Doppelsinn: Klagender Jude an der westlichen Wand (Klagemauer in Jerusalem) (Symbolbild:Imago)

Und deshalb seid Ihr Antisemiten

dadbbbb931b14a99ba10a2e58b253aaf

Ein Kommentar von Daniel Matissek

Es gibt Journalisten, die wollen gar keine Menschen überzeugen. In erster Linie wollen sie Belegstellen zur Bestätigung bereits in den Köpfen ihrer Leser und Zuschauer existierender Vorurteile liefern – weil es auch ihre eigenen Vorurteile sind. Applaus erhalten sie dafür fast nur von ihrer ohnehin bestehenden Fanbase, Blase oder Anhängerschaft, und sie verwechseln diese dann mit breiter Resonanz und Anerkennung – obwohl sie keinen einzigen “abgeholt” oder überzeugt haben, der es anders und womöglich klarer sieht. Sie schreiben, sprechen und senden für die, die an überhaupt keiner kritischen Hinterfragung und Neuadjustierung der eigenen Sichtweise interessiert sind, sondern nur nach Scheinbelegen für deren Richtigkeit gieren.

Diese Form publizistischen fishings for compliments ist ein großes Ärgernis, das gerade in der kritischen Gegenöffentlichkeit grassiert. Ich habe vor drei Wochen über die “Dritte Spaltung” geschrieben, die das oppositionelle Lager in Deutschland derzeit infolge des Nahost-Konflikts erfährt (die erste Spaltung war Corona, das zweite der Ukraine-Konflikt), und infolge derer sich ungeahnte Querfronten und Brüche auftun. Inzwischen lässt sich sagen, dass diese Spaltung beim Thema Israel noch weitaus tiefer reicht als zunächst angenommen. Dafür gibt es einen Grund: Der aktuelle Gaza-Krieg ist nämlich der Scheidepunkt, ja, der ultimative Lackmustest, an dem sich zeigt, wer auf Seiten des vielgerühmten “Widerstands” in Deutschland, der dem “System” den Kampf angesagt hat, wirklich sachlichen und grundwertebasierten Maßstäben folgt und somit “besser” ist als die, die er zu Recht anprangert – was im Fall der Ablehnung des Corona- und Impfregimes, der Kritik an einer fatalen Massenmigration oder gebotener Skepsis gegenüber der Klimaschutz-Bewegung absolut gegeben war respektive ist -, und wer in Wahrheit doch eher auf raunende, dumpfe, uralte Vorurteilen, Stereotypen und seit Jahrzehnten oder Jahrhunderten widerlegte, veritable Verschwörungstheorien abfährt.

“Täterstaat” Israel

Ich spreche hier von einem latenten bis offenen Antisemitismus innerhalb der kritischen Gegenöffentlichkeit und der “alternativen” Oppositionsszene, der sich hinter “Israel-Kritik” – treffender wäre Israel-Bashing oder Israelhass – verbirgt und der in seiner auf Halbwissen und selektiver Quellenrezeption basierenden Oberflächlichkeit dem Antisemitismus der Linken in nichts nachsteht, ja diesen nicht selten sogar noch um eine reaktionäre, geschichtsrevisionistische Komponente des völkisch-nationalsozialistischen Judenhasses erweitert.

