Ist die Ukraine Russlands neues Afghanistan?


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Rückzug sowjetischer Truppen aus Afghanistan 1989 (Foto:Imago)

Der amerikanische “Business Insider” behauptet, dass “Putins gescheiterter Krieg in der Ukraine” für Russland eine “düstere Zukunft” bedeuten könnte, ähnlich wie der “gescheiterte Krieg in Afghanistan, der zum Untergang der Sowjetunion beitrug”. Die “Washington Post” spricht davon, dass “Putins Ukraine-Sumpf ein Echo des sowjetischen Versagens in Afghanistan ist”, und “Foreign Policy” (FP) fragt: “Wird die Ukraine für Russland wieder zu Afghanistan?” Ein US-Senator hatte neben anderen Polit-Propheten vorausgesagt, dass die Ukraine im Falle einer russischen Invasion zu Russlands “neuem Afghanistan” werden würde. Wie nicht anders zu erwarten, plapperten auch die Medien Deutschlands und anderer westlicher Länder das Narrativ der amerikanischen Leitmedien nach. “Putins Afghanistan – Das droht den Invasoren in der Ukraine”, schlagzeilte der “Stern” bereits am 28. Februar 2022, kurz nach Beginn des russischen Angriffs.  Die von westlichen Politikern, Experten und Medienvertretern vermittelte Botschaft ist eindeutig: “Moskau hat in Afghanistan imperialistisch, völkerrechtswidrig und kriminell gehandelt, in der Ukraine ebenso.

Die letzten sowjetischen Truppen verließen Afghanistan im Februar 1989. Dies sollte zweifellos der Ausgangspunkt für einen Vergleich mit der aktuellen Invasion in der Ukraine sein. Die Sowjetunion wurde schließlich etwa zwei Jahre später offiziell aufgelöst. Nur wenige Vergleicher fügen einen Disclaimer hinzu, bevor sie eine Parallele ziehen: “Natürlich ist die Sowjetunion nicht nur durch den Einmarsch in Afghanistan zusammengebrochen.”  Doch selbst mit dieser Einschränkung wird die Behauptung nicht wahrer. “Investopedia” erklärt: “Das geschwächte Militär und die geschwächte Wirtschaft der UdSSR nach dem Zweiten Weltkrieg erlebten einen anfänglichen Aufschwung durch die kommunistische Politik und die wirtschaftliche Ausrichtung. Doch schon bald konnte dieses Wirtschaftssystem auf der Weltbühne nicht mehr mithalten. Zusammen mit der öffentlichen Unzufriedenheit mit Präsident Gorbatschows Politik der Perestroika und Glasnost scheiterte die Sowjetunion schließlich.

Späte Reaktion

China, damals ein Land mit einem sehr ähnlichen politischen und wirtschaftlichen System, schlug unter dem Reformer Deng Xiaoping einen anderen Weg ein, der die Verbesserung der Lebensbedingungen der Menschen als wichtigste Aufgabe ansah. Alle anderen Reformen, auch die politischen, hatten seiner Meinung nach diesem Hauptziel zu dienen. Deng hielt es für völlig töricht, wenn die Sowjets dem westlichen Modell folgten und den politischen Reformen Vorrang einräumten, wie sie es seinerzeit taten. Nach einem Treffen mit Gorbatschow äußerte er seine Meinung über den sowjetischen Präsidenten: “Dieser Mann sieht vielleicht klug aus, ist aber in Wirklichkeit dumm.

Im Westen wurde der Einmarsch der Sowjetunion in Afghanistan als imperialistischer Akt gebrandmarkt, der gegen das Völkerrecht verstieß, ebenso wie aktuell der Einmarsch Russlands in die Ukraine. Der renommierte Politikwissenschaftler John Mearsheimer von der University of Chicago erklärt hinsichtlich der Ukraine jedoch, dass Russland nicht aus einem angeblichen imperialistischen Expansionismus heraus handelte, sondern aus einer Position der strategischen Defensive: Es war eine späte Reaktion im Jahr 2022 auf einen von den USA angezettelten Putsch gegen eine demokratisch gewählte Regierung im Jahr 2014, die durch ein mit der NATO verbündetes kryptofaschistisches Regime ersetzt wurde, das Russland und der russischsprachigen Mehrheit im Osten feindlich gesinnt ist, wie ich unter anderem hier ausführlich dargelegt habe.

