Nürnberg, Juni 1945 - Foto: Imago

Wertewesten & Israel: Die Konsequenzen

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Frau Daniella Weiss ist seit einem halben Jahrhundert jüdische Siedler-Funktionärin im Westjordanland. Isaac Chotiner hat sie vor einem Monat für den “New Yorker” interviewt. Das war ein interessantes Gespräch schon deswegen, weil es Anlaß zu einer ganzen Reihe von Überlegungen gibt, die mit dem Interview direkt gar nichts mehr zu tun haben.

von Max Erdinger

Die kognitive Dissonanz, der man frönen müsste, um sowohl die vielbeschworenen “Westwerte” zu verteidigen und zugleich auch noch die Weltsicht von jüdischen Siedlern im Westjordanland, käme einer totalen Selbstverleugnung gleich. Das komplette Interview mit Daniella Weiss ist im “New Yorker” zu lesen. Es erschien unter der Schlagzeile “The Extreme Ambitions Of West Bank Settlers”.

Daniella Weiss
Daniella Weiss – Screenshot “The New Yorker”

Auf eine Übersetzung verzichte ich, weil es ohnehin nichts anderes wäre, als eine Bestätigung dessen, was man über die vorherschenden Ansichten in der zionistischen Siedlerbewegung schon lange weiß. Das Interview mit Daniella Weiss bestätigt es nur noch einmal in exemplarischer Unverblümtheit. Eine kurze Zusammenfassung ist daher in einem Satz möglich. Der lautet so: Würde man Subjekt und Objekt in den Sätzen der Frau Weiss durch andere Substantive ersetzen, klänge es wie ein Interview mit Alfred Rosenberg, dem 1946 in Nürnberg hingerichteten Chefideologen der Nazis.

Ein paar Zahlen

Mit etwas mehr als 15 Millionen stellen die Juden etwa 0,19 Prozent der Weltbevölkerung. In Israel repräsentierten sie im Jahr 2022 mit über 6 Millionen einen Anteil von 74,2 Prozent der israelischen Gesamtbevölkerung. Das Judentum ist über 3.000 Jahre alt, der Zionismus keine 150 Jahre. Das Buch “Der Judenstaat” des zionistischen “Gründervaters” Theodor Herzl erschien im Jahr 1896. Zwar wird Israel gern als “jüdischer Staat” bezeichnet, was ja nicht ganz verkehrt ist, aber treffender wäre allemal, von Israel als einem zionistischen Staat zu reden. Der israelische Nationalfriedhof liegt nicht umsonst auf dem Herzlberg in Jerusalem.

Es gibt nicht wenige orthodoxe Juden, die den Zionismus für unvereinbar mit ihrem Glauben halten. Es gibt auch nicht wenige säkuklare Juden, die den Funktionären der Siedlerbewegung fundamental widersprechen, auch, weil sie sich keinerlei Illusionen darüber machen, daß das zionistische Ziel der Errichtung eines “Eretz Israel” (Großisrael, gelobtes Land) auf friedlichem Wege nicht zu erreichen wäre. Das “gelobte Land” erstreckt sich nämlich zwischen Mittelmeer, Euphrat und Nil, also vom Irak über Jordanien bis tief nach Ägypten hinein. Die Siedler beziehen die Legitimation zur Verwirklichung ihrer Ziele aus der Heiligen Schrift. Sie halten sich für Gottes auserwähltes Volk. In der Praxis bedeutet das, daß man gar nicht mehr zu versuchen braucht, ihnen mit weltlichen Argumenten zu begegnen. In der Hinsicht nehmen sich Siedler und Islamisten nichts. Das ist alles ziemlich “nazi”, wenn man sich vergegenwärtigt, wofür sich imm Nationalsozialismus die “Arier” im Gegensatz zu bspw. den Slawen halten sollten. Herrenmenschen-Untermenschen, Rechtgläubige-Ungläubige, Die oder Wir …