Leider liefern viele Vertreter der kritischen Szene dieser Tage mit dem, was sie – intellektuell mehr oder weniger tiefgängig und durchaus nicht unraffiniert – über den “Täterstaat” Israel, den globalen Einfluss “der Juden” und über die Hintergründe des Nahost-Konflikts vom Stapel lassen, den System- und Mainstreammedien die lange ersehnte Bestätigung, dass es offenbar tatsächlich jene ungute Kongruenz zwischen “Querdenkern“, “Klimaleugnern“, “Rechten” (Zuschreibungen, die – soweit es die kritische Haltung zu den genannten Themenbezügen betrifft, – eigentlich nichts Ehrenrühriges sind!) einerseits und echten Hardcore-Antisemiten andererseits gibt. Natürlich sind nicht alle so, doch diese Schmutzfinken desavouieren eine ganze kritische Bewegung und bieten damit dankbare Angriffsflächen für Staat und Mainstreammedien, indem sie etwa der Unterstellung Nahrung geben, durchgeknallte Extremfiguren wie Attila Hildmann seien eben doch keine Einzelfälle dieser Szene. Leider zeigen die Reaktionen auf den Israel-Konflikt (und hier nicht etwa auf den Hamas-Terror, sondern auf die israelische Antwort darauf), dass es doch viel mehr sind als befürchtet, die hier jetzt die Maske fallen lassen. Und auch wenn eben dies die erwähnte dritte Spaltung vertieft: Man darf es ihnen nicht durchgehen lassen. Aus verschiedenen Gründen.

Ukraine-Argumentation ad absurdum geführt

Zum einen machen sie sich selbst unglaubwürdig, indem sie ihre bisherige Argumentation im Fall der Ukraine ad absurdum führen. Es entbehrt nicht einer gehörigen Portion Ironie, dass all die Argumente, mit denen die russische Aggression in der Ukraine relativiert und verteidigt wurde, umgekehrt im Fall Israels plötzlich nichts mehr zählen. Das, was sich am 24. Februar 2022 in der Ostukraine ereignete, war formal natürlich ein Angriffskrieg, wird bis heute aber von genau denselben als militärische Spezialoperation und damit als legitime Intervention zur Wiederherstellung einer zuvor von der Ukraine verletzten Ordnung verteidigt, die jetzt Israel für eben dasselbe attackieren. Nach dieser Lesart, der eine gewisse Berechtigung nicht abgesprochen werden kann, diente der russische Einmarsch im Rahmen gewährter Bestandsgarantien der Durchsetzung der völkerrechtlicher Selbstbestimmung der Donbas-Bevölkerung, ferner zudem der Beendigung einer seit 2014 laufenden permanenten Terrorisierung der russischstämmigen Bevölkerung. Und genau dies wurde und wird vehement gerechtfertigt und gutgeheißen von just denselben, die jetzt die israelische Reaktion auf den bestialischen Terrorakt vom 7. Oktober verurteilen.

Ein Terrorakt wohlgemerkt, der nicht aus dem luftleeren Raum kam, sondern in einer 75-jährigen Kontinuität von vier arabischen Angriffskriegen, unzähligen Einzelanschlägen und einen pausenlosem Raketenbeschuss zu sehen ist. Die israelische Reaktion auf die Greuel vom 7. Oktober erscheint unter  jedem erdenklichen Blickwinkel legitimer als das, was Putin vom Zaun gebrochen hat. Doch diesmal, da sich ja Israel und nicht Russland wehrt, gelten plötzlich umgekehrte Maßstäbe: Hier wird der Gegenschlag zum “Genozid”. Wenn also seit 2014 im Donbass 14.000 Russischstämmige durch die “wertewestliche” Ukraine massakriert worden sein sollen und Putin deshalb jedes Recht hatte, dieses Land anzugreifen, Millionenstädte in Schutt und Asche zu legen und Hunderttausende an Toten zu verschulden: Dann soll das für Euch Neunmalklugen etwas ganz anderes sein, als wenn jetzt Israel eine nicht annähernd vergleichbare, wesentlich zurückhaltendere “militärische Spezialoperation” durchführt? Euch kann man nicht mehr ernst nehmen.

