Warum sich der Staat vor Spaziergängern fürchtet

Demonstrationen gemäß Art. 5 GG; Bild: © jouwatch
Demonstrationen gemäß Art. 5 GG; Bild: © jouwatch

Wer erinnert sich nicht gerne an die vor 50 Jahren so beliebte Kindersendung mit Lukas, dem Lokomotivführer und seiner Emma genannten Lokomotive? Sehr, sehr langsam bummelte er durch seine Heimat, dem fiktiven Lummerland.

Von Meinrad Müller

Die gemächlich über sanfte Hügel rollende Lokomotive war kein Schnellzug, schon gar nicht ein ICE, in dessen Innenräumen heute diktatorische Gesetze zur Anwendung kommen. Emma, Lukas‘ Dampflokomotive mit dem anhängenden Wagen, fuhr nicht schnell, sondern geradezu unschnell, sprich sie bummelte. Diese Reisegeschwindigkeit entsprach dem Lebensgefühl der Inselbewohner des Traumlands namens Lummerland. Wozu auch die ganze Eile, wo doch am Ende eines jeden unseres Lebens unser Lebenszug unweigerlich von der Klippe fällt?

Recht hatte Lukas der Lokomotivführer, die Geschwindigkeit so niedrig zu wählen, dass er mit Menschen, die neben den Schienen standen, während der Vorbeifahrt noch plaudern konnte. In einem anderen Landstrich, dem Allgäu, so zumindest die Überlieferung in dem heimatkundlichen Werk „Lachendes Allgäu“, sollen gar in den Abteilen der Eisenbahn Schilder angebracht gewesen sein mit der Aufschrift „Blumenpflücken während der Fahrt verboten“.

Die Langsamkeit wird hier zur Qualität an sich hervorgehoben, ganz im Gegensatz zur heutigen Hast und Eile. Wir lernen daraus, dass, wer bummelt einfach mehr vom Leben hat. Diese Lebensweisheit entdeckt haben urplötzlich Hunderttausende, die abendlich durch die Straßen ihrer Heimatstädte schlendern. Sie nehmen Kind und Kegel mit, gern auch das Hündchen und bummeln wie Touristen in engen Gassen, Straßen und auf Plätzen. Zu Rennen, Wandern, Spazieren und Schlendern kommt nun das Bummeln hinzu, was exakt und genau gemessen etwas über dem Stillstehen anzusiedeln ist. Ein lautes soldatisches „Schreiten“ über Kopfsteinpflaster wäre kein Bummeln mehr. Es wäre hier völlig fehl am Platze und widerspräche dieser abendlichen Friedensbewegung. Martialisches Auftreten zeigen nur die schwarz vermummten Polizisten. Diese sind nur zum Schutze der Bummelnden abgeordnet. Es wäre ja denkbar, dass quasi aus dem Nichts ebenso schwarz gewandete Steinewerfer und Tränengassprüher sich über alte Omas und Kinder hermachten, um damit die Demokratie zu fördern.

Zu Recht heißt es ja auch Schaufensterbummel und nicht Schaufensterrennen. Je langsamer wir gehen, desto eher erkennen wir die politische Lage vor Ort, die Stimmung unserer Mitbürger und auch die kleinen Preisschilder an den gelb-rot-grünen gescheckten Kampfanzügen, welche mit gendergerechter Werbung feilgeboten werden. Ob wir diese nächsten tags kaufen oder einfach ignorieren, das hängt auch von den mündlich erhaltenen „Bewertungen“ der Mitbummelnden ab.
Bewertungen sind heute, ob beim Onlineshopping oder nur im Gespräch mit Freunden, die neue Währung der Gegenwart. Wer bei der Werbung, ob für Produkte oder Ideologien, nur auf den Sender hört, der kann leicht irregeführt werden. Und das wollen wir doch alle vermeiden.

Wer langsamen Schrittes geht, sprich bummelt, der nimmt seine ihn umgebende Umwelt tiefer wahr. Gehen viele Menschen gemeinsam bummeln, so wird daraus ein gemächlicher menschlicher und mächtig beeindruckender Bummelzug. Oder es wird daraus eine andächtige Prozession, bei der allerdings die Würdenträger und Vorbeter fehlen. Bei irdischen Wünschen nach Frieden und Gesundheit stellen diese sich lieber nicht vor ihr Kirchenvolk, um nicht den Machthabern in die Quere zu kommen. Mithin ist Bummeln ein geradezu ein meditativer Akt zur Förderung der Erkenntnis über diese unsere gegenwärtige Situation.

Tausende „Wandertage“, die noch 1975 abgehalten wurden, verliefen ähnlich, sagen wir fast ähnlich. Zur Feier des Sonntags und zur Förderung der körperlichen Konstitution galt es zehn oder mehr Kilometer auf gekennzeichneten Pfaden zu wandern. Der im Wirtschaftswunder sichtbar gewordene Wohlstandsspeck, angesiedelt um die Leibesmitte, musste weg. Und Fitness-Center existierten noch nicht. Die Gewichtsabnahme möglichst fröhlich zu gestalten, war das Ziel dieser bundesweit organisierten Bewegung. Zehntausende, Groß und Klein, reisten zu den Veranstaltungsorten, um daran teilzunehmen und nebenbei Landschaft und Geselligkeit zu genießen. Nicht den Schnellsten wurde eine Medaille umhängt, sondern jedem. Die am Wegesrand liegenden Gasthäuser erlebten einen Ansturm, denn es gab ja keine Eile wie zum Beispiel bei einem Marathon. So konnten viele neue Freundschaften mit anderen Wanderern geschlossen werden bei Kaffee, Kuchen, Brotzeit und Gerstensaft. Social distancing? Ganz im Gegenteil! Es wurde gelacht, geschunkelt und auf der Terrasse, so vorhanden, auch getanzt.

Und genau diese Bildung von neuen Bekanntenkreisen wird von den Herrschern dieses Landes heute befürchtet und gefürchtet. Es besteht die hochaktuelle Gefahr, dass sich Bürger vom einzelnen Bummelanten zum massenhaft auftretenden Querulanten weiterentwickeln, durch eine gefürchtete „Bummelisierung“ wie hinlänglich bekannt aus fernen Kulturkreisen. Es könnten sich neuartige „Großfamilien“ bilden, die durch gemeinsame Abwehrhaltung gegen böse Mächte zusammengehalten würden. Wie oft in früheren Zeiten galt das unbegründete Beieinanderstehen schon als Gefahr für den Staat. Aus einer kleinen Gruppe könnte eine Größere werden, daraus dann ein Verein, und Gott behüte: gar eine Partei. Auch bei vielen Lebewesen ist die Gruppenbildung zu beobachten, die zu deren Schutze nicht alleine auf Futtersuche gehen, sondern gemeinschaftlich. So spricht man bei einer gemächlich durch Wald und Flur bummelnden Gruppe von Wildschweinen nicht von einer Bummelgruppe, sondern bereits von einer Rotte.

Wenn nun die Straßenbummler friedlich Sterne, Schaufenster und Laternen betrachtend, jetzt von der Obrigkeit als „Zusammenrottung“ eingestuft werden, so wissen wir, mit welchem Borstentier wir gleichgesetzt werden.

Wir wünschten uns im Geiste zurück nach Lummerland, in dem dessen Bewohner einst so friedlich zusammenlebten, wie wir bis zum Jahre des Herrn Zwanzigneunzehn.