Foto: Screenshot/Youtube

Mit Markus Krall bis an den Scheideweg?

Bundeskanzler Scholz hat sich in Niedersachsen ein Bild von der angespannten Hochwasserlage gemacht. Anstatt Gummistiefel trug er Wanderschuhe und sah tatsächlich aus, wie ins Bild gestellt. Währende Julian Reichelt sofort twitterte: „Olaf Scholz sieht immer so aus, als würde er zufällig durchs Bild laufen. Kein mächtiger Mann der Welt wirkt machtloser als der Bundeskanzler“, beschwor Scholz in leiser Stimme den Zusammenhalt des Landes und traf auf Betroffene, die ihm einfach erklärten: „Gehen Sie nach Hause“. Sie ahnten wohl schon, was kommt und so kam es auch prompt: Fluthilfen kann Kanzler Olaf Scholz bei seinem Besuch in Verden an der Aller nicht versprechen.

Wie zu erwarten, musste man auch nicht lange auf eine Reaktion von Markus Krall warten. Er schrieb: „Für jeden Dreck hat diese Regierung Geld, für die Taliban, für Radwege in Peru, für die Antifa, für Friseure des Glatzkopfkanzlers, für hundert Tonnen Kerosin als Regen über Abu Dhabi, für die Stilberatung von Frau Baerbock, für Milliarden Giftspritzen, für Windrädchen, nur nicht für die Bürger.”

Man kann die Meinung von Markus Krall im besten Fall teilen.

Aber die eigentliche Frage muss lauten, was will Markus Krall?

Um diese Frage kommt man nicht umhin, wenn man journalistisch tätig ist. Denn plötzlich ist seine Meinung überall im Netz zu finden. Er hält jede Menge Vorträge, die witzig und schlagfertig daherkommen und bei den Zuhören Beifall auslösen. Er wirkt wie ein Befreiungsschlag dieser lahmen Republik die immer noch in Merkels Schatten und ihren Nachfolgern taumelt. Er nennt unschöne Tatsachen beim Namen und will mit seiner neuen Partei (die Ende Januar vorstellgestellt werden soll) das Land befreien. Von zu vielen Politikern, die er auf ein Drittel reduzieren will und Gesetzen, die rückgängig gemacht werden sollen.

Das Finanzamt wird unter ihm abgeschafft, so wie alle Steuern – bis auf eine Konsumsteuer. Gleichzeitig sollen alle Kindergärten und Schulen in Genossenschaften umgewandelt werden, Krankenkassen privatisiert werden und alle, auch ausgebildete Ausländer, das Land verlassen. Nur kranke und behinderte Menschen sollen noch vom Staat unterstützt werden, der Rest wird arbeiten müssen, um zu überleben. Das alles will Krall und seine Partei in vier Wochen umsetzen, sollte die noch unbekannte Partei gegebenenfalls in Verbindung mit der AfD eine Mehrheit erhalten.

Jobs wird es nach Krall genug geben, denn alle Firmen, die nun abgewandert sind, werden schnell nach Deutschland zurückkommen, da es so ein großartiges, neues Wirtschaftssystem noch nie gegeben hat und alle daran teilhaben werden wollen. Das ist in etwa eine Kurzfassung seiner Vorträge.

„Wir müssen auch unsere Kinder wieder selbst erziehen“

Gloria von Thurn und Taxis, so munkelt man, gehöre ebenfalls der neuen Organisation an. Zumindest tönte sie kürzlich laut: „Wir müssen auch unsere Kinder wieder selbst erziehen“. Da könnte man ihr recht geben, was hat Westdeutschland doch mitleidig in die DDR geschaut, auf die armen Frauen, die ihre Kinder schon als Säuglinge in die Krippen geben mussten, um das System zu finanzieren und dabei nicht bemerkt, dass die DDR-Methoden uns längst eingeholt haben. Nicht selten hinterlassen frühe Krippenaufenthalte Bindungsunsicherheit bis hin zum Trauma.