Plötzlich ist das “Völkerrecht” wieder angesagt

Auch, dass Ihr euch ausgerechnet im Fall Israels auf das “Völkerrecht” beruft, ist nur mehr lächerlich. Auf jenes Völkerrecht also, dessen Gültigkeit ihr zuvor stets geleugnet habt, das ihr rabulistisch und beckmesserisch zerpflückt habt, wenn es von den Amerikanern oder der EU gegen Putin reklamiert wurde? Dessen Nichtigkeit und Beliebigkeit Ihr angesichts seiner fortwährender Missachtung nicht nur durch Autokraten, sondern eben auch durch NATO und vor allem die USA Ihr stets genüsslich betont habt? Dasselbe gilt übrigens auch für Wieselworte und Gummibegriffe wie “Völkermord” oder “Kriegsverbrechen“. Nur wer Juden hasst, für den sind 1.000 ermordete Juden kein Thema – aber ein Toter durch den Juden, der sich gewehrt hat, wird bei euch zum Beweis eines Völkermordes? Ich verachte diese Doppelstandards. Zumal die “Informationen” über die angeblichen israelischen Kriegsgreuel im Gaza von denselben Terroristen stammen, die mit ihrem barbarischen Gemetzel vom 7. Oktober genau die militärische Reaktion provozieren wollten, die sie jetzt vermelden und instrumentalisieren. Das scheint Euch nicht zu stören: Sofern es Zahlen von zivilen Opfern sind, gelten sie als hochglaubwürdig.

Wenn dieselben Quellen aber zynisch zugeben, ihre Hauptquartiere und Abschussrampen in Wohnviertel, Krankenhäusern und Kindergärten zu legen und ganz bewusst möglichst viele zivile Opfer als “Märtyrer” in Kauf nehmen, dann wird die Authentizität bezweifelt. Und wenn etwa der hochrangige Hamas-Politiker Musa Abu Marzouk diese Woche auf die Frage, wieso in dem von zweckentfremdeten westlichen Hilfsgeldern gebauten 500-Kolimeter-Tunnelsystem im Gazastreifen  keine Schutzräume für die palästinensischen Zivilisten enthalten sind, kaltschnäuzig antwortet: “Wir haben die Tunnel für uns, Hamas gebaut, um uns im Krieg gegen Israel zu verteidigen. Die Bürger im Gazastreifen hingegen unterliegen der Verantwortung der Vereinten Nationen”, und damit ungerührt einräumt, dass sich die Hamas für das Schicksal ihrer Zivilisten nicht zuständig fühlt: Dann blenden sie es aus. Unmenschlichkeit darf in diesem Konflikt nur für die Israelis reserviert sein.

Und wenn es Christen statt Juden wären?

Ich frage mich bei den “Israel-Kritikern“, die die angeblich “überzogenen” und “unverhältnismäßigen” Angriffe Israels verurteilen (natürlich ohne sagen zu können, wie denn ihrer Meinung nach eine “angemessene” Reaktion auszusehen hätte), wie wohl ihre Sicht auf die Ereignisse wäre, wenn anstelle des Staates Israel 1948 ein rein christliches Staatenprojekt im Nahen Osten gegründet worden wäre, das unter Dauerbeschuss stünde? Wenn es also nicht Juden, sondern eingewanderte  Christen gewesen wären, die den Palästinensern “ihr” Land angeblich “weggenommen” hätten… also etwa eine Art Neuauflage der christlichen Kreuzfahrerstaaten? Und dass dieser Staat natürlich ebenso angefeindet worden wäre, steht angesichts dessen, was mit den christlichen Gemeinden und Siedlungsgebieten im Nahen Osten seit 1948 geschehen ist (Beispiele: Libanon, Syrien, Irak…), außer Zweifel; würden die jetzt plötzlich so rührend-mitfühlend um die arabische Zivilbevölkerung trauernden Israel-Scharfrichter eine militärische Reaktion dann ebenso verdammen, wenn dieser christliche Staat attackiert worden wäre? Wenn die Opfer also mehrheitlich nicht Juden, sondern andere “Ungläubige” gewesen wären?

