Friedrich Merz (Bild: shutterstock.c9om/penofoto)

Tod & Nawalny: Friedrich Merz nennt Tino Chrupalla “nützlichen Idioten”

In Russland stirbt der Häftling Alexei Nawalny. Sein Tod beschwert das Herz mit Schmerz, vor allem das von Friedrich Merz. Er spricht von einem “politischen Mord”. Der deutsche Oppositionschef Tino Chrupalla hingegen warnt vor vorschnellen Behauptungen. Daraufhin bezeichnet ihn Herzschmerz-Merz als “nützlichen Idioten” des russischen “Regimes”. Die Frage lautet nun: Wer ist der nützliche Idiot welches Regimes?

von Max Erdinger

Alexei Nawalny, der im “Wertewesten” gern verwechselt wurde mit einem aufrichtigen russischen Demokraten, der aus Gewissensgründen zum Dissidenten – und deshalb auch zu Wladimir Putins gefährlichstem Gegner werden musste, verstarb am 16. Februar im Gefängnis. Nach einem Hofgang in der sibirischen Haftanstalt von Jamal brach er zusammen. Nawalny war 2021 zu 19 Jahren Haft verurteilt worden. Zur Todesursache hieß es aus Russland, ein Blutklumpen habe zu seinem Tod geführt. Fest steht nur, daß ein natürlicher Tod des Häftlings Nawalny im “Wertewesten” politisch ungenutzt bleiben müsste. Woran Alexei Nawalny tatsächlich starb, kann man aber nicht wissen. Ein Verdacht ersetzt keine Gewißheit.

So sah das auch der deutsche Oppositionschef Tino Chrupalla und mahnte deshalb: “Man redet von Mord, von sonstigen Dingen, obwohl man nichts weiß, obwohl man noch nicht mal die Ermittlungen abgewartet hat.” In Zeiten jedoch, in denen das kurzlebige Interesse des Medienkonsumenten an gewissen Sachverhalten schneller erkaltet als die Leiche von Alexei Nawalny, muß man das politische Eisen schmieden, so lange es noch heiß ist. Abwarten ist da keine Option. Ein Nawalny, der schon länger tot wäre, hätte den politisch-medialen Nutzwert einer tiefgefrorenen Ochsenschwanzsuppe. Also praktisch gar keinen. Da nun Wladimir Putin wegen seines “unprovozierten Angriffskriegs” samt “Überfalls” auf die liebe Ukraine ohehin schon irreversibel zum Prügelknaben des “Wertewestens” geworden ist und weil es im Verhältnis zu ihm sowieso nichts mehr zu kitten gibt, kann man ihm natürlich auch Unterstellungen jedweder Art hinterherwerfen, ohne daß das noch etwas ändern würde. Zur Eigenprofilierung taugen solche Unterstellungen aber allemal. Friedrich Merz ist ein etablierter Polithase und als solcher weiß er das natürlich ganz genau. Aber wer war nun Alexei Nawalny wirklich? Stimmt die Legende vom aufrichtigen und gewissenhaften Dissidenten, der von “Diktator” Putin gnadenlos verfolgt wurde? Und stimmt es, daß “Friedrich Merz” quasi das Synonym ist für “westliche Werte”? – Nein. Weder das eine noch das andere ist zutreffend. Was allerdings zutrifft, das ist, daß es sich bei Tino Chrupalla um eine honorigen und bodenständige Persönlichkeit handelt, die mit Realitätssinn punktet.

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Tino Chrupalla (Foto: Imago)

Der Hamburger “Zeit” zufolge spuckte Friedrich Merz als Replik auf Chrupallas wohlbedachte Mahnung zur Geduld nur noch Gift & Galle. O-Ton Merz: Chrupallas Mahnung zur Bedachtsamkeit sei “geradezu schäbig” sowie “menschenverachtend” – und überhaupt: “Wer so redet”, mache “sich im ganzen Sinne von Lenin zum nützlichen Idioten dieses Regimes.” Niemand müsse so tun, als ob es “im russischen System so etwas wie nachvollziehbare Ermittlungen” gäbe. Die solchen gibt es freilich nur im deutschen, im ukrainischen und im amerikanischen System. Haftstrafen für Journalisten und Dissidenten, Freisprüche für Messerstecher und Vergewaltiger. Wer da die “wertewestlichen” Ermittlungen kennt, kann das absolut nachvollziehen. Hoch lebe die “wertewestliche” Justiz. Stimmt’s, Akif Pirincci? Ist das so, Julian Assange? Was sagt Gonzalo Lira dazu? – Oh pardon, der sagt nichts mehr. Gonzalo Lira ist in ukrainischer Haft verstorben. An einer unbehandelten Lungenentzündung, hieß es. Eine Lungenentzündung in der Ukraine ist schon glaubhafter als so ein billiger Blutklumpen in Russland. Im Geiste sieht man Herzschmerz-Merz heftig mit dem Kopf nicken.

