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Neuschwabenland: Mythos und Wahrheit zugleich

Bis vor 200 Jahren war die Antarktis eine menschenleere Kältewüste. Glaubt man. Sicher ist man sich nicht. Wer das Land im tiefsten Süden zuerst entdeckte, ist ebenfalls unklar. Hier liegt Neuschwabenland. Direkt an der Küste in Ostantarktika. Umgeben von Mythen, Märchen und Wahrheiten, bleibt Neuschwabenland ein ewiges Rätsel der Geschichte. Der Mythos besagte, dass Adolf Hitler im ewigen Eis, weitab vom Weltgeschehen, eine uneinnehmbare Nazi-Festung errichten lassen wollte. Wahr ist, dass die Namensgebung Neuschwabenland durch die Nazis erfolgte.

Ausgangspunkt der Mythen um Neuschwabenland ist der 17. Dezember 1938. An diesem Tag brach unter strengster Geheimhaltung ein deutsches Schiff in Richtung Antarktis auf. Die Route führt zu einem unbebauten Abschnitt, der heute als „Queen Maud Land“ bekannt ist. Kapitän Alfred Ritscher ist Mitglied der Marine und hat bereits an Arktisexpeditionen teilgenommen.

Das 8.000 Tonnen schwere Schiff Schwabenland sticht mit zwei Flugzeugträgern in See. Die Expeditionsfahrt ist eine historische Tatsache. Die Beweggründe, die zum Start der Expedition in die bis dahin unerschlossene Region führten, waren der Belege nach eher wirtschaftlicher Natur.  Ein Jagdgebiet für die deutsche Walfangflotte, die den Fettbedarf des Dritten Reiches aus der ausländischen Abhängigkeit befreien würde, sollte geschaffen werden. Doch bis heute ist die Expedition nach Neuschwabenland ein Thema, das immer neue Geschichten mit sich bringt. Eine der wildesten Theorien besagt, Adolf Hitler persönlich habe dort nach der Kapitulation Zuflucht gesucht.

U-Boote sorgten für Verwirrung

Tatsächlich legten nach dem Zweiten Weltkrieg zwei deutsche U-Boote, die U 977 und die U 530, nach wochenlanger Abenteuerfahrt im Seebad Mar del Plata an und sorgten dort gleichermaßen für Verwunderung wie auch für ein Gefühl der Unruhe. Wie konnte es sein, dass noch Monate nach der Kapitulation des Deutschen Reiches zwei Boote der deutschen Kriegsmarine durch den Atlantik geschippert waren? Und hatten die beiden U-Boote etwa einen Geheimauftrag ausgefüllt?

Die beiden Oberleutnants Otto Wermuth und Heinz Schaeffer sowie ihre Besatzung wurden sofort festgenommen. Und als die Presse von der Sache Wind bekam, wurden verschiedene Vermutungen aufgestellt. Eine von ihnen: Die beiden Unterseeboote seien Teil eines größeren Konvois gewesen. Dieser habe Adolf Hitler, Eva Braun, Martin Bormann und andere Nazis nach der Kapitulation Deutschlands in Sicherheit gebracht – zu einer geheimen Festung in der Antarktis.

Diese Theorie wurde von der Weltpresse begeistert aufgenommen und wurde Thema vieler Bücher. Es war jedoch nicht so, dass sich nur sensationshungrige Journalisten für das Thema „Nazi-Festung“ interessierten. Auch seriöse Wissenschaftler versuchten weltweit, die Hintergründe der Legende zu erforschen. Die Welt malte sich aus, wie es Hitler samt Gefolge gelungen sei, in ein sicheres Refugium im ewigen Eis zu fliehen. Darüber hinaus wurden Ängste geschürt, dass die Nazis von der Eisfestung aus eine Übernahme der Weltherrschaft planten.

„Operation Highjump“

Die Spekulationen über die Existenz einer solchen Festung schossen jedenfalls endgültig ins Kraut, als die USA im Dezember 1946/Januar 1947 mit der „Operation Highjump“ eine riesige militärische Aktion in der Antarktis mit fast 5.000 Soldaten, 33 Flugzeugen und 13 Schiffen starten. Bis heute gibt es viele widersprüchliche Meinungen, warum die Operation Highjump überhaupt gestartet wurde. Viele sind der Meinung, dass zur Erforschung der Antarktis nicht so ein großes militärisches Aufgebot nötig gewesen wäre. Vielmehr vermutet man, dass die USA im ewigen Eis des Südpols etwas ganz anderes erwarteten oder von dort aus die Stellung der Sowjets erkunden wollte, mit denen man sich bereits im Kalten Krieg befand.