Wohl kaum. Im Gegenteil: Mit hoher Wahrscheinlichkeit würden die, die den Zionismus als verdammenswertes Projekt abtun, in diesem Fall nach einem neuen Kreuzzug schreien und jede Bombe auf Gaza mit Genugtuung feiern. Man muss sich dazu nur anschauen, wie dieselben, die jetzt Täter-Opfer-Umkehr betreiben und Israel an den Pranger stellen, im Falle der islamistischen Terroranschläge auf die Redaktion von “Charlie Hebdo”, den Bataclan und andere Metzeleien in Europa reagiert haben, die alle unter denselben “Allahu-Akbar!“-Rufen stattgefunden hatten wie die Gräueltaten auf dem Supernova-Festival in der Negev-Wüste oder im Kibbuz Be’eri oder übrigens auch nach jedem einzelnen der zahllosen Fälle, in denen Islamisten und muslimische “Schutzsuchende” Deutsche auf den Straßen mit Messern massakriert haben. In all diesen Fällen redete keiner von “Gräuelpropaganda“, von “Lügen“, von “Let it happen on purpose”; keiner verdächtigte hier die Opfer der Mitschuld oder gar der Inszenierung, um eine anschließendeVerfolgung wehrloser und unschuldiger Muslime zu legitimieren. Jetzt, wo die Opfer Juden und der Angegriffene Israel ist, haben sie kein Problem damit, die “Allahu-Akbar!”-Brüller zu den wahren Leidtragenden umzuframen.

Übersehene Parallelen

Allein die Weigerung, offensichtliche Parallelen zu erkennen und zu konzedieren, dass der islamistisiche Terror der Hamas und der Terror von 9/11, von Madrid, London, Nizza, Paris und Berlin, letztlich ziel- und wesensidentisch sind, kündet von antisemitischen Ressentiments. Denn dies ist kein territorialer Konflikt, wie man uns einreden will; dazu ist alles Wesentliche erschöpfend gesagt, auch hier auf Ansage! (die nach dem UN-Teilungsplan den Palästinensern zustehenden Gebiete haben sich zu einem vielfach größeren Teil Ägypten und Jordanien, also die arabischen Brudervölker, unter den Nagel gerissen; es existiert bereits seit 35 Jahren ein palästinensischer Staat – Westjordanland und Gaza; Israel weist nicht einmal 0,2 Prozent der gesamten arabischen Siedlungsfläche; die “Einpferchung” der Palästinenser in Gaza geht vor allem von den Arabern, nicht Israel aus, siehe die militärische Abriegelung der Grenze zu Ägypten; und, und, und). Jeder Blick auf die Karte der Region zeigt bereits die Absurdität des “Umzingelungsarguments”, das in Wahrheit umgekehrt allein auf Israel zutrifft.  “Die Palästinenser” – ein an sich inexistentes Volk, es sind Araber – und ihr “Palestine” waren in der Geschichte niemals “free“; vor Israel hatten das von ihnen beanspruchte Gebiet die Kolonialmächte beherrscht und davor viele Jahrhunderte die Osmanen – und all das, ohne dass sich die dortigen Einheimischen den  “Landräubern” störten. Nein, sie stören sich an Juden – so, wie sie sich an Ungläubigen grundsätzlich stören. Und deshalb wurden auch weitaus mehr Juden aus den muslimischen Staaten nach Israel vertrieben, als Israel an Arabern seit 1948 “vertrieben” hat.