Nun ist es so, daß der Schweizer Militärhistoriker, Oberst Jacques Baud, im Juni 2023 bereits ein sehr aufschlußreiches Interview gegeben hatte, was Alexei Nawalny betrifft. Baud faszinierte mit Detailwissen. Der Mann hat einen Master in Ökonometrie und ein abgeschlossenes Nachdiplomstudium in internationaler Sicherheit und internationalen Beziehungen. Zudem ist er Autor des Buches “Putin – Herr des Geschehens?”. Baud also im Juni anläßlich eines Interviews mit “The Postil”, ins Deutsche übersetzt für die “Ständige Publikumskonferenz der öffentlich-rechtlichen Medien e.V.” – Auszüge:

“Wie andere vom Westen ausgewählte Charaktere (etwa Juan Guaido in Venezuela oder Svetlana Tikhanovskaya in Weißrussland) vermittelt er (Nawalny, Anm. d.Verf.) das Bild einer neuen, gut aussehenden, jüngeren und dynamischeren Führung. Er ist in den sozialen Netzwerken sehr präsent und hat dort die überwiegende Mehrheit seines Publikums. (…) In Russland ist er außerhalb der großen Städte wie Moskau und St. Petersburg relativ unbekannt. Generell ist die russische Öffentlichkeit anspruchsvoller als die westliche und traditioneller in ihren Vorlieben. Deshalb spricht er ein politisch wenig aktives Publikum an. Im Westen haben wir eine völlig falsche Vorstellung von seiner Bedeutung auf der innenpolitischen Bühne. Wie bei Juan Guaido überschätzt der Westen die Unterstützung der Bevölkerung für diese marginale Opposition. (..) Für die Vereinigten Staaten besteht der Vorteil der Auswahl von Herausforderern, die der breiten Öffentlichkeit unbekannt sind, darin, dass es einfacher ist, Mythen zu schaffen. Heutzutage gibt es im Westen – insbesondere in der Altersgruppe der 15- bis 30-Jährigen – Menschen, die über sehr wenig allgemeine Kultur, keine Erfahrungen im wirklichen Leben, nicht das geringste Wissen über fremde Kulturen verfügen, Menschen, die die Welt über Instagram sehen. Besonders in den Vereinigten Staaten erkennt man, dass es nicht schwer ist, Helden künstlich zu erschaffen, wenn man sieht, wie jeder Influencer kollektive Hysterien auslösen kann. (…) Im Jahr 2010 wurde Navalny auf Empfehlung von Garry Kasparov in die Vereinigten Staaten eingeladen, um am Yale World Fellows Program teilzunehmen. Hierbei handelt es sich um ein 15-wöchiges, nicht studienbegleitendes Ausbildungsprogramm an der Yale Universität, das ausländischen Staatsangehörigen angeboten wird, die von US-Neokonservativen als „zukünftige Führungskräfte“ in ihren jeweiligen Ländern identifiziert werden. Es ist seine einzige Referenz und seine einzige wirkliche „Leistung“. (…) Nawalny und seine Organisation werden größtenteils von ehemaligen russischen Magnaten wie Michail Chodorkowski finanziell unterstützt. Darüber hinaus ist die Nawalny-Affäre Teil eines von den USA geführten Einflussprogramms, das Ressourcen des NATO Center of Excellence on Strategic Communication, der Integrity Initiative des Vereinigten Königreichs, des US National Endowment for Democracy (NED) und anderer erhalten, wie Conspiracy Watch in Frankreich. (…) Die Integrity Initiative nutzt die BBC und Reuters, um ein „offizielles“ Narrativ zu fördern, während die Integrity Initiative auf privaten Geheimdienst- und IT-Marketingnetzwerken sowie Agenturen wie Bellingcat basiert und sich auf nationale „Cluster“ stützt, die aus Korrespondenten in jedem teilnehmenden Land bestehen. Das NED wurde 1983 gegründet, um einige Aufgaben der CIA zu übernehmen, damit diese sich auf „robustere“ Aktivitäten konzentrieren konnte. Es handelt sich um eine NGO (eigentlich eine Nicht-Regierungs-Organisation; oder genauer gesagt eine „Quasi-NGO“), die hauptsächlich von der US-Regierung und dem Kongress finanziert wird.”