Die “Freiheitskämpfer” des Westens

Die Behauptung, die Sowjetunion sei in Afghanistan eingefallen und habe es besetzt, um sich selbst zu vergrößern, ist – gelinde gesagt – völliger Unsinn. In Afghanistan war eine kommunistische Regierung an der Macht, die fortschrittliche Reformen durchführen wollte und in ihrer Existenz von fundamentalistischen Irren bedroht war. Die Sowjetunion wollte ihr zu Hilfe kommen. Denn was immer man von der Sowjetunion und dem Kommunismus halten mag: Für die afghanische Bevölkerung, vor allem für die Frauen, für die Analphabeten, für die Armen und Unterdrückten, war es ein Segen, ein Lichtblick, der Aufbruch aus dem finsteren Mittelalter auf dem Weg ins 20. Jahrhundert. Der damalige afghanische Präsident Najibullah, der ein Mehrparteiensystem einführen wollte und im ganzen Land Schulen für Mädchen errichten ließ, wurde später von den islamistischen “Freiheitskämpfern“, die von den Vereinigten Staaten zu dieser Zeit bewaffnet und gefeiert wurden, brutal ermordet: Die Taliban kastrierten Najibullah zunächst und schleppten seinen blutüberströmten Körper dann hinter ihrem Lastwagen durch die Straßen von Kabul, bevor sie ihn öffentlich an einem Pfahl aufhängten.

Dank der mehr als 2 Milliarden Dollar an Waffen, logistischer Unterstützung und Ausbildung, die die CIA zwischen 1979 und 1989 an die Mudschaheddin lieferte, besiegten sie das fortschrittliche Regime und die sowjetischen Truppen, die es in Afghanistan unterstützten. Die Lieferung von Stinger-Raketen durch die USA war entscheidend für den Rückzug der Sowjetunion. In der Folge errichteten die so genannten “Freiheitskämpfer” der Mudschaheddin ein mittelalterliches, frauenfeindliches, religiösen Wahnsinn verherrlichendes Regime – und wurden zu einer Brutstätte des internationalen Terrorismus, die sich als Operationsbasis für eine Vielzahl von Terrororganisationen anbot. Auch Bin Laden machte sich dies später gerne zunutze.

Die falsche Vergleichsebene

Als die Vereinigten Staaten nach dem Terroranschlag vom 11. September 2001 genug davon hatten, versuchten sie selbst militärisch in Afghanistan zu intervenieren – letztlich ebenso erfolglos wie die Sowjetunion. Zu ihrem besonderen Leidwesen mussten sie feststellen, dass ihre einst gelieferten amerikanische Stinger-Raketen keinen Unterschied zwischen sowjetischen und amerikanischen Hubschraubern machten. Die USA hatten sich hier eine Brutstätte des fundamentalistischen Terrors gezüchtet und die sogenannten “Freiheitskämpfer” mit Waffen ausgestattet, die diese fortan gegen die USA einsetzten. Als sie nach einem 20-jährigen illegalen Angriffskrieg schließlich die Nase voll hatten, zogen sie überstürzt ab – und hinterließen ein verwüstetes Land mit einer hungernden Bevölkerung und Frauen und Mädchen ohne Rechte. Außerdem beschlagnahmten sie Milliarden von US-Dollar aus der afghanischen Zentralbank, die das Land dringend benötigte, um seine hungernde Bevölkerung mit Lebensmitteln zu versorgen.

Im Gegensatz zu den absurden Parallelen zwischen der sowjetischen Intervention in Afghanistan und dem Einmarsch Russlands in der Ukraine findet man in den westlichen Medien keinen Vergleich zwischen dem amerikanischen Abzug aus Afghanistan und dem der sowjetischen Truppen. Ein solcher Vergleich wäre für den kollektiven Westen, der sonst gerne mit dem moralischen Zeigefinger winkt, wohl zu peinlich.

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