Schwierige Zeiten - Foto: Natanael Ginting/Shutterstock

Krieg & Ausland: I Stand With Germany

Es herrscht der blanke Hass auf die Hamas und die “Palästinenser”. Das ist verständlich. Daher ist Selbstreflexion gefragt. Daran scheint es aber erheblich zu mangeln. Und nicht erst seit dieser Woche. In New York riefen “Israelfreunde” bei einer Demonstration zur Ausrottung der “Palästinenser” auf. Aufpassen, Freunde!

von Max Erdinger

Die jahrtausendealte Besiedlungsgeschichte des heiligen Landes gibt den besitzanzeigenden Begriff “Palästinenser” nicht her. Deswegen setze ich ihn auch in Anführungszeichen. Das ändert aber nichts daran, daß es Leute gibt, die sich so bezeichnen und auch weltweit so bezeichnet werden. Das Wort “Terror” wiederum wird im allgemeinen Bewußtsein gern mit dem Begriff “Palästinenser” assoziiert. Das sind die Tatsachen, die aktuell von Bedeutung sind, weil die weltweite Debatte in den Begriffen von “Hamas”, “Palästina”, “Palästinenser”, “Terror” und “Israel” stattfindet. Besiedlungsgeschichtliche Debatten sind zur Zeit nachrangig, da im Augenblick die Emotionen hochkochen – und es sind keine freundlichen. Auf keiner Seite. Wut, Trauer, Hass, Enttäuschung, Empörung, Verzweiflung, Rachsucht: Es ist bisweilen schwer, einen kühlen Kopf zu bewahren. Man sollte es trotzdem ganz unbedingt versuchen. Wer gegen Ungeheuer kämpft, sollte achtgeben, daß er nicht selbst zu einem wird.

Israel wird oft als “jüdischer Staat” bezeichnet – und jedermann weiß, weshalb das so ist. Es leben aber nicht nur Juden in Israel, weswegen man bei den Bürger Israels auch am besten von “Israelis” spricht. Es gibt Länder, die einem die Einreise verweigern, wenn man in seinem Reisepaß bereits einen israelischen Einreisestempel hat. Israelis fallen Terroranschlägen zum Opfer. Weil sie Israelis sind. Meine Sympathie gilt ihnen, weil sie in 75 Jahren aus der Wüste ein blühendes Land geschaffen haben und weil sie während der ganzen Zeit bedroht waren. Tapfere, schaffenskräftige, optimistische und wehrhafte Leute.

Die Hamas

Gerade eben bekomme ich eine Push-Nachricht herein. Markus Söder soll behauptet haben, wer so etwas tut, der sei kein Mensch. Gemeint hatte er die bestialischen Angreifer der Hamas, die unter den Israelis ein fürchterliches Gemetzel veranstaltet hatten. Was Söder sagen wollte, muß hoffentlich gewesen sein, daß ihnen abgeht, was man in der zivilisierten Welt unter “Menschlichkeit” versteht. Faktisch ist es aber so, daß auch ein verkommenes Subjekt in Gestalt eines Hamas-Terroristen, dem die so verstandene Menschlichkeit abgeht, ein Mensch ist. Das wird man akzeptieren müssen, ob es einem gefällt oder nicht. Wer von sich behauptet, er stehe in diesen barbarischen Zeiten “auf der Seite Israels und damit auf der Seite der Zivilisation”, sollte sich wohl besser auf die Seite der Israelis stellen und nicht unbedingt auf die Seite des “Staates Israel”, weil dessen Regierung gerade dabei ist, mit ihrem Vorgehen im Gazastreifen die Zivilisation hinter sich zu lassen. Es dürfte genügend zivilisierte Israelis geben, die das durchaus genauso sehen. Es waren offenbar auch die staatlichen Einrichtungen Israels, die dabei versagt hatten, die Israelis vor der altbekannten Mordlust der bestialischen Hamas-Subjekte zu schützen, obwohl dieser Schutz in keinem anderen Land der Welt von so fundamentaler Bedeutung für alles weitere ist, wie eben in Israel. Daß der Frust über das eigene, eklatante Versagen, bei staatlichen Stellen Israels, Geheimdienstlern, Militärs, Politikern und der Regierung extrem sein muß, ist klar. Und “Versagen” ist dabei noch die günstigste Unterstellung. Jedenfalls im Augenblick noch.