Nur wie soll das gehen? Nach Krall gibt es für niemanden, der nicht arbeitet, Geld. Da bleibt nur das alte Modell der Ehe. Einer arbeitet, der andere bleibt Zuhause und erzieht die Kinder. Nicht unbedingt ein schlechtes Modell, wenn die Ehe funktioniert.

Vergessen werden dabei die 1,8 Millionen Kinder von Alleinerziehenden. Wer soll die unter diesen Umständen erziehen? Sind wir dann wieder 1962 angekommen? Wo sich Frauen auch von Männern notfalls schlagen lassen mussten, nur um versorgt zu sein? Wenn sie das nicht wollten und sich trennten, mussten die Kinder von acht bis 18:00 Uhr in Waisenhäusern untergebracht werden, damit Mütter arbeiten gehen und sie wie die Kinder überleben konnten. Natürlich wäre das auch in den Zeiten einer Fürstin nie passiert.

Und sicherlich sind es auch die Frauen mit Kindern, die sich in einem privatem System nur die billigste Krankenversicherung leisten können. Und wer hat nach einem Zusammenbruch des Systems, (von dem Krall ausgeht) privates Geld, um es in Schulgenossenschaften zu stecken? Diejenigen, die Geld besitzen. Sicher nicht die Schwachen einer Gesellschaft und wer bestimmt somit den Lehrplan? Das klingt leider nach Mittelalter. Bildung gehört in die Hand der Bildenden und nicht in die Hand privater Anleger. Bildung darf nicht mit Profit in Verbindung gebracht werden, denn sie ist der Schlüssel einer Gesellschaft.

Familienpolitik wurde in Deutschland seit 40 Jahren vernachlässigt

Familienpolitik wurde in Deutschland seit 40 Jahren vernachlässigt und mit Krall und Co scheint es keine Änderung zu erfahren. Das ist der Grund für die wenigen Kinder und auch für den Fachkräftemangel. Osteuropa und Russland haben das längst erkannt und gegengesteuert. Familien und Mütter werden extrem unterstützt.

Der Mittelstand ist ausgehungert nach Fachkräften. Auch das vergisst Krall bei seinen Ausführungen. Nicht wenige heuern ungarische und bulgarische Fachkräfte an, locken sie mit Wohnungen, damit nur der Betrieb weiterläuft. Es gibt sicherlich eine Problematik in der Migration, dass Krall aber auch die Migranten nach Hause schicken will, die gut ausgebildet sind, wird dem Mittelstand in Alarm versetzen. Und die Firmen, die nach seiner Aussage alle zurückkehren werden in das künftige Steuerwunderland Deutschland, werden sich das vorher vier, fünf, wenn nicht 10 Jahre von außen anschauen, wenn sie es denn überhaupt tun. Was in dieser Zeit passiert mit all den Menschen, die keinen Job haben – bleibt unklar. Ausrangierte Finanzbeamte werden wohl eher nicht den Weg ins Handwerk finden.

Krall will das ganze Land privatisieren und somit auch sofort das Mietrecht abschaffen, künftig gilt: Recht ist, was Mensch mit Mensch bespricht. Gut gemeint, ist nicht immer gut gemacht. Denn dann sind wir beim Recht des Stärkeren angekommen. Was mache ich als Frau, wenn mein Vermieter nachts in meiner Wohnung steht und mir erklärt, das sei nach seiner Meinung abgesprochen und es sei seine Wohnung?

Kralls Vorträge haben in durchaus gute und nötige Ansätze,  allerdings sind sie in Teilen nicht zu Ende gedacht. Er möchte ein Land wie eine Firma aus rein wirtschaftlicher Sicht umgestalten und vergisst dabei, dass eine Gesellschaft aus mehr als nur einer Wirtschaft besteht. Man möchte Markus Krall die Soziale Dreigliederung nach Rudolf Steiner ans Herz legen, denn der soziale Aspekt fehlt in Kralls Reden bisher leider völlig. Was nicht ist, kann aber ja noch werden.

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