Das Offensichtliche – dass Muslime keinen ungläubigen Fremdkörper in ihrer Nachbarschaft dulden, weder im Kleinen wie im Großen – wird in diesem Fall von Denselben geleugnet, die in Europa ansonsten vor eben dieser Entwicklung warnen. Nirgendwo sonst bestreiten sie, dass ab einer bestimmten muslimischen Populationsdichte die Intoleranz gegenüber den Indigenen ins Uferlose wächst und der Terror überhandnimmt – so, wie es in Nigeria geschieht, wie es im Sudan, in Eritrea, auf den Philippinen und zuvor in etlichen Ländern von Maghreb und Maschrek der Fall gewesen ist. Bloß wenn die Opfer dieser Aggression und Expansion Juden sind: Dann sind die Dschihadisten plötzlich in einem gewissen Recht; dann sollen mit einem Mal andere Gründe gelten. Wobei die Kreativität der “Palästinenserversteher” (um das Unwort “Putinversteher” zu paraphrasieren) kaum Grenzen kennt: Mal wird da ein partikularer religiöser Sonderkonflikt zwischen “religiösen Fanatikern auf beiden Seiten” konstruiert, den “wir in Europa” weder “verstehen” könnten noch zu “unserem Krieg” machen sollten, da dieser im Hass zwischen angeblich mosaisch-fundamentalistischen Juden (Sichtwort “Dritter Tempel“) und Mohammedanern wurzele.

Es geht um den Islam gegen die Moderne

Der Koran gliche, erzählen sie uns, dem Talmud angeblich aufs Haar (eine unsägliche und schiefe Relativierung!), und die Juden seien in alttestamentarischer Rachsucht gefangen. Dass es im Islam nie eine durchdringende geistige Reformbewegung gab, hingegen europäische Juden nicht nur maßgeblich die westliche Aufklärung mitprägten, sondern das Judentum eine Haskala durchlief, scheint zu ihnen nie durchgedrungen zu sein. Von anderen wiederum wird behauptet, es handele sich um den nächsten “Stellvertreterkrieg” der USA, eine Vorstufe des “Great Reset”, den Israel – das natürlich selbst gar kein Rechtsstaat sei – im Dienst des globalen Westens vom Zaun gebrochen habe. All diese Deutungsversuche, gedacht zur Entsolidarisierung mit Israel, zeugen von einem erschreckenden Unwissen über die “Vorgeschichte” dieses Konflikts (während die Ausblendung dieser Vorgeschichte im Fall der Ukraine stets beklagt wurde) und von einer Klitterung, wenn nicht Vergewaltigung der Tatsachen.

Nochmals: Es ist genau umgekehrt, wie hier behauptet wird. Der Krieg, der Israel derzeit wieder aufgezwungen wurde und den es seit 75 Jahren führen muss, ist derselbe, den wir dank Millionen importierter Muslime auch auf unseren Straßen längst austragen (wenngleich sein offener Ausbruch in Europa erst noch bevorsteht). Es ist der Kampf zwischen Islam und Moderne. Dies kann nur der übersehen, dessen eigener nie aufgearbeiteter, ererbter oder anerzogener Antisemitismus noch größer ist als seine Abneigung gegen den politischen und militanten Islam.

Was wir wirklich “nicht verstehen” können

Wenn wir als Europäer tatsächlich an diesem Konflikt etwas “nicht verstehen” können (wie die Verfechter einer Nichteinmischungsdoktrin” behaupten, die in Wahrheit nur den auf die Vernichtung Israels abzielenden Arabern nützt), dann ist es dies: Seit drei Generationen in unmittelbarer Nachbarschaft mit geschworenen Todfeinden zu leben; jederzeit um Leid und Leben der eigenen Familie Freunde bangen zu müssen; in ständiger (wenn auch zuletzt durch den Iron Dom geminderter) Angst vor Raketenbeschuss zu sein; seinen Alltag unter permanenten und extremen Sicherheitsvorkehrungen zu verbringen; jedes Jahr mehrwöchige Militärübungen für den Ernstfall absolvieren zu müssen und in ständiger Erwartung eines Krieges zu stehen; ständig auf die Einsatzbereitschaft der eigenen Armee vertrauen zu müssen und da, wo diese – wie beim Hamas-Überfall vor drei Wochen, was von israelischen Geheimdienstmitarbeitern selbst kritisiert wurde!) als Folge einer nachlassenden Vigilanz und schierer Unaufmerksamkeit einmal, sogleich bestialische Angriffe erwarten zu müssen. DAS alles können wir uns fürwahr nicht vorstellen. Und genau das ist die Lebenswirklichkeit in Israel; wer schon einmal dort war, bekommt eine Ahnung davon. Von “Apartheidstaat“, von “Unterdrückungsregime“, von “Aggressor“, und was eine erfolgreiche propalästinensische Linkspropaganda dergleichen noch so alles in verirrte Hirne hierzulande gehämmert hat, redet garantiert keiner mehr, der mit offenen Augen das Land bereist hat.