Merkwürdigerweise nimmt die Regierung Netanyahu diesen Frust aber nicht zum Anlaß, um zurückzutreten. Zivilisierte Leute würden das wahrscheinlich tun und ihren Nachfolgern zerknirscht eine glückliche Hand dabei wünschen, genau den fundamentalen Aufgaben besser gerecht zu werden, an denen sie selbst so katastrophal gescheitert sind. Benjamin Netanyahu plädiert stattdessen dafür, die Opposition in die Regierung mit einzubinden, um eine “Einheitsregierung” zu bilden, womit er dann die Opposition neutralisiert hätte und regelrecht zu Komplizen machen würde bei dem, was er offenbar vorhat. Der israelische Verteidigungsminister Yoav Galant hat den Soldaten der IDF im Gazastreifen “freie Hand” gegeben. Eine Militärgerichtsbarkeit wird es für die Soldaten nicht geben, kündigte er an. Was das für die zwei Millionen”Palästinenser” im Gazastreifen – auch die, die mit der Hamas gar nichts zu tun haben – bedeutet, kann man sich an drei Fingern abzählen, sowie man sich überlegt, wie “die allgemeine Stimmung” im Nahen Osten gerade ist. Man bräuchte eigentlich diese drei Finger gar nicht. Es gibt inzwischen erschütternde Bild- & Videodokumente aus dem Gazastreifen, die belegen, daß diejenigen, die im Namen der Zivilisation und ihrer eigenen Zivilisiertheit eigentlich hätten aufpassen müssen, nicht selbst zu dem Ungeheuer zu werden, das sie bekämpfen,  zu genau einem solchen Ungeheuer geworden sind. Es läuft der Tragödie zweiter Teil. Das ist nicht nur unter dem Aspekt der so verstandenen “Menschlichkeit” ernüchternd, sondern unter militärstrategischen und außenpolitischen Gesichtspunkten von sagenhafter Dummheit. Hass frisst Hirn.

Es mag schon sein, daß man hin und wieder einen Hamasfunktionär erwischt, wenn man ohne Rücksicht auf unbeteiligte Zivilisten, Kranke, Alte, Frauen und Kinder den Gazastreifen oberirdisch dem Erdboden gleichmacht. Die Tunnel im Untergrund gibt es dennoch weiter. Dort hausen die Funktionäre des Terrors. Ein Teil von ihnen dürfte inzwischen auch außerhalb des Gazastreifens und auch außerhalb Israels untergekommen sein.  Daß die Hamas völlig auszulöschen sein soll, dürfte ein israelischer Wunschtraum bleiben. Die Hamas wirft den gesamten Gazastreifen den Israelis nicht zum Fraß vor, um sich selbst auslöschen zu lassen. Dazu kommt eine Erfahrung, welche die Wehrmacht in Stalingrad gemacht hat: Es war unklug, die Stadt erst einmal in eine Ruinenlandschaft zu verwandeln und sich so die Trassen selbst zu sperren, auf denen sonst Panzer hätten rollen können. Außerdem bot man den Verteidigern Stalingrads mit der “anarchischen” Anordnung des Schutts und der Ruinen eine Deckung, die von Fall zu Fall immer wieder anders – und daher unberechenbarer geworden war, als es eine geordnete Ansammlung von intakten Gebäuden gewesen wäre. Im Moment legt die IDF Block um Block den Gazastreifen in Schutt und Asche. Dort leb(t)en über zwei Millionen “Palästinenser”.

I Stand With Germany

Was das aktuelle Vorgehen der IDF in der arabischen Welt auslöst, kann man sich leicht ausmalen. Und ebenso leicht kann man sich ausmalen, wie das auf die “Freunde Israels” im “Wertewesten” zurückfallen wird. Vorhin habe ich gelesen, daß bei einer “Pro-Israel-Demonstration” einer der Demonstranten, ein 55-jähriger Deutscher, von “pro-palästinensischen” Syrern getreten worden sein soll. Das interpretiere ich als einen Vorboten dessen, was noch kommen wird.

