Symbolfoto: Maxim Apryatin/Shutterstock

Hinter den Linien – Götz Kubitschek über die Grausamkeiten im “Ukrainekrieg”

Seit die kalten Novemberregen eingesetzt und die Frostnächte Einzug gehalten haben, denke ich viel an die Soldaten in einem Krieg, der hinter dem Nahost-Konflikt zu einem zweitrangigen Schauplatz geworden ist, aber mit grausamer Härte geführt wird. Im Ukraine-Krieg sind nun Kälte und Nässe entsetzliche Gegner.

Von Götz Kubitschek für Sezession

Wer als Soldat auch nur ein paar Wochen bei widrigem Wetter und eisiger Temperatur im Freien verbringen mußte, weiß, wovon ich spreche.

Wir alle waren nie im Krieg. Aber in meinem Fall waren diese Wochen in der Winterkampfschule in Balderschwang zu absolvieren, und die Nächte, die um kurz nach fünf begannen, waren so eisig, daß wir in Bewegung blieben, um nicht zu erstarren. (Im Ohr Fetzen des Skrewdriver-Lieds “The Snow fell”). Ski mit Steigfellen, Wintertarn, willenlose Stunden, und das alles war nur Übung. Kein Tod, keine Todesangst, absehbares Ende, zwei Wochen eben.

Entlang der Front im Donbas liegen sich die Soldaten im zweiten Kriegswinter gegenüber, und wer die Bilder von den Unterständen sieht, in denen die Soldaten kauern, muß mitbedenken, daß es nicht um Arbeitstage mit abendlichem Saunagang geht, wie auf den Winterbaustellen im Freien. Es geht um Tage, Wochen und Monate ohne Ende.

Aber zu diesem Leid, zu diesen Szenarien, die an die Stellungsschilderungen Ernst Jüngers aus dem I. Weltkrieg erinnern und an die Kriegsbriefe aus Stalingrad, gesellt sich ein Grauen, das vor über hundert und vor achtzig Jahren noch nicht über den Schlachtfeldern kreiste.

In einem Vortrag über Ray Bradburys Roman Fahrenheit 451, den ich vor Wochen in Wien hielt, hatte ich es angedeutet: das Grauen, das einen packt, wenn der Mensch von der Maschine verfolgt und zur Strecke gebracht wird. Ich bezog mich auf den “mechanischen Hund” im Roman, dessen Injektionsnadel den Staatsfeind zur Strecke bringt, nachdem die unfehlbare Nase ihn aufgespürt hat.

Als Beispiel unserer Zeit führte ich die Jagd an, die im Ukraine-Krieg mit bewaffneten Drohnen auf Bodentruppen gemacht wird. Im Netz gibt es hunderte Videos, die ahnungslose oder verzweifelt davonkriechende Soldaten zeigen, deren Bewegungen aus der Luft gefilmt und deren Leben mit einer wie in einem Computerspiel abgeworfenen Granate beendet wird.

Ich stieß heute, als ich den Frontverlauf einmal wieder nachvollziehen wollte, auf einen Telegramkanal, der solche entsetzlichen Videos präsentiert. Ich kann mich nur an wenige Wahrnehmungsmomente in meinem Leben erinnern, in denen ich innerlich vor Entsetzen so erstarrte wie heute Abend.

Das eine Mal liegt über vierzig Jahre zurück – als mir ein Antikriegsbuch aus dem Bestand meines Großvaters in die Hände fiel. In diesem Buch waren Gesichter Kriegsversehrter aus dem I. Weltkrieg abgebildet, durch die Geschosse gefahren waren und die aus großen Augen ohne Nase und Kiefer und aus Mündern ohne Stirn, aber mit gräßlichen Zähnen bestanden. Die Erschütterung wirkte über Tage.

Das zweite Mal ergriff mich diese Erstarrung, als ich begann, in der Dokumentation zu lesen, die das deutsche Bundesarchiv mit Augenzeugenberichten über die Vertreibung der Deutschen aus den Ostgebieten gefüllt hatte. Ich schaffte den Band über Böhmen zur Hälfte, die anderen Teile stehen unangetastet im Bücherschrank. Ausweglosigkeit und Leid sind so entsetzlich, daß jede weitere Lektüre zumindest mein Gemüt auf lebensverändernde Weise berühren würde.

Vielleicht ein Drittes: die Hebung eines Massengrabs in Bosnien, der ich als junger Offizier beiwohnte; und ein Viertes: der von einem Mob totgeprügelte Mann in einer Kleinstadt im Süden Kameruns, dem man Hexerei nachgesagt hatte. Als ich dem Geschrei nachging, anlangte und ihn als den Anlaß der Zusammenrottung zwischen den Gaffern erspähte, tasteten er noch mit einem verrenkten Finger nach etwas im nassen Lehm, bevor ihm ein grober Betonklotz auf den Kopf gerollt wurde.

Und heute: Das Filmchen einer ukrainischen Drohneneinheit, das mit einer rührseligen russischen Melodie anhebt und dann in einen Gitarren-Trash umkippt, während man von oben einzelne russische Soldaten heranzoomt, die bereits verwundet und hilflos in einem zersplitterten Waldstück liegen, unter Ästen, mit offenen Brüchen, in sich gekrümmt, embryonal, bedürftig, schutzlos.

Während die Drohne zoomt, fallen Granaten gezielt auf und dicht neben diese Männer. Die Genfer Konvention ist einen Dreck wert, und wenn im Staatsfunk von Lieferschwierigkeiten für Drohnenbauteile an der polnisch-ukrainischen Grenze die Rede ist, dann sprechen wir über Ersatzteile für Kampfmittel, aus denen solche Filme entstehen.

Der letzte russische Soldat, der erledigt wird, liegt verwundet unter Geäst. Die Drohne läßt ihre Granate dicht vor seinen Rumpf fallen. Dann zoomt die Kamera auf eine entsetzliche Wunde und auf einen stummen Schrei und eine tastende Hand, die versucht, das zerfetzte Auge, den abgerissenen Kiefer und den Knochenbrei dorthin zurückzuschieben, wo einmal ein Gesicht war, rundlich, schon etwas älter.

Das heile Auge sucht den Himmel ab, dann stirbt dieser Mensch.

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