Ich habe früher schon in anderem Zusammenhang geschrieben: Wo sich jemand in diesem Konflikt positioniert, hängt maßgeblich davon ab, ab welchem Zeitpunkt er in diese Geschichte eingestiegen ist. Von wem er seine Primärinformationen und seine Erstprägung erfahren hat und inwieweit er anschließend bereit war, diese zwangsläufig einseitige Darstellung durch ein – in diesem Fall leider unumgängliches –  intensives Geschichtsstudium kritisch zu überprüfen und sich aus unterschiedlichen Quellen über die Hintergründe dieses extrem komplexen Konflikt einen fundierteren Überblick verschaffen. Das ist schon für diejenigen äußerst, die weder islamophob noch antisemitisch sind; für denjenigen aber, der sich dem Themas im Zustand besonderer Voreingenommenheit und Inferenz annähert (zum Beispiel aus einer antisemitischen oder judenfeindlichen Grundhaltung heraus, derer er sich womöglich selbst gar nicht bewusst ist), ist jede objektive Einordnung des Konflikts schlechterdings unmöglich.

Alte Stereotypen gelangen wieder zu Ehren

Und leider stellen wir dieser Tage fest, dass dieser antisemitische Reflex offenbar gerade in der Gegenöffentlichkeit – also bei denen, die für sich eine besonders luzide, unvoreingenommene und kritische Sichtweise beanspruchen und sich bei all den anderen großen Triggerthemen unserer Zeit (Corona, Klima, Ukraine…) für propagandaresistent halten –  doch weitaus größer ist als befürchtet. Leider muss auch ich konstatieren, dass viele von mir für hochintelligent gehaltene Zeitgenossen, mit denen ich ansonsten auf absoluter Wellenlänge bin, was den Skeptizismus gegenüber bedrohlichen Fehlentwicklungen auf globaler Ebene, Kultur marxistischen und Öko sozialistischen Transformation anbelangt, beim Thema Israel durchdrehen,  ja ungeahnt plump ticken. Sie merken gar nicht, wie sehr sie den Mindset jener perfiden Anti-Israel-Propaganda absorbiert haben, die von den ansonsten so verdammten Mainstreammedien und Linken infolge derer eingefleischter Palästinenser-Sympathien seit Jahrzehnten hierzulande verbreitet wurde. Dazu passt, dass den Anklägern Israels plötzlich UN, UNESCO und andere Instanzen als hochseriöse Quellen gelegen kommen und von ihnen ganz unkritisch zitiert werden, obwohl diese gerade noch in anderem Zusammenhang – UN-Migrationspakt, WHO-Pandemievertrag, Weltklimakonferenz – als finstere Globalisten und von Milliardärsstiftungen kontrollierte antidemokratische Machtzirkel verteufelt wurden. Auf einmal werden sogar UN-Resolutionen zu “hochseriösen”, “offizielle” Zeitdokumenten, da sie ja zur Manifestation des israelischen Unrechts dienen. Selbst die Dämonisierung eines Netanyahu, die seit jeher von denselben Kreisen betrieben wurde, die Orban, AfD und Trump und andere “rechte Populisten” seit jeher hassen und diffamieren, übernehmen sie kritiklos. Alles wird von ihnen so gedreht, wie es grade in den Kram passt.

