Szene aus der Verfilmung von Tolkiens "Herr der Ringe": Viele alte weiße exkludierende Männer, Rassen und Gewalt (Foto:Imago)

Jetzt ist auch „Herr der Ringe” voll Nazi – weil Giorgia Meloni Tolkien-Fan ist

Nicht nur in Deutschland und der EU, auch in der Schweiz dreht der Mainstream anlässlich des Wahlsiegs der von Giorgia Meloni geführten Rechtskoalition bei den Wahlen in Italien am vergangenen Sonntag frei. So sah sich der Schweizer SRF zu einem Interview mit der Literaturwissenschaftlerin Christine Lötscher von der Universität Zürich veranlasst, durch das sich beide der Lächerlichkeit preisgaben: Der verblüffte Leser erfährt dort nämlich, dass anscheinend auch Begeisterung für Fantasy und Mystery neuerdings voll Nazi sind.

Meloni hat sich immer wieder als leidenschaftlicher Fan der „Herr der Ringe“-Trilogie von J.R.R Tolkien bekannt und bei der Vorstellung ihrer politischen Ziele gelegentlich Vergleiche mit den Inhalten der Bücher verwendet. Da es nun, nach ihrem Wahlsieg, um jeden Preis gilt, auch und gerade im gesamten deutschen Sprachraum das Narrativ von Meloni als ultrarechter Faschistin zu zementieren, blieb es Lötscher vorbehalten, im SRF eine Engführung zwischen der Hobbit- und Elbenwelt und Melonis Gesinnung zu postulieren.

Schockierte und empörte Literaturwissenschaftlerin

Zunächst stellte sie fest, dass sie „schockiert“ darüber sei und es „absurd“ finde, dass Meloni sich auf Tolkiens Epos berufe. Erstaunt sei sie darüber jedoch nicht, denn: „Fantasy wird immer wieder von rechter, konservativer Seite instrumentalisiert.“ Dies habe damit zu tun, „dass es in „Herr der Ringe“ zwar das Böse gibt, verkörpert „durch Sauron und durch die Orks, diese künstlichen Kampfmaschinen”. Aber eigentlich sei nicht der Kampf Gut gegen Böse das Thema von „Lord of the Rings“ – sondern wie die Figuren, die auf der guten Seite kämpfen wollen, immer wieder vom Ring, von der Macht also, korrumpiert werde. „Gerade weil das so ambivalent und schwierig ist, finde ich es absurd, die Trilogie auf den Kampf Gut gegen Böse zu reduzieren“, so Lötscher.

Einmal in Fahrt, schwafelte sich Lötscher zu ihrer kruden Übertragungslehre aus fiktionaler Literatur und dem vermaledeitem Populismus (der natürlich immer nur von rechts verwerflich ist, während er bei Linken völlig in Ordnung geht!) um Kopf und Kragen: Was den Herrn der Ringe für rechte Politiker so attraktiv mache, sei der Umstand, „dass es diese Völker und Rassen gibt, die in konflikthaften Verhältnissen zueinander leben. Hier werden Krieg und teilweise auch Gewalt idealisiert.“ Dazu komme „eine gewisse Heldenverehrung“. Worauf rechte Gruppierungen aber vor allem anspringen würden, sei „die Bezugnahme auf die germanische und nordische Mythologie.“ Mit diesem Material würden „neue Geschichten erzählt, die dadurch eine alte Anmutung bekommen.“

„Reaktionäres und rückwärtsgewandtes Genre“

Auf die Frage des Interviewers, ob das ganze Fantasy-Genre, dem man angeblich immer vorwerfe, „etwas Reaktionäres und Rückwärtsgewandtes“ zu haben, anschlussfähig für Rechte sei, stimmte Lötscher nicht nur zu, sondern verwies auch gleich auf „feministische“ und „afrofuturistische“ Autorinnen und Autoren, „die antirassistische, diverse Fantasy schreiben, die sich auch mit Science Fiction vermischt“. Also Wokism statt „rechte“ Realpolitik. Das Denkmuster folgt dabei dem Kurzschluss: Wenn Rechte etwas Unpolitisches tun, wird es damit automatisch politisch (und das gilt freilich nur für rechts). Die Logik dahinter: Weil Nazis auch die Toilette benutzen, muss jeder Nazis sein, der ebenfalls scheißt. Der Beweis: Scheiße ist braun.

Das der SRF diesem mustergültige Geschwurbel einer Literaturwissenschaftlerin die Plattform bot, verwundet überhaupt nicht – handelt es sich doch um dieselbe neuerliche „Vermählung” von kulturmarxistischen und linksradikalen Wahnvorstellungen mit dem üblichen Rechten-Bashing, das auch in deutschen Medien zunehmend Raum greift. Sich bei einer links-woken Professorin zum einen die angeblich rechtsradikale Gesinnung Melonis bestätigen zu lassen und gleichzeitig noch einen Literaturklassiker in den Ruch des Faschistoiden zu ziehen, scheint für die heute dominanten Journalisten allemal naheliegender, als darüber nachzudenken, warum a) so viele Wähler in Italien gar nicht mehr wählten und b) die, die es doch taten, mehrheitlich das komplette Gegenprogramm zu den Machenschaften des etablierten Politikbetriebs wählten, so wie zuvor auch schon in Schweden und anderen EU-Ländern.

Scheuklappen festzurren statt ablegen

Dabei wäre man da durchaus fündig geworden – vorausgesetzt, man nähme die medialen Scheuklappen ab, statt sie sich von freakigen Literaturwissenschaftlern noch weiter weiter festschrauben zu lassen: Wer sich Melonis Positionen unvoreingenommen ansieht, erkennt, dass es bei ihr nirgendwo um „Faschismus“ oder um Mussolini-Renaissance geht. Stattdessen setzt sie sich für die Souveränität Italiens gegenüber einer immer zentralistischeren EU ein – was gerade kein Widerspruch zu ihrem Bekenntnis als sehr wohl überzeugte Europäerin und zudem als Christin und Mutter bedeutet. Denn wer die anmaßende Brüsseler Eurokratie zurückweist, ist kein Feind, sondern eher ein Purist und Verfechter der ursprünglichen europäischen Idee.

Dies und