Fakt ist aber, dass es dort eine ganze Reihe von „Vorkommnissen“ gab. Am 30. Dezember 1946 stürzte das Flugboot George 1 auf einem Patrouillenflug über einem bis dahin unerforschten Teil der Antarktis ab. Nach fast zwei Wochen wurden die Überlebenden von einem Suchflugzeug entdeckt, doch von der ursprünglich neunköpfigen Besatzung waren drei Männer an den Folgen des Absturzes gestorben. Neun weitere Flugzeuge mussten defekt zurückgelassen werden. Natürlich gab es für diese Reihe von Unglücksfällen plausible Erklärungen. Zu bestreiten ist es aber nicht – Flugzeuge stürzten ab, Schiffe und U-Boote wurden stark beschädigt. Und so erklärte Admiral Byrd Anfang März 1947 die Expedition für beendet.

Admiral Byrd im Interview

Am 7. März 1947 erreichte das Führungsschiff Byrds, die „Mount Olympus”, Wellington in Neuseeland. Auf der Fahrt dorthin gab Admiral Byrd einem mitreisenden Journalisten des International News Service ein Exklusivinterview, welches am 5. März 1947 in der damals größten Tageszeitung Südamerikas, dem El Mercurio, in Santiago de Chile veröffentlicht wurde. Darin wies Byrd auf die zukünftige kriegsstrategische Bedeutung der Polregionen hin: „Ich möchte niemanden erschrecken, aber die bittere Realität ist, dass im Falle eines neuen Krieges die Vereinigten Staaten durch Flugzeuge angegriffen werden, die über einen oder beide Pole fliegen werden.”[2] […]

Wen oder was US-Admirals Byrd damit meinte, bleibt bis heute ungeklärt. Bereits kurze Zeit später wurde über einen Antarktisvertrag diskutiert, eine internationale Übereinkunft, die festlegt, dass die unbewohnte Antarktis zwischen 60 und 90 Grad südlicher Breite ausschließlich friedlicher Nutzung, besonders der wissenschaftlichen Forschung, vorbehalten bleibt. Der Vertrag wurde auf der Antarktiskonferenz 1959 von zwölf Signalstaaten in Washington beraten und trat 1961 in Kraft.

Die Russen finden die Wetterstation der Nazis

Das sogenannte Neuschwabenland blieb trotzdem ein spannendes Objekt, auch für die Russen. Denn es beinhaltet auch die russische Arktisinsel Alexandraland und gehört zu den abgelegensten und unwirtlichsten Regionen der Erde. 1943 errichteten und betrieben Meteorologen unter Hitler eine taktische Wetterstation namens Schatzgräber – 1000 Kilometer vom Nordpol entfernt und zwei Jahre nachdem Adolf Hitlers Wehrmacht die Sowjetunion angegriffen hatte. Die hier erhobenen Wetterdaten sollten helfen, die Bewegung von Truppen, Waffen und Schiffen besser zu planen.

Lange rankte sich ein Mythos um die Station: Erst 2016 gelang es russischen Polarforschern, die Überreste von “Schatzgräber” aufzuspüren und zu dokumentieren, wie unter anderem der “Independent” berichtet. Insgesamt sicherten die Wissenschaftler 500 Objekte wie Patronenhülsen, Bunkerreste, meteorologische Messinstrumente, persönliche Gegenstände und sogar noch Dokumente, die Hakenkreuze und andere Kennzeichen des Dritten Reichs tragen. Die Kälte hatte die Hinterlassenschaften gut erhalten. Die Theorie von einer tatsächlichen Nazi-Festung in Neuschwabenland verfestigte sich erneut. Behauptet wird unter anderem, an den Polkappen würden sich Eingänge ins Innere der Erde befinden.

Ein Satellitenbild das den Eingang zur Eisfestung zeigen könnte, geht in der Regel viral – auch wenn sich in wie in diesem Fall nicht viel erkennen lässt. Was genau sich auf der Antarktis befindet oder auch nicht, ist bis heute eine Mischung aus Erzählung, Mythen und Wahrheiten. Zahllose Bücher hat man Neuschwabenland gewidmet. Autoren und Wissenschaftler auf der ganzen Welt beschäftigen sich mit der Geschichte. Militärische Geheimhaltung und Übersetzungsfehler begünstigten die Legende von der Eisfestung. Selbst wenn es sie nie gab, bleibt die Frage: „Was wollten die Nazis im ewigen Eis der Antarktis?“ bis heute ungeklärt. Wenn man der offiziellen Erklärung glaubt und Walfang der Grund war, kann man über die Wirtschaftlichkeit dieses Unternehmens nur den Kopf schütteln.  Das wäre im Nordpolarmeer wesentlich effektiver und günstiger gewesen.

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