch überhaupt vermeiden? (Foto:Pixabay)

Aus der britischen Politik hört man Verlautbarungen, nach denen die Ukraine diesen Krieg gewinnen müsse und Russland “lernen” müsse zu verlieren. So also spricht man inzwischen ernsthaft über die größte Atommacht der Erde – und unterstellt so schlicht, dass diese keinesfalls von ihrem atomaren Potenzial Gebrauch machen würde, weil die Konsequenzen ja in einer Kette von alles vernichtenden Gegenschlägen lägen. Diese Unterstellung ist grundfalsch, indem sie gleich mehrere verschiedene psychologische Aspekte ignoriert.

Resümieren wir noch einmal : Am 17. Mai 2022 sind alle Verhandlungen seitens der ukrainischen Regierung dauerhaft abgebrochen worden; selbst ein Waffenstillstand wird abgelehnt. Dadurch wird Russland zur Fortsetzung der Kämpfe gezwungen. Die Forderung nach einem kompletten Rückzug aus allen besetzten Gebieten als Vorbedingung für neue Gespräche ist für die russische Seite inakzeptabel, schon weil sie die bereits seit 1783 zu Russland gehörende Krim einschließt. Zudem würde ein Abzug die überwiegend russischsprachigen Bewohner den wachsenden ukrainischen Repressionen ausliefern (2014: Absetzung des Russischen als parallele Amtssprache; 2017: “Erziehungsgesetz”; 2019: “Sprachengesetz”; 2021 bis Februar 2022: Schließung von sechs russischsprachigen Fernsehsendern; 2022: Verbot von 11 Parteien, Mitte 2023: Komplettes Verbot russischer Ortsnamen; dieser Kurs setzt sich in der Androhung harter Strafverfolgung jeglicher angeblichen oder tatsächlichen “prorussischen Kollaborateure“ fort).

Zwingende psychologische Reaktionen auf der unterlegenen Seite

Nach der faktischen Absage an eine Verhandlungslösung verbleibt beiden Kriegsgegnern nur mehr die Option, forciert einen militärischen Sieg anzustreben. Wie jedoch Tausende historischer Beispiele gezeigt haben, muss ein wirklich abschließender militärischer Sieg stets eine Reihe psychologischer Reaktionen auf der unterlegenen Seite auslösen. Zu diesen gehören am Ende des Kampfes Angst und die Bereitschaft, sich zu unterwerfen. Die Angst wird nach den Kampfhandlungen durch Respekt abgelöst. Dieser stabilisiert die nun geklärte Rangordnung und damit das Sicherheitsgefüge der Region. Gehen vom Sieger idealerweise versöhnliche Signale aus – so wie gegenüber Deutschland nach dem Zweiten Weltkrieg -, kann aus der Gegnerschaft eine Kooperation oder gar Partnerschaft erwachsen.

Doch im Ukrainekrieg fehlen auf beiden Seiten die Voraussetzungen für die Herstellung von Respekt; vor allem auf der ukrainischen Seite – und dies exakt so lange, wie diese im “Wünsch-dir-was”-Modus jede denkbare militärische Unterstützung erhält, und seitens der britischen Regierung sogar in der Illusion gehalten wird, diesen Krieg ernsthaft gewinnen zu können. Die gesamte Situation ist von maximaler Inkompatibilität der beiden Kriegsparteien geprägt – dem Gegenteil dessen also, was Mahatma Gandhi und Martin Luther King als Grundvoraussetzung für gewaltfreie Konfliktlösung erkannt haben, nämlich den Gegner zu verstehen.

Stabilisierender Effekt

Da alle gewaltfreien Alternativen geblockt sind, führt die Eskalation mit zunehmenden Attacken gegen die Krim und mit der nunmehrigen Lieferung von Uranmunition und Streubomben Russland unausweichlich an eine rote Linie, hinter der keine Berechenbarkeit mehr gegeben ist. Psychologisch gilt dies grundsätzlich in allen Situation, welche als existenzbedrohend wahrgenommen werden. Nach Erkenntnissen Niccolo Macchiavellis tendiert eine überlegene Konfliktpartei dazu, zügig einen kriegsentscheidenden Schlag zu führen, um den abschließend “stabilisierenden Respekt” aufzurufen. Dies bedeutet vor dem Hintergrund des augenblicklichen Eskalationskurses allerdings fast unausweichlich einen Ersteinsatz von Atomwaffen von russischer Seite – denn die psychologischen Voraussetzungen für einen Abschreckungseffekt der NATO-Atomwaffen liegen nur lückenhaft vor.

Der korrekte Aspekt der Abschreckungshypothese besteht lediglich darin, dass ein massiver Präemptiv-/Erstschlag in einem konventionell geführten Krieg, der die gegnerische Verteidigungsfähigkeit weitgehend ausschaltet (so wie im 6-Tage-Krieg Israels 1967), zwischen Atommächten unter normalen Umständen nicht führbar ist. Denn selbst eine „weitgehende“ Vernichtung der gegnerischen Atomsysteme wäre nicht ausreichend, da nur wenige verbliebene immer noch inakzeptable eigene Verluste bis hin zur Totalvernichtung verursachen können.

Sieg oder Untergang?