Dem Kanzler scheint inzwischen die Düse zu gehen. Strafbar sei es, verkündete er nun, eine Terror-Organisation namens Hamas zu unterstützen. Die deutschen Bundesregierungen hatten allein in den vergangenen drei Jahren insgesamt 1,2 Milliarden Euro nach “Palästina” überwiesen, wohlwissend, daß die Hamas im Gazastreifen “regiert”. Als Terrororganisation eingestuft worden war die Hamas erstmals im Jahr 2001. Die Einstufung wurde zunächst aufgehoben – und seit 2017 gilt die Hamas erneut als eine Terrororganisation.

Benjamin Netanyahu ist zum fünften Mal israelischer Regierungschef. Wie dieser Tage von Scott Ritter in Erinnerung gerufen wurde, wollte Netanyahu früher bereits den Gazastreifen auf die Sinai-Halbinsel verschieben und die “Palästinenser” umsiedeln. Entsprechende Verhandlungen habe es ägyptischen Quellen zufolge damals mit dem 2011 zurückgetretenen Präsidenten Husni Mubarak gegeben, der dieses Ansinnen brüsk zurückgewiesen habe und auch sagte, daß keiner seiner Amtsnachfolger je eine solche territoriale Abtretung ägyptischen Staatsgebietes zulassen würde. Netanyahu könne sich seine Überzeugungsversuche sparen. Im Augenblick entkommt auch keiner der zwei Millionen “Palästinenser” im Gazastreifen nach Ägypten im Süden. Der Grenzübergang Rafah ist geschlossen und die Ägypter schützen ihre Grenze. Der Gazastreifen ist komplett abgeriegelt. Ein riesiges “Freiluft-KZ”, wie Ex-CIA-Mitarbeiter Ray McGovern formulierte. Mir wäre diese Bezeichnung nicht über die Lippen gekommen. Schon gar nicht im Zusammenhang mit der Präsenz israelischer Truppen dort. Es wird Zeit für die Nutzer der sozialen Netzwerke, meine ich, ihren Bekenntnisdrang in realistische Bahnen zu lenken. Profilbilder mit “I Stand With Germany” scheinen mir im Moment die förderlichsten zu sein. Daß heutige Deutsche die Freunde der Israelis sein wollen, ist eine ganz andere Geschichte. Zum Zeitpunkt des Terrorangriffs der Hamas am 8. Oktober sollen sich 100.000 Deutsche im heiligen Land aufgehalten haben. Die Israelis sind aber nicht Israel. “I Stand With Israel” wird angesichts dessen, was im Gazastreifen gerade vor sich geht, nicht lange zu halten sein. In Israel ist es nämlich wie überall: Es gibt mal solche und dann wieder andere Regierungen.

Und es gibt nicht nur Benjamin “Bibi” Netanyahu, Yoal Gallant, fanatisierte Unmenschen in New York, die “im Namen Israels” die komplette Ausrottung der “Palästinenser” fordern. Es gibt nicht nur Typen wie den widerlichen Lindsey Graham im US-Senat, der in dieselbe Kerbe haut und schon in Sachen Ukraine den zynischen Widerling vom Dienst gegeben hat.

Jitzchak Rabin

In Israel gab es einmal einen Premierminister namens Jitzchak Rabin. Er hatte am Abend des 4. November 1995 an einer großen Friedenskundgebung auf dem Platz der Könige Israels in Tel Aviv teilgenommen. Die Veranstaltung stand unter dem Motto “Ja zum Frieden, Nein zur Gewalt”. Aus Rabins Rede: “Ich möchte gerne jedem Einzelnen von euch danken, der heute hierher gekommen ist, um für Frieden zu demonstrieren und gegen Gewalt. Diese Regierung, der ich gemeinsam mit meinem Freund Shimon Peres das Privileg habe vorzustehen, hat sich entschieden, dem Frieden eine Chance zu geben – einem Frieden, der die meisten Probleme Israels lösen wird. […] Der Weg des Friedens ist dem Weg des Krieges vorzuziehen. Ich sage euch dies als jemand, der 27 Jahre lang ein Mann des Militärs war.”

