Der litauische Präsident Gitanas Nauseda trifft Annalena Baerbock. - Foto: Imago

Litauen: Ich bin klein, mein Herz ist rein, laß mich der Blockierer sein

Königsberg in Ostpreußen heißt seit dem Ende des Zweiten Weltkriegs bekanntlich Kaliningrad und gehört zu Russland. Mit Russland ist die kleine Exklave an der Ostsee aber nicht verbunden. Litauen und Weißrussland liegen dazwischen. Damit die russische Exklave Kaliningrad, die kleinste aller russischen Oblaste, von Mutter Russland versorgt werden kann, gab es seit der Unabhängigkeit Litauens im Jahr 1990 eine Transitvereinbarung, derzufolge russische Züge jederzeit über litauisches Territorium fahren dürfen, um ins ehemals ostpreußische Königsberg zu gelangen. Nun blockierte Litauen die Transitstrecke.

von Max Erdinger

Litauen hat etwas über 3 Millionen Einwohner und eine Mikroarmee. Als erster der drei baltischen Staaten hatte sich Litauen im Jahr 1990 für unabhängig von der Sowjetunion erklärt. Deren Auflösung wiederum erfolgte offiziell erst am 26. Dezember 1991. Erstes westliches Land, das Litauen als unabhängige Nation anerkannte, war Island. Etwa drei Monate vor der Auflösung der Sowjetunion folgte jedoch die Anerkennung Litauens als eigenständige Nation auch durch die Bundesrepublik Deutschland. 2004 wurde Litauen sowohl EU- als auch NATO-Mitglied.

Daß die UdSSR 1990 längst in Agonie versunken war, als sich die baltischen Staaten für unabhängig erklärten, mithin also niemand einen Sinn darin erkennen konnte, sie gewaltsam in der Sowjetunion zu halten, stimmt zwar, aber es ändert nichts an der Tatsache, daß die Trennung von der Sowjetunion friedlich verlaufen ist, obwohl die UdSSR zu diesem Zeitpunkt noch bestand. Das nur als kleiner Denkanstoß für diejenigen, die sonst leicht in Schnappatmung verfallen, wenn es um andere Sezessionen geht, bei denen „souveräne Staaten“ Teilgebiete verlieren.

Der Ukrainekrieg

Nun ist der gesamte Westen bekanntlich ein wenig verschnupft, weil in der Ukraine Krieg herrscht – und der Logiker fragt sich, weshalb er so empfindlich reagiert, auf einem sehr papierförmigen Völkerrecht herumreitet und die Begriffe „souveräne Nation“ und „neutrale Nation“ überstrapaziert, wenn es doch unabweisbar so ist, daß ihn diese Begriffe nicht zu allen Zeiten so in Rage versetzen konnten wie allerweil. Der Logiker mutmaßt, daß er es mit einer formaliengestützten Scheinheiligkeit zu tun haben könnte, um sich als nächstes zu fragen, weshalb es die NATO und die EU überhaupt gibt, wenn die sich nicht ausschließlich um die Angelegenheiten kümmern wollen, zu deren Zweck sie gegründet worden sind. Die NATO definiert sich offiziell als defensives Verteidigungsbündnis auf Basis gegenseitiger Unterstützung im Fall eines Angriffs auf eine Bündnismitglied. Die Ukraine ist offiziell keines. Weder die Ukraine noch Russland sind Mitglieder der EU oder der NATO. Da würde doch jeder, der sich über das merkwürdige Pochen auf die papierene Realität des Völkerrechts wundert, erwarten dürfen, daß den NATO-Verträgen und den EU-Verträgen mit derselben Vorliebe für eine papierene Realität begegnet wird, oder nicht? Weshalb der Logiker den NATO-Staaten und den EU-Ländern den Ratschlag geben würde, sich einfach damit abzufinden, daß anderswo Krieg herrscht, verärgert mit den Achseln zu zucken und sich resignierend zu sagen: Nicht mein Bier. Seltsamerweise aber ist der Ukrainekrieg ein sehr westliches Bier, ohne daß jemand ehrlich sagen könnte, warum das so sein muß. Mit der Moral braucht ihm angesichts der westlichen Nonchalance beim Bruch des Völkerrechts in der Vergangenheit niemand mehr zu kommen. Und doch wird die Moralschiene bemüht, sehr sogar.

Die litauischen Kniefiesel

Daß es sich bei der Blockade der Transitstrecke von Russland nach Kaliningrad um eine pubertäre Provokation handelt, die nur den Zweck erfüllt, den Provokationen eben erfüllen, liegt auf der Hand. Die Oblast Kaliningrad ist nicht unbedingt auf den Bahntransit durch Litauen angewiesen, sondern ist vermutlich genau so schnell von St. Petersburg aus über die Ostsee zu erreichen. Die Blockade der Transitstrecke durch Litauen ist bloß eine kleingeistige, fiese Stichelei gegen Russland.