Doch existieren noch zwei weitere, gangbare, atomare Optionen: Die eine wäre der denkbare Einsatz kleinerer, taktischer Atomsprengköpfe, die als Steigerung der bereits durch Streubomben brutalisierten Kriegsführung gesehen werden könnten. Die andere wäre ein singulärer, großer Warnschlag, der Respekt einfordert. Der schroffe Beweis für dessen Funktionieren wurde mit der Zerstörung Hiroshimas und Nagasakis vor 78 Jahren geliefert. Allerdings hätte sich das damalige militärische Ziel, eine verlustreiche amerikanische Invasion Japans vermeiden zu können, auch auf ungleich humanere Weise erreichen lassen; dazu hätten lediglich statt zweier dichtbesiedelten Großstädte rein militärisch relevante Ziele wie Zentren der Rüstungsindustrie ausgewählt werden müssen.

Doch gegen die Ukraine scheidet selbst ein rein militärisch definierter atomarer Warnschlag aus: Denn deren Regierung hat – umso mehr den oben erwähnten, demokratiewidrigen Eingriffen und Propagandamaßnahmen –  freie Hand, die Menschen auf einen surrealen Kurs zu manipulieren, der „Sieg oder Untergang“ heißt. Respekt vor dem Gegner ist darin nicht vorgesehen – jedenfalls nicht, solange der westliche Waffennachschub fließt. Ein Warnschlag kann daher nur Wirkung entfalten, wenn er den Respekt nicht von der Ukraine einfordert, sondern von den Waffen liefernden Ländern. Unter diesen Lieferländern ist das Vereinigte Königreich besonders exponiert, weil es bei der Bedienung der Eskalationsspirale stets vorgeprescht ist. Dazu kommt, dass seit dem Brexit der Schutz durch den EU-Vertrag weggefallen ist, der in Artikel 42/7 eine miltärische Beistandspflicht vorsieht.

Der Militärisch-Industrielle Komplex

Die Schutzwirkung der NATO wird dagegen bei Weitem überschätzt: Der relevante Artikel 5 des NATO-Vertrages regelt die Verpflichtungen für den Bündnisfall kompliziert und schwammig. Die Folgen hatte bereits Frankreich zu spüren bekommen, als es im Algerienkrieg alleine gelassen wurde. Während es für Russland im Moment eines atomaren Warnschlages um die Existenz geht, kann davon bei nicht selbst betroffenen NATO-Ländern keine Rede sein. Zudem hätte das amerikanische NATO-Oberkommando – auch in Hinblick auf China – Grund zur atomaren Zurückhaltung gegenüber Russland.

Doch werden viele der obigen Überlegungen dadurch in Frage gestellt, dass eine weitere, sehr starke Einflussgröße existiert: Als der amerikanische Präsident Dwight D. Eisenhower 1961 aus dem Amt schied, warnte er in seiner Abschiedsrede vor einem wachsenden “militärisch-industriellen Komplex” (MIC), in welchem er eine Gefahr für Freiheit, Demokratie und Sicherheit erkannte. Diese Gruppierung aus Politikern, führenden Personen des Militärs, der Geheimdienste und der Rüstungsindustrie ist nach heutigem Verständnis nur Teil eines umfassenderen Systems, dass sich als „Herrschaft des großen Geldes“ definieren lässt. Dieses Handels- und Finanzimperium, das am 31. Dezember 1600 mit der Privilegierung der berüchtigten East India Company in die Geschichte eingebrochen ist, hat es verstanden, die menschenverachtenden Praktiken der Ausplünderung, der Enteignung, der Übervorteilung, der Meinungsmanipulation, der Bevormundung und der militärischen Gewaltanwendung feudalzeitlicher Landesherren in die Epoche der freiheitlich-demokratischen Zivilisation hinüberzuretten.

Das erkennbare große Ziel

Als Papst Franziskus 2014 feststellte: „Der Kapitalismus braucht den Krieg!”, meinte er damit nicht die Marktwirtschaft. Sondern er meinte eben diese Herrschaft des großen Geldes, jene nicht demokratisch kontrollierte, plutokratische Macht mit ihren bis heute unauffällig privilegierten Handelsoligopolen, einem ebenso privilegierten Finanzsystem, mit ihrem medialen Einfluss, dem MIC und Zehntausenden großer Organisationen – heute als Nichtregierungsorganisationen (NGOs) umschrieben -, die eben dabei ist, die Zivilisation in einen dritten großen Bruderkrieg hineinzumanipulieren. Der unübersehbare Einfluss dieses exklusiven, ultrareichen globalistischen Personenkreises, der selbst freilich über aufwendigste Schutzanlagen verfügt und gegenüber den Nationen europäischen Zivilisation keinerlei Solidarität an den Tag legt, setzt nun auch den unter normalen Umständen wirksamen atomaren Abschreckungseffekt außer Kraft.

Bereits eine nur mäßig vertiefende Beschäftigung mit der Art von militaristischer Politik, wie sie unter dem Einfluss des MIC von Korea bis zum Afghanistan-Desaster stattgefunden hat, zeigte, dass es für ein Land und seine Bevölkerung kaum etwas Schlimmeres geben kann, als von diesen vorgeblich guten Kräften „verteidigt“ oder „befreit“ zu werden. So stellt sich für Europa im Allgemeinen und für das Vereinigte Königreich im Speziellen die Frage, ob beide nicht im Schlagabtausch mit Russland bedenkenlos geopfert würden, wenn sich damit das seit dem 170 Jahre zurückliegenden Krimkrieg erkennbare große Ziel erreichen ließe, Russland endgültig zu zerschlagen und aufzulösen. In diesem Sinne ist allen europäischen Regierungen nahezulegen, sich mit weiteren Waffenlieferungen extrem zurückzuhalten – und diese zwingend an die Bedingung eines Waffenstillstandes und einer Rückkehr an den Verhandlungstisch zu knüpfen.

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