Ursula von der Leyen trifft Wolodymyr Selenskyj in Kiew , 09.05.2023 - Foto: Imago

Ukraine: “Zusätzliche Soldaten”

Es war eine lange Schlange. Ganz vorne zwei schwere LKW direkt hintereinander. Die Nachschleichenden fügten sich widerwillig ihrem Schicksal. Über den Zusammenhang von Verzagtheit, Helmchenmentalität, Krieg und westlicher Propagandapresse am Beispiel der Ukraine im Spiegel der “NZZ”.

von Max Erdinger

Lange ist es her. Die “Neue Züricher Zeitung” (NZZ) wurde von Hans-Georg Maaßen einmal als sein persönliches “Westfernsehen” bezeichnet. Heute würde er das wahrscheinlich nicht mehr behaupten, aber das ist auch nicht wichtig, weil sich Maaßen anderweitig selbst demontiert zu haben scheint. Die “NZZ” ist heute so sehr “Radio Eriwan” wie fast der ganze Rest der “wertewestlichen Qualitätspresse”. Hier ein Beispiel vom 11. März 2024. Die Schlagzeile: “Welchen Preis zahlt die Ukraine für den Krieg? Die Mobilisierung zusätzlicher Soldaten wird zur Schicksalsfrage.” – erst einmal angemerkt, daß es nicht “die Ukraine” ist, die einen Preis bezahlt, sondern die Ukrainer, oder, wie man zur Hebung der Weltgerechtigkeit auf neudeutsch schreiben würde: die Ukrainer:innen: Es ist sehr gut bekannt, welchen Preis die Ukrainer für den Krieg bezahlen. Das Land hat durch Flucht und Vernichtung fast die Hälfte seiner Vorkriegsbevölkerung verloren. Es gibt 500.000 Gefallene und eine Unzahl an Amputierten. Was soll also die Frage? Dann die “zusätzlichen Soldaten”: Das ist Framing der allerübelsten Sorte. “Die Ukraine” braucht keine “zusätzlichen” Soldaten. Allenfalls bräuchte sie “Ersatzsoldaten”. Ersatz für die bereits gefallenen Soldaten. Ersatz ist etwas anderes als Zusatz. “Die Ukraine braucht frisches Kanonenfutter”, wollte man bei der “NZZ” eben nicht schreiben. Niemand braucht sich Illusionen zu der Frage hinzugeben, warum man bei der “NZZ” partout nicht schreiben wollte, was Sache ist. “Zusätzliche Soldaten” klingt nach “keiner ist gestorben, es sind alle noch da, aber es sind zu wenige”. So nimmt man dem gräßlichen Gemetzel den Schrecken: “Zusätzliche Soldaten”. Eine aufs perfide Framingmaul, “NZZ”.

“Die Armeeführung braucht Hunderttausende zusätzlicher Soldaten, um die Front zu halten. Doch Wirtschaft und Gesellschaft stellen sich quer. Kiew steht vor einem schwer lösbaren Dilemma.” – awww, diese Zürcher Menschlichkeit aber auch. Die Armeeführung hält die Front, bzw. sie würde sie halten? Aber sie braucht “zusätzliche Soldaten” dafür? Warum? – Na, weil es offensichtlich eben nicht die Armeeführung wäre, welche die Front hält, noch nicht mal dann, wenn schon jemals eine Armeeführung die Front gehalten hätte, sondern weil das die “zusätzlichen Soldaten”, das “Kanonenfutter” oder die “Ersatzsoldaten für die gefallenen Soldaten” zu erledigen hätten für die heldenhafte Armeeführung – und zwar so lange, bis auch die Ersatzsoldaten wieder ersetzt werden müssten, weil sie von Ersatzsoldaten zu gefallenen Soldaten geworden wären. Die heldenhafte Armeeführung von “die Ukraine” heißt seit dem Rauswurf von General Salushny zur Zeit übrigens “General Syrskyj” und hat im ukrainischen Volksmund seit der Schlacht von Bachmut den Beinamen “der Schlächter”.

Wen der Schlächter so heldenhaft hat schlachten lassen, während er ganz allein “die Front gehalten hat”, ergibt sich aus der Tatsache, daß die Schlacht von Bachmut mit etwa 70.000 Gefallenen verloren wurde. “Die Ukraine” hat diesen Krieg insgesamt verloren und könnte einpacken, anstatt an “zusätzliche Soldaten” zu denken. “Wirtschaft und Gesellschaft” – die Gesellschaft von “die Ukraine” also auch noch? – stellen sich quer? Wovor stellen die sich denn quer? Ah, “vor Kiew” stellen sie sich offenbar quer und bilden ein “schwer lösbares Dilemma” dadurch. Potzdonner. Da muß man freilich einräumen, daß “Kiew” schon einmal vorteilhafter dagestanden hat. Ganz ohne ein “schwer lösbares Dilemma” damals, welches einem die Ausicht auf die schöne Stadt Kiew verstellt hätte.