Womit wir dann beim Status von Litauen als einer unabhängigen Nation von drei Millionen Einwohnern wären – und beim Inhalt des Begriffs „souveräne Nation“. Wäre der Winzling Litauen tatsächlich eine souveräne Nation – und ausschließlich das – , dann müsste man die Blockade der Transitstrecke vermutlich als suizidalen Übermut bezeichnen. Das muß man nur deswegen nicht, weil der baltische Winzling nicht nur souveräne Nation -, sondern auch noch Bündnismitglied von NATO und EU ist. Das heißt, daß sich die litauische Regierung nicht auf die „Stärke“ ihrer eigenen, „souveränen Nation“ verläßt, sondern darauf, daß sie das Bündnis schon aus der Bredouille heraushauen wird, in die sie sich mutwillig begeben hätte, für den Fall, daß der russische Bär auf die Provokation aggressiv reagiert. Naiv müsste sein, wer unterstellt, in Litauen hätte sich vorher niemand das Bündnis-OK zur Blockade geholt, bevor sie verkündet wurde. Womit sich dann die Frage nach dem Wert des Begriffs „souveräne Nation“ stellt – und zwar nicht nur im Fall der Ukraine oder Litauens, sondern bei allen westeuropäischen Nationen, die NATO- und EU-Mitglieder sind. Wie souverän ist so eine Nation in Wirklichkeit, wenn ihr Wohl und Wehe wegen eines Bündnisses, in dem sie sich befindet, erheblich davon abhängt, welcher Unfug anderen souveränen Nationen in diesem Bündnis einfällt? Die Sperrung der Bahntransitstrecke durch Litauen ist genau das: Grober Unfug. Pubertär, kleingeistig und kniefieselig – und darüber hinaus ohne irgendeinen Sinn, der denjenigen der Provokation als solcher übersteigen würde. Wer ist also an dieser Provokation interessiert? Die Litauer selbst höchstwahrscheinlich nicht.

Wer ein bißchen in der skrupellosen Abgefeimtheit westlicher Geopolitik – insbesondere derjenigen der USA – bewandert ist, wird vermutlich unterstellen, daß die Idee mit der Blockade der Transitstrecke gar nicht auf litauischem Mist gewachsen ist, sondern auf US-amerikanischem – und daß die Amis den Litauern eines jener mafiösen Angebote gemacht haben, die man „nicht ablehnen kann“. So viel steht fest: Ohne die NATO im Rücken wäre für die baltischen Staaten jede Provokation Russlands im wahrsten Sinn des Wortes russisches Roulette – und zwar angesichts der Tatsache, daß Russland ohnehin schon Krieg führt, sogar die extrem verschärfte Version von „russisch Roulette“. Bei der verschärften Version steckt nicht eine Kugel in einer von sechs möglichen Patronenkammern, sondern fünf. Lediglich eine Kammer bleibt ohne Patrone. Ziemlich sicher kam der Auftrag zur Blockade der Transitstrecke aus den USA.

Wie kommen wir in den Krieg?

In den USA ist inzwischen offensichtlich, daß man sich den Kopf darüber zerbricht, wie man eine Begründung dafür schaffen könnte, mit NATO-Truppen gegen Russland vorzugehen, ersatzweise mit ausschließlich eigenen Truppen gegen China. Wegen Taiwan. Die USA stehen wieder einmal vor der unangenehmen Aufgabe, sich an den Haaren ihrer Vasallen – den sogenannten „souveränen Nationen“ – aus dem wirtschaftlichen Sumpf zu ziehen. Wenn der US-Dollar nicht mehr Welt-Leitwährung ist, dann wäre die logische Folge, daß die USA als Wirtschaftsmacht den Bach gar runtergehen und sich auch ihre extremen Militärausgaben nicht mehr leisten könnten. Wenn „der Ami“ dermaßen in der Klemme steckt, dann geht er für gewöhnlich zu seinen Vasallen und fängt seine Rede mit den folgenden Worten an: „Mein lieber Freund mit den gemeinsamen Werten, wir hätten dir da einen Vorschlag zu machen, dessen Befolgung dein Schaden nicht sein soll.“ Genau deswegen steckt ja auch die Ukraine bis zum Hals im Dreck. Und den USA würde es nicht viel ausmachen, wenn bald ganz Europa bis zum Hals im Dreck steckt, solange ihnen das ihren eigenen Arsch zwischen Atlantik und Pazifik rettet.