Jigal Amir, ein israelischer Jurastudent religiös-fanatischer Überzeugung, schoss nach Jitzchak Rabins Rede auf den Premierminister, als der die Bühne verließ und zu seinem Auto geleitet wurde. Ein Hamas-Terrorist war dieser Jigal Amir nicht. Rabin starb trotzdem kurz darauf im Ichilov-Krankenhaus.

Aus den Erinnerungen seiner Ehefrau Leah Rabin: “ ‘Da ist sie!‘ brüllten sie, als ich in die Garageneinfahrt unter unserem Miethaus einbog. Ich saß ganz allein in dem Wagen, kein Sicherheitsbeamter bei mir. ‘Nach den nächsten Wahlen wirst du mit deinem Mann auf dem Marktplatz hängen. Mit den Füßen nach oben. Wie Mussolini und seine Mätresse’, brüllte jemand aus der Menge. … Einige der Demonstranten vor unserem Mietshaus verglichen uns sogar mit Nicolae und Elena Ceaușescu, dem vielleicht meist geschmähten Despotenpaar der Neuzeit … Jitzchak und ich bekamen diese Schmähungen, diese Vergleiche mit faschistischen Unmenschen immer häufiger zu hören, je mehr der Friedensprozess an Dynamik gewann. Auf einer Demonstration in Jerusalem einen Monat zuvor hielt Benjamin Netanjahu am Zionsplatz eine Rede, während irgendjemand ganz in seiner Nähe ein Bild, das Jitzchak in Naziuniform zeigte, vor einer laufenden Fernsehkamera hin- und herschwenkte. An diesem Freitag, dem 3. November 1995, skandierten die Demonstranten auf der anderen Straßenseite ihre Diffamierungen, bis Jitzchak etwa gegen sechs Uhr abends nach Hause kam. … Schon Monate zuvor waren in der Öffentlichkeit die ersten Poster aufgetaucht, die Jitzchak als Verräter und Mörder brandmarkten. Sie hingen an jeder Straßenecke, an Leitungsmasten, Pfosten und an Laternenpfählen. Fotomontagen zeigten Jitzchak mit der kufiyah, dem arabischen Kopftuch. Als ich einmal ohne Jitzchak mit dem Auto aus Jerusalem herausfuhr, bat ich den Fahrer, an einer Kreuzung anzuhalten. Wir stiegen aus und rissen diese schrecklichen Poster herunter, die Jitzchak als Verräter Israels darstellten.“  – Nazi, Antinazi und Minusnazi.

Nebenbei: Ich überlege mir schon die ganze Zeit, warum ich auf den Bildern der bestialisch massakrierten Israelis immer nur hübsche Frauen, nette Familien, treusorgende Krankenschwestern und solche Sympathieträger präsentiert bekomme zu meiner “Information”. Die Hamas-Terroristen müssten doch auch dicke, hässliche und alte Leute massakriert haben, von denen es Erinnerungsbilder gibt? Ist das vielleicht deswegen so, weil man als “Informierter” viel wütender wird, wenn Leute massakriert wurden, die einem sympathisch vorkommen? – Wahrscheinlich. Nicht mit mir.

Ich würde nicht darauf wetten, daß der Staat Israel unter einer Regierung Netanyahu den großen Krieg als Staat überlebt, auf den er sich gerade vorbereitet. Im Jahr 2006 bereits stand die israelische Armee im Südlibanon einer 3.000-Mann -Armee der Hisbollah gegenüber, was für die zahlenmäßig weit überlegenen Israelis einen sehr negativen Ausgang genommen hat. Wer sich überschätzt, verliert anscheinend immer. Die Amerikaner in Vietnam und in Afghanistan, die Deutschen im Zweiten Weltkrieg, die Ukrainer gerade bei sich daheim. Die Regierung Netanyahu könnte sich gerade ganz gewaltig überschätzen. Ausgerechnet jetzt, wo es nach dem unerklärlichen Terror-Angriff der Hamas-Terroristen überhaupt keinen Grund dafür gäbe, sondern kühle Analyse gefragt wäre. Und wem wäre dann geholfen gewesen mit diesem verständlichen, dennoch aber unreflektierten Furor? – Das ist die Frage. Niemandem, nehme ich an. I Stand With Germany.

 

 

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