Und wie steht die “NZZ” jetzt da? – Die könnte so einpacken wie “die Ukraine”, wenn, ja wenn man sich nicht überlegen müsste, daß sich Herausgeber und Chefredaktion in Zürich schon Gedanken darüber gemacht haben werden, wie helle wohl ihre Leserschaft ist und welches perfide Framing man ihr deswegen wohl anstandslos und unbeanstandet wird andrehen können. Natürlich interessiert man sich bei der “NZZ” für die Auflage. Sollte man dort wenigstens hinsichtlich der Auflage realistisch kalkulieren, stellt sich automatisch die Frage nach der intelllektuellen Kapazität der “NZZ”-Leser.

Meinemeinen genügten Schlagzeile und Teaser bereits für die Entscheidung, sich den dazugehörigen Artikel gar nicht mehr anzutun. Ich weiß auch so, wie Framing geht. An immer neuen Varianten bin ich nicht interessiert. Aber haben Sie schon einmal den Schweizerischen Gehorsams-Masochismus beobachtet, wie er sich dort im Straßenverkehr äußert? – Der läßt weitreichende Schlüsse zu. Es könnte schon sein, daß bei der “NZZ” das einzige realistische Kalkül zu finden wäre, wenn man sich mit den dortigen Überlegungen zur eigenen Auflage beschäftigen würde. Ein Kompliment für die Leserschaft wäre das aber, wie gesagt, keinesfalls. “Zusatzsoldaten” statt “Ersatzsoldaten”. Wie hinterfotzig wird es denn noch?

Alltagsbeobachtungen

Aber in Deutschland ist es nicht viel besser. Zum Teil ist es sogar noch erheblich schlimmer mit der “Radio-Eriwan-Presse”. Medien konsumiert wohl jeder. Also auch Autofahrer. Und da kann ich von einer Beobachtung berichten, die ich schon öfter, vergangene Woche aber in besonderer “Prächtigkeit” gemacht habe. Über die deutsche Unfähigkeit, einen effizienten Umgang mit der begrenzt vorhandenen Verkehrsfläche dreispuriger Autobahnen angesichts des deutschen Rechtsüberholverbots zu pflegen, habe ich mich früher schon gelegentlich ausgelassen. Hier geht es um eine gut ausgebaute Bundesstraße.

Ich laufe von hinten auf eine elend lange Schlange auf, die sich hinter zwei schweren LKW gebildet hatte. Die beiden Schwergewichte ganz vorn zogen mit konstant 70 km/h ihre Bahn. Hätte von den Hinterherschleichenden einer nach dem anderen überholt, wenn es ging – und es wäre öfter einmal gegangen – dann wäre ich, an zwölfter Position liegend vielleicht, eine kurze Zeit später ebenfalls an der Reihe gewesen, die beiden LKW zu überholen. Es überholte aber keiner. Nummer eins hinter den LKW nicht, weil er wegen Klebens am Heck von LKW 2 “nichts sehen konnte” (außer großmächtig das Heck des LKW, welches sein gesamtes Blickfeld einnahm). Nummer zwei hinter LKW 2 überholte nicht, weil Nummer 1 hinter LKW 2 nicht überholte, Nummer 3 usw.usf. … – jedenfalls: Wenn schon keiner die LKW überholen will in seiner neudeutschen Fahrradhelmchenmentalität, dachte ich mir, dann sollte es doch wenigstens noch möglich sein, so konstant wie die beiden LKW mit 70 km/h hinterherzuschleichen. Weit gefehlt. Die Schlange zog sich auseinander, dann schob sie sich wieder zusammen. Abstände vergrößerten sich, dann verringerten sie sich wieder. Es wurde beschleunigt und dann wieder gebremst – und das alles, obwohl konstante und völlig unaufgeregte 70 Sachen möglich gewesen wären. Hinter mir fuhr dann auch bald einer, der mir einmal fast im Kofferraum saß, dann wieder 100 Meter hinter mir blieb, während ich konstant dahinzockelte und Abstand zum Vordermann hielt, um das dämliche Ziehharmonikaspielchen nicht mitspielen zu müssen. “Haben die eigentlich alle nur noch Scheiße im Kopf?”, fragte ich mich und dachte dabei an die Medien, die sie wahrscheinlich konsumieren. Mit “ein Wunder wäre es nicht”, beantwortete ich mir die Frage selbst, um als nächstes zu überlegen, ob sich die Staatsschulden evtl. durch eine Erhöhung der Mehrwertsteuer auf Bremsbeläge abtragen lassen könnten. Irgendwann gab es dann so viel überschaubare Strecke, daß ich durchlud und ein doppeltes “tapferes Schneiderlein” zum Vortrag brachte. Zweimal “Siebene auf einen Streich” – und ich war vorn. Vor mir nichts weiter als kilometerweit freie Bahn. Die beiden LKW – nunmehr schon weit hinter mir – hatten sie ja vorher lange genug freigehalten. Tempomat 110 und entspannt ging es weiter. Geblitzt werden hätte ich freilich nicht dürfen, als ich am ersten LKW vorbeiflog. Aber allein die Vorstellung schon, welcher Dialog in Schleicherkarre 1 hinter LKW 2 stattgefunden haben könnte – Elfriede an Erich: “Hast du den gesehen, Erich!? – Ein Raaaser!! – Hast du sein Kennzeichen!? Den solchen gehört doch das Handwerk gelegt!!”. Das sind die mentalen Helmchenträger, mit denen die wertewestliche Qualitätspresse offenbar kalkuliert, wenn sie an ihre Auflagenzahlen denkt. Das ist ein unaushaltbares Volk inzwischen. Das System, in dem sie sich jede Lust auf eigene Entschlüsse und Verantwortungsübernahme für eigenes Handeln haben abgewöhnen lassen, ist noch nicht einmal mehr als paternalistisch zu bezeichnen. Es ist viel schlimmer. Es ist sogar schon maternalistisch. “Zieh dir ein Helmchen auf, wenn du langsam zum Edeka radelst mit unserem schönen Hollandrad, Erich. Und vergiß die Handschuhe nicht. Es ist noch frisch draußen.” – “Ja, Mama Elfriede.” – Booooaaah!