In Deutschland

Michael Lüders ist deutscher Politik- und Islamwissenschaftler, Publizist sowie Politik- und Wirtschaftsberater. Von 2015 bis 2022 war er Präsident der Deutsch-Arabischen Gesellschaft. In diesem sehenswerten Video mit dem Titel “Staatsraison und Kreisliga” erklärt er, “wie Deutschland im Gazakrieg seine Glaubwürdigkeit verliert”. Er weist u.a. darauf hin, daß mit dem Alhambra-Edikt von 1492 nicht nur die Herrschaft des letzten Emirs von Granada endete, sondern daß mit den Moslems zusammen auch die Juden Spanien verließen, um sich fürderhin u.a. auch in islamischen Ländern anzusiedeln. Zu einem ausgesprochen jüdisch-islamischen Krieg sei es nie gekommen. Ein paar Scharmützel hie und da, aber nichts Großes. Im Iran gelten die Juden heute noch als geschützte Minderheit und sie entsenden sogar einen Abgeordneten ins iranische Parlament. Auf dem Foto hier unten ist eine Synagoge in Teheran zu sehen, wo im Jahr 2018 eine Gedenkfeier für den verstorbenen Ayatollah Khomeini zelebriert wurde. Iranische Juden berichten, sie würden von niemandem belästigt oder verfolgt und könnten sogar ihre Synagoge unabgesperrt lassen.

Synagoge Teheran
Synagoge in Teheran, 2018 – Screenshot Wikipedia

Wenn man nun immer wieder liest und auch glaubt, die Bundesregierung importiere massenhaft islamischen Antisemitismus, dann hängt das am Schaumwort “Antisemitismus” einerseits, einem Begriff, so präzise wie “Wrschtlpfrmpft”, und andererseits an dem unbedingten Willen von “Gerade-wir-als-Deutschen”, im Zusammenhang mit den “die Juden” keinesfalls etwas “Despektierliches” zu behaupten. Es ist sehr wahrscheinlich so, daß die Behauptung, die Bundesregierung importiere massenhaft islamischen Antizionismus, viel genauer wäre als die Behauptung, sie importiere islamischen “Antisemitismus” (was auch immer dieses Schaumwort genau bedeuten soll). Semiten wären recht eigentlich die Angehörigen der semitischen Sprachfamilie, darunter auch Araber. Seltsamerweise ist mit “Antisemitismus” im sogenannten Wertewesten aber niemals “Araberfeindlichkeit” gemeint. Ihrem eigenen Verständnis des Schaumworts “Antisemitismus” zufolge, wären die heutigen “Gerade-wir-als-Deutsche” genau deswegen nichts anderes als “Antisemiten”, weil sie bald 80 Jahre nach dem Ende der Judenverfolgung durch die Nazis, die ja tatsächlich unterschiedslos alle “die Juden” verfolgt hatten, selbst immer noch so tun, als sei “Jude” ein qualifizierendes Merkmal, weshalb sie “ihren die Juden” nach wie vor nicht zugestehen wollen, daß es sich um ganz normale Menschen handelt, bei denen gute und schlechte Charaktereigenschaften genauso vorhanden sind wie bei allen Anderen, denen sie das ohne weiteres zugestehen würden.

Ein israelischer Reiseleiter erzählte mir einmal, es seien immer deutsche Touristen, die aus allen Wolken fielen, wenn sie zur Kenntnis nehmen müssen, daß in israelischen Gefängnissen auch Juden einsitzen. Weil sie etwas verbrochen hatten und verurteilt wurden. Es übersteige das Begriffsvermögen vieler Deutscher, so der Reiseleiter, daß Juden keine Heiligen seien. Das ist schon fast komisch. Gerade wegen des gegenwärtigen “Herrn des Völkermordes und der Kriegsverbrechen”, Benjamin “Bibi” Netanyahu, ist das tragikomisch, den sie in der Bequemlichkeit ihres eigenen – und garantiert mehrheitsfähigen – “guten Gewissens”, dann, wenn er nicht mehr israelischer Politiker sein wird, sehr wahrscheinlich in einem israelischen Gefängnis verschwinden sehen werden. Gegen Netanyahu und seine Ehefrau stehen schwerste Korruptionsvorwürfe im Raum – und es ist lediglich seine parlamentarische Immunität, die ihn im Augenblick noch vor Strafverfolgung schützt. Neueren Umfragen zufolge stehen zwar überwältigende 90 Prozent der Israelis hinter dem gegenwärtigen Vorgehen der IDF im Gazastreifen, aber es gibt eine schier als grotesk zu bezeichnende Diskrepanz zwischen dieser Zustimmung und derjenigen zu Netanyahu. Benjamin “Bibi” Netanyahu kommt allerweil nicht einmal mehr auf 4 Prozent. Den einen ist er einfach zu korrupt, den anderen ist er zu brutal – und wieder anderen, Frau Daniella Weiss z.B., ist er nicht brutal genug.