Zum Glück haben sowohl Wladimir Putin als auch Dmitry Medvedev längst erkannt, was es mit den ach-so-„souveränen Nationen“ Westeuropas auf sich hat – und daß die korrekte Übersetzung von „souveräne westeuropäische Nation“ resp. „EU“ auf „US-Vasallenstaat“ lautet. Daß diese Vasallen nichts zu melden haben, was letztlich entscheidend sein könnte, wissen sie deshalb ebenfalls. Medvedev äußerte sich erst kürzlich entsprechend – und die Vasallen waren wegen der Wahrheit seiner Worte schwerst beleidigt. Es würde mich nicht wundern, wenn ausgerechnet Wladimir Putin Bedauern empfände für die mißliche Situation, in der sich die entklöteten Freunde der USA in Westeuropa befinden – und wenn er deshalb mit dem Großmut des Bären über die Provokation der kleinen litauischen Wadenbeißer hinwegsähe, zumal sie ja keinen größeren Schaden zu seinem Nachteil anrichtet. Nur vergessen wird er das den Litauern nicht. Meinereiner würde ebenfalls von einem gewissen Undank der Litauer sprechen. Eigentlich sollten die froh und dankbar sein darüber, daß sie vor dreißig Jahren so schmerzfrei aus der UdSSR ausscheren durften – und daß sie so freundliches Wohlwollen bei den Isländern und den Westeuropäern gefunden hatten.

Als Deutscher nehme ich ihnen diese Provokation des russischen Bären direkt übel. Wir sind im selben „Verteidigungsbündnis“ – und mir stinken Leute, die mit meinem Leben spielen. Selbst dann, wenn es sich dabei um kleine und schwache Litauer handelt. Daß ich den US-Falken von STRATFOR, der CIA sowie dem US-„Präsidenten“ und den sogenannten US-„Philanthropen“ samt deren Stiftungen und NGOs von der Pest über die Cholera bis zur Mittelohrvergiftung sämtliche schmerzhaften und tödlichen Krankheiten wünsche, die man sich nur denken kann, steht angesichts der Skrupellosigkeit, mit der sie sich die Ukraine mitsamt deren korrupten Despoten gekrallt hatten, um die Ukrainer für ihre eigenen Interessen über die Klinge springen zu lassen, ohnehin fest. Diese US-Geostrategen sind das eitrige Furunkel am Arsch des Lebens aller Anderen.

St. Petersburg

Es ist die Agonie des Westens, die derjenigen der Sowjetunion dreißig Jahre später folgt. Wladimir Putin hat es beim Wirtschaftsgipfel in St. Petersburg vergangene Woche erst erneut bekräftigt: Die unipolare Welt mit den USA als Zentrum geht ihrem Ende zu. Um dieses Ende abzuwenden, formieren sich die USA, Großbritannien und Australien allerweil zum finalen Schlag gegen den Rest der Welt – ohne daß das irgendeinen Sinn hätte. Es war nicht Russlands Idee, den wertbasierten Kapitalismus samt gedeckter Währungen gegen die Blasenbildung des sogenannten Finanzkapitalismus samt seiner hemmungslosen Gelddruckerei und seiner größenwahnsinnigen Ausgabenpolitik zu tauschen. Und es ist auch nicht nachzuvollziehen, weshalb sich Russland in diesen Abwärtsstrudel mit hineinziehen lassen sollte, noch dazu dann nicht, wenn es sich dabei mit nichts anderem als Arroganz und gebrochenen Versprechen konfrontiert sähe. Russland nimmt Westeuropa wegen seines Vassallenstatus‘ aus nachvollziehbaren Gründen nicht mehr ernst – und traut den USA aus ebenso verständlichen Gründen nicht mehr über den Weg. Es bleibt nur zu hoffen, daß die geopolitische Lage nicht noch rettungslos kriegerisch eskaliert, ehe die Midterms in den USA gelaufen sind, resp. bis Donald Trump seine vom Wahlbetrug unterbrochene Präsidentschaft fortsetzen kann, um „America“ wirklich „great again“ zu machen, anstatt sinnlos Steuergeld in Abermilliardenhöhe für desaströse Abenteuer auf der ganzen Welt zu verschwenden. Den Litauern muß unabhängig davon aber ihr kleines Provokatiönchen mit der Sperrung der Transitstrecke noch auf die eigenen Füßchen fallen, so, wie den Verantwortlichen in Westeuropa ihre Waffenexporte in die Ukraine. Der Ukrainekrieg ist hauptsächlich die Folge eines desaströsen westlichen Politikversagens in der Arroganz, und wäre leicht zu vermeiden gewesen. Die EU hätte den Amerikanern vor Jahren schon angesichts von deren „Engagement“ in der Ukraine in die Arme fallen müssen. Gott schütze die Ukrainer vor ihrer Regierung, uns vor der unsrigen – und die Amerikaner vor ihrer vermeintlichen.

Themen

AfD
Brisant
Corona
Der Muezzin ruft jetzt in Köln; Bild: Privat
Deutschland
Gender
International
Islam
Corona
Brisant
Linke Nummern
Deutschland
Deutschland
Satire
Ukraine
Politik
Wirtschaft