Nawalny hatte über die Jahre nicht nur in Russland, sondern auch in der Schweiz, zahlreiche Verleumdungsklagen gegen sich laufen, die er allesamt verlor. Er wurde zu Bewährungsstrafen verurteilt und blieb mit Meldeauflagen auf freiem Fuß. In Deutschland hätte er streng genommen als “Rechtsextremer” gelten müssen. Als er nach seiner angeblichen Vergiftung auf einem Flug von Tomsk nach Moskau erkrankte, wurde er auf Initiative einer privaten NGO zur Behandlung in die Berliner Charitè ausgeflogen. Putin persönlich ordnete zu diesem Zweck die Aussetzung der Meldeauflagen für Nawalny an. Der Rekonvaleszent dehnte diese Aussetzung jedoch aus auf Urlaube in Gran Canaria und österreichischen Kurorten. Als Nawalnys “Antikorruptionsstiftung” wegen nachgewiesener, krimineller Machenschaften aufgelöst werden musste, wurde Nawalny in Russland die Bildung einer “kriminellen Vereinigung” vorgeworfen. Zudem tauchte ein Überwachungsvideo auf, daß Nawalnys Stellvertreter dabei zeigte, wie er mit einem Agenten des britischen MI6 über eine Millionensumme verhandelte, die nötig sei, um “gewisse Aktionen” zu finanzieren. Obwohl Nawalny wusste, was ihm in Russland sozusagen “im Paket” mit einem Verstoß gegen Bewährungsauflagen vorgeworfen wurde, kehrte er 2021 freiwillig nach Russland zurück. Er wurde dann zu 19 Jahren Haft verurteilt und verstarb am 16. Februar 2024 in russischer Haft. Er wurede 47 Jahre alt.

Friedrich Merz

Merz Klitschko
“Wos a Gaudi do in Kiew” – Screenshot Facebook

Wikipedia zufolge ist Volksvertreter Friedrich Merz Mitglied u.a. in folgenden Organisationen: Deutsch-Amerikanische Juristen-Vereinigung (DAJV), Trilaterale Kommission und Atlantik-Brücke. Hierzu noch einmal die entlarvendste Grafik, die im ZDF jemals gezeigt wurde. Sie stammt aus der “verbotenen Folge” der Sendung “Die Anstalt” und ist inzwischen zehn Jahre alt.

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Transatlantisches Mediennetzwerk – Screenshot Facebook

Von 2016 bis 2020 war Merz Aufsichtsratsvorsitzender und Lobbyist für BlackRock in Deutschland. Deshalb wurde seine Kandidatur zum Parteivorsitzenden der CDU 2018 in der deutschen Presse unter anderem wegen eines möglichen Interessenkonfliktes aufgegriffen. Im Februar 2020 kündigte Merz an, sein Aufsichtsratsmandat bei Blackrock am 31. März 2020 zu beenden und sich zeitlich mehr politisch zu betätigen. Einer der Lieblings-Neocons von Friedrich Merz ist US-Senator Lindsey Graham (“Bomb Iran!”), weltweit verschrien als der Kriegstreiber schlechthin, gleichauf mit Victoria Nuland, die 2014 beim Maidan-Putsch in Kiew für die USA Regie führte und sich mit dem damaligen US-Botschafter telefonisch darüber unterhielt, wer in der neuen Post-Putschregierung der Ukraine welche Posten besetzen soll. Das ist das Telefongespräch gewesen, in dem Nulands wohl berüchtigtestes Zitat fiel: “Fuck the EU!”. Nuland äußerte sich 2022 auch äußerst zufrieden über die Sprengung der Nordstream-Pipeline.

Ausgerechnet Friedrich Merz ist also der Mann, der – leider nicht ganz zu Unrecht – damit rechnet, das deutsche Medienvolk sei naiv genug, seine gespielte Empörung über Tino Chrupallas Warnung vor rhetorischen Schnellschüssen wegen des Todes von Alexei Nawalny für bare Münze zu nehmen. Von wegen “geradezu schäbig” und “menschenverachtend”. Nein, es ist keine Frage: Tino Chrupalla ist nicht “im ganzen Sinne von Lenin” der “nützliche Idiot” des russischen “Regimes”. Von größerer Relevanz ist da schon die Frage, wer wohl in seiner Eigenschaft als deutscher Volksvertreter in “geradezu schäbiger” und “menschenverachtender” Weise der “nützliche Idiot” des amerikanischen Deep State sein könnte.

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