Was ist los in Deutschland bei den “Konservativen”? Die vergangenen zweieinhalb Monate waren in einer fundamentalen Hinsicht sehr ernüchternd für meineneinen. Es gibt unter deutschen “Konservativen” – und ich habe nicht wenige nach langen Jahren der “Freundschaft” in den sozialen Netzwerken “entfreundet” und blockiert – , für die “Der Feind meines Feindes ist mein Freund” als Maxime gut genug zu sein scheint. Ich kann verstehen, daß sie im allgemeinen keine Moslems mögen. Ich mag sie im allgemeinen selber nicht – und wenn ich manche Videos aus dem Gazastreifen gesehen habe, lange vor dem 7. Oktober, hätte ich im Strahl kotzen können. Allein schon, wie dort mit Tieren umgegangen wird. Nein, ausgesprochene Sympathen sind diese Leute im allgemeinen eher nicht, so mein Eindruck. Aber es wird hier derselbe Fehler gemacht wie schon beim “Antisemitismus”. So wenig wie der Begriff “Antisemitismus” dazu taugt, alle “die Juden” zu erfassen, so wenig taugt auch “der Islam”, um alle Moslems zu erfassen. Es gibt solche Juden und andere, solche Moslems und andere – und das ist bei Juden und Moslems nicht anders als überall sonst. Es gibt ja sogar kultivierte Amis, auch wenn man es nicht für möglich halten sollte.

Eine schier groteske Zuspitzung: Während in Hamburg ein Kindergarten beschließt, keinen Weihnachtsbaum mehr aufzustellen, um Kinder aus anderen Religionen nicht “auszuschließen”, gibt es in Teheran tatsächlich einen christlichen Weihnachtsmarkt, mit Nikolaus, Rauschebart, Christbaum, Christbaumkugeln und allem. Freilich ändert das nichts daran, daß es in der islamischen Welt häufig Christenverfolgung gibt, aber es verdeutlicht doch, wie ungerecht es ist, alle immer über einen Kamm zu scheren. Die Russen, die Amis, die Deutschen, die Moslems, die Juden, die Ukrainer usw.usf. Das offenbart eine große Dummheit, bei der sichtbar wird, welchen Stellenwert Gruppenzuordnungen sogar bei “Konservativen” genießen und wie wenig Probleme sie damit haben, es genauso zu machen wie Linke, die ständig irgendwelche Gruppenzuordnungen vornehmen, um dann für ihre Lieblingsunterdrückten zu “kämpfen”. Sie kämpfen immer. Ihr ganzes Leben ist ein einziger Kampfkrampf. Oder ein Krampfkampf. Ziemlich verkrampft, jedenfalls. Es gibt genügend “Gerade-wir-als-Deutsche”, die es sogar fertigbringen, zionismuskritische Juden als “Antisemiten” zu verunglimpfen. Auch und gerade bei den vermeintlichen “Konservativen”.

Die rote Linie

Es gibt international gültige Definitionen für Begriffe wie “Völkermord” und “Kriegsverbrechen”. Wann die Tatbestände “Völkermord” und “Kriegsverbrechen” erfüllt sind, hängt nicht davon ab, wer als Täter und wer als Opfer in Betracht kommt. Völkermord und Kriegssverbrechen sind in jedem Fall, was sie sind: Völkermord und Kriegsverbrechen. Und sie sind in jedem Fall zu verurteilen. Wenn ein “Konservativer” glaubt, er dürfe den Versuch unternehmen, mir weiszumachen, daß Völkermord und Kriesgverbrechen auch etwas anderes sein könnten als Völkermord und Kriegsverbrechen, – “Verteidigung” zum Beispiel – und daß es sich um “Verteidigung” handelt, wenn eine staatliche Armee Zivilisten zu Tausenden massakriert, dann hat dieser “Konservative” aufgehört, eine glaubwürdige Stimme zu sein. Dann ist er kein Konservativer mehr, der bewahren will, was immer gilt, nämlich, daß an der Wahrheit (Realität) kein Weg vorbeiführt, sondern dann ist er das, was Linke seit jeher sind: Ein Präferenzutilitarist, als solcher dann auch Gewohnheitslügner, der die Wahrheit seinen Präferenzen unterordnet – und somit ein Traumtänzer. Der Präferenzutilitarist ist davon überzeugt, daß alles Denken dem Willen dient und daß man da leider “nichts machen” könne. Der Mensch sei eben so. Dadurch leugnet er nebenher auch noch den Sinn jeglicher Kultur. Womöglich schnappt er auch noch ein, wenn an ihm sagt, daß einen seine “selbstkonstruierte Realität” entlang des 1. Axioms der Sozialpsychologie genauso anödet wie bei den Linken, die das systematisch so machen in ihrem Fetisch von der “gleichberechtigten Meinung”, die inzwischen dennoch nur dann gleichberechtigt ist, wenn sie ihrer eigenen entspricht. In Deutschland scheint man die meiste Zeit seit 1871 ein Problem mit der gleichberechtigten – anderen! – Meinung zu haben. Heute scheint zu gelten: Wir haben schon eine Demokratie, weshalb wir weder Oppositionelle noch Dissidenten brauchen. Die stören unsere schöne Demokratie bloß.