Noch schlimmer ist es bei den intellektuell weniger beschlagenen Vertretern dieser Szene. Hier fallen israelfeindliche Meldungen und Klischees sogar auf noch fruchtbareren Boden, weil sie sowieso auf jede Verschwörungstheorie abfahren (und alle Verschwörungen, die Juden betreffen, sind bekanntlich ja gewissermaßen die Königsklasse der Wahnvorstellungen, von den Protokollen der Weisen von Zion bis 9/11). Zum Teil passiert dies aber auch, weil sie die ja tatsächlich und ganz objektiv vor unseren Augen stattfindende Europa- und Deutschlandzerstörung – Auflösung des abendländischen Kulturraums,  Massenmigration, Souveränitätsverlagerung auf EU- und globale Ebenen – leider empfänglich gemacht hat für revisionistischen Geschichtsbilder. Der Reflexbogen verläuft in diesem Fall so: Wenn über die Gegenwart so viel gelogen wird, dann muss auch “die Geschichte” und alles, was man uns seit Jahrzehnten erzählt hat, eine große Lüge sein – einschließlich eines angeblichen “Schuldkults” wegen Auschwitz und Zweitem Weltkrieg. Besonders ungebildeten und unbelesen, grotesk einseitig desinformierten Zeitgenossen erscheint dann sogar die Annahme einer “Siegergeschichte“, also eines grundfalschen Geschichtsbildes, an dessen Ende dann Deutschland in Wahrheit stets Opfer war und es womöglich gar keine Judenverfolgung (oder jedenfalls nicht im behaupteten Umfang) gegeben habe, hochplausibel. Im Zuge der Überwindung dieses “Schuldkults” gelangen dann auch uralte antisemitische Stereotypen wieder zu Ehren, die sich in offener Israelfeindlichkeit niederschlagen.

Damals wie heute gilt für sie: “Die Juden sind unser Unglück

Hier bestätigt sich die Hufeisentheorie leider vollends, denn die Vorurteile und Ressentiments der antisemitischen und antiisraelischen Linken sind im Prinzip dieselben wie die der Rechtsextremen. Das, was früher für NPD und linksradikalen Untergrund am Schnittmenge galt, gilt auch heute wieder. Ob die eine Seite von “Postkolonialismus” schwadroniert und Israel – haarsträubend irrsinnig – als ein imperialistisches “Kolonisierungsprojekt” fehldeutet, oder die andere Seite den “globalen Zionismus” mit seinen plutokratischen Hintermännern in faktischer Neubelebung der mörderischen NS-Parole “Die Juden sind unser Unglück” beschwört: Es ist letztlich alles dieselbe abstoßende Soße und derselbe ein Ungeist, der – trotz Shoa und einem beispiellosen Zivilisationsbruch – nicht aus den Köpfen verschwunden ist,  wie sich jetzt leider aufs Neue zeigt.

Zur Klarstellung: Niemand spricht davon, dass man Israel alles durchgehen lassen soll. Was seine medialen und politischen Ankläger aber meinen, ist dies: Man darf ihm gar nichts durchgehen lassen. Geht es nach ihnen, dann sollen sich das jüdische Volk, aber auch die sonstigen freien Bürger Israels (das nicht umsonst aufgrund seiner Religionsfreiheit auch Heimat zahlloser Glaubensgemeinschaften von orthodoxen syrischen Christen, Maroniten bis Bahai’i ist), gefälligst abschlachten lassen – denn sobald das Land sich wehrt, setzt es sich ins Unrecht. Zu denen, die diese zynische Sichtweise zu einer besonders abstoßenden Perfektion getrieben haben, gehört auch die US-Philosophin und Linken-Ikone Judith Butler. Schande über diese Doppelmoralisten! Wir werden sie an ihren eigenen Maßstäben messen, wenn sie sich eines Tages in derselben Situation wiederfinden sollten, in der heute die Einwohner Israels sind… und wenn sie es eines Tages selbst sein werden, die im Zuge ihrer Selbstverteidigung zu den Waffen greifen müssen.