Die Opposition

Der AfD halte ich zugute, daß sich dort eine ziemliche Bandbreite der verschiedensten Charaktere versammelt, die alle Eines genau wissen: So geht es nicht weiter. Und alle haben sie recht. Ein völliges Mysterium ist mir allerdings bis heute, wieso Manche dort in gewissen Zusammenhängen rechthaben, während sie in anderen absoluten Stuß verzapfen. Das ändert freilich nichts daran: Wenn schon Partei in der demokratischen Illusion einer Medien- & Massendemokratie, dann die AfD. Was denn sonst? Martin Reichardt z.B. hat sich neulich ziemlich erregt angesichts des Cannabis-Gesetzentwurfs der Ampel. Das ist ein schwachsinniges Gesetz, eiferte er, und entwickelte fast einen hofreiterartigen Schädel in seiner ganzen Farbenpracht dabei. Und dann erzählte er, weshalb das Gesetz schwachsinnig ist. In gewisser Weise hatte er ja auch recht. Dieses Gesetz in seinem lächerlichen Detailreichtum und seiner Regelungswut ist wirklich schwachsinnig. Dieses Gesetz hätte keine alte Sau gebraucht, weil alles viel einfacher sein könnte: Cannabis einfach sang-,klang- und kommentarlos aus dem BtmG streichen – und gut isses.

Die Schwachsinnigkeit des Gesetzes als solchem war aber gar nicht das, worüber sich Reichardt hauptsächlich echauffierte. Was ihn am meisten aufregte, war, daß etwas legalisiert wird, das seiner Meinung nach niemals hätte legalisiert werden dürfen. Ich fragte mich, ob Reichardt sich jemals überlegt haben kann, wie jemand fähig zur Entscheidung sein soll, die AfD zu wählen, wenn er seiner Meinung nach noch nicht einmal dazu in der lage ist, selbst zu entscheiden, nicht zu kiffen, weil ja schließlch legal wäre, was er aus eigenem Entschluß bleiben lassen könnte. So viel Blödheit gibt’s doch auf keinem Schiff? Das kann doch alles nicht mehr wahr sein? Woher nimmt dieser Reichardt den Durchblick bei Dingen, in denen er völlig richtig liegt, fragte ich mich. Es ist mir einfach ein Mysterium. Es ist ja nicht nur so, daß Cannabis im Vergleich zu den Risiken, die es sonst so gibt im Leben, ziemlich vernachlässigbar ist, sondern sogar so, daß die ganze Debatte darum in keinem vernünftigen Verhältnis mehr zu tausend anderen Sachverhalten steht, die allesamt wesentlich brisanter wären. Cannabis – oder ein gelegentlicher Joint – ist auf Dauer auch nicht “gesundheitsschädlicher” als ein tägliches Doppelbock in der Kombi mit einem Jägermeister. Helmchenmentalität: Verbieten! Obwohl niemand kiffen muß, nur weil er dürfte. Aber der Reichardt von der AfD entwickelt einen Eifer, als ginge es darum, den Untergang des Abendlandes ausgerechnet mit einem Kiffverbot zu verhindern. Wahnsinn. Dabei ist mir völlig klar, welche Bilder er beim Thema vor Augen hat: Das ist diese “typische Hasch-Klientel” als Klischeebild, die alles wählen würde außer eben der AfD. Ganz verdächtige Gestalten. Die mag er nicht. Die hasst er wahrscheinlich sogar. Wofür ich vollstes Verständnis hätte. Aber ein solches “Ressentiment” zur Grundlage einer Forderung nach der Beibehaltung des Cannabisverbots zu machen? Geht’s eigentlich noch? Herbert von Karajan hat gerne mal “einen durchgezogen”. – Nein, wer erwachsen genug ist, die Wahl der AfD zu verantworten, der kann auch verantworten, das Kiffen bleiben zu lassen. Sogar dann, wenn er durchaus kiffen dürfte. Einen eifernden Reichardt braucht dazu wirklich kein Mensch.

Oder die Herren Braun und Kleinwächter, die nicht und nicht von ihrer – vermutlich aus Sowjetzeiten stammenden, und damals völlig verständlichen – “Russophobie” lassen können. Was geht in solchen Köpfen vor sich? Das fragt man sich gerade deswegen, weil man in anderen Zusammenhängen ihre Standpunkte oft genug nachvollziehen kann.

Ab übermorgen laufen in Russland die Wahlen. Putin wird haushoch gewinnen und für weitere sechs Jahre im Amt bestätigt werden. Weil die Russen das so wollen. Da wäre es gut, wenn man im “Wertewesten” mit Sicherheit sagen könnte, daß die Russen das wirklich wollen, auch wenn es eigentlich jetzt bereits keine Zweifel daran geben sollte. Jedenfalls sind ein paar bayerische Landtagsabgeordnete der AfD nach Russland gereist, um dort auf Einladung eines russischen Bürgerrats die Wahlen zu beobachten. Ist das nicht wundervoll? – Nein! Es ist nicht wundervoll! Das meint jedenfalls die bayerische CSU. Eine regelrechte “Schande” sei das. Und der Bundesvorstand der AfD sowie die bayerische AfD-Chefin Ebner-Steiner raten ebenfalls ab. Wieso? Ich habe keine Ahnung.

Ich kann es nicht nachvollziehen, weil es ja wohl so ist: Putins “gelenkte Demokratie” in Russland ist keinen Deut schlechter als die “wertewestliche” Medien- & Massendemokratie. Wahrscheinlich ist sie sogar besser, weil man in Russland genau weiß, wer lenkt, während man im “Wertewesten” darüber reichlich spekulieren muß. Sind es die NGOs? Oder doch die “Philanthropen” direkt? Der Militärisch-Industrielle-Komplex vielleicht? Oder doch die Pharmalobbyisten? Alle zusammen, vielleicht? Vorausgesetzt, daß Putin in Russland mindestens als so gewählt betrachtet werden darf wie Politiker im “Wertewesten”, kann meinereiner partout nichts Verwerfliches daran entdecken, wenn AfD-Politiker nach Russland reisen, um dort einen freundschaftlichen Dienst für die schöne Demokratie abzuleisten. Wenn die bayerischen AfD-Politiker, jene also, die noch am ehesten mit dem demokratischen Grundsatzgedanken zu tun haben, aus Russland zurückkommen und berichten, daß bei den dortigen Wahlen nichts schlechter abgelaufen ist als – sagen wir – in den USA, dann wäre das doch wunderschön? Das wäre schon deshalb wunderschön, weil die Russen ganz unzweifelhaft ehrlichere “Freunde Deutschlands” wären als das bigotte Gesindel von jenseits des Atlantiks, das permanent mit gespaltener Zunge spricht. Außenpolitisch betrachtet sind die Russen den Amerikanern als “Alternative für Deutschland” deutlich vorzuziehen. Da wünscht meinereiner den bayerischen AfD-Abgeordneten nur noch eine gute Reise, bedauert, daß er nicht dabei sein kann und und trägt ihnen auf, den Russen herzliche Grüße auszurichten und ihnen von meiner Untröstlichkeit darüber zu berichten, daß “wertewestliche Arschkrampen” das schöne Verhältnis zwischen unseren wundervollen Ländern ruiniert haben.

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