Wer glaubt, er könne die Frage, ob ein Völkermord oder ein Kriegsverbrechen – oder beides – vorliegt, ganz entlang seiner Vorlieben und Abneigungen beantworten und daß das von Anderen so zu akzeptieren sei, der hat überhaupt nichts verstanden. Gar nichts hat er verstanden vom fundamentalen Problem, das die sogenannten “Westwerte” mit sich herumschleppen und an dem sie allmählich absaufen. Im Gazastreifen hat die israelische Armee inzwischen um die 25.000 Zivilisten ermordet. Das ist ein Völkermord, und weil es sich um eine “Kollektivbestrafung” handelt, ist es außerdem eine Aneinanderreihung von Kriegsverbrechen – und zwar mit jedem einzelnen Bombenabwurf auf wehrlose Zivilisten, Frauen, Kinder, Alte, Kranke, Christen, UN-Mitarbeiter, Journalisten, Kriegsreporter, Rotes-Kreuz-Personal – was-weiß-ich-noch-wen. Das ist so – und ob das jemand wahrhaben will oder nicht, spielt nicht die geringste Rolle.

Meinereiner müsste ganz gewaltig auf den Kopf gefallen sein, wenn er sich nachsagen lassen wollte, er würde mit den Befürwortern von Völkermord und Kriegsverbrechen kooperieren. Das wird niemals passieren. Ich stehe auf der Seite des Lebens. Es ist schon wahr, daß israelische Zivilisten am 7. Oktober in großer Zahl einem bestialischen Terrorangriff zum Opfer gefallen sind. Womöglich stimmt auch, was der (jüdische) Investigativjournalist Max Blumenthal behauptet: Sämtliche Videoaufzeichnungen von der Grenze zwischen Israel und dem Gazastreifen, die es vom 7. Oktober gab, seien inzwischen – leider, leider – unauffindbar. Wahrscheinlich vernichtet worden. Wie’s wohl käme?

Der zionistische Staat Israel gründet sich selbst zu wesentlichen Teilen auf zionistischem Terror (King David Hotel, 1946, Massaker von Deir Yasin, 1948). Ganz bestimmt haben die Zionisten dem Terror aber abgeschworen und würden niemals auch nur im Traum daran denken, den “Terror der Anderen” als “Geschenk des Himmels” zu nutzen, um ihre eigenen Ziele zu befördern. Auch dannn nicht, wenn das Ziel ein Großisrael zwischen Euphrat und Nil wäre. Sie würden ja auch durchaus mit den Palästinensern zusammenleben wollen, wie Frau Daniella Weiss aus dem Westjordanland sagt. Jedenfalls so lange, wie die Palästinenser akzeptieren, daß sie Untermenschen sind und nichts zu melden haben. Weil das gelobte Land nämlich das gelobte Land der Frau Weiss ist, nicht das gelobte Land der Palästinenser.

Ein Vorschlag zur Güte, weil mir “Verteidigung” als Euphemismus für “Völkermord” und “Kriegsverbrechen” partout nicht gefallen will: Könnten wir uns darauf einigen, ihr “Konservativen”, Völkermord und Kriegsverbrechen zukünftig als “Schokopudding mit Schlagsahne” zu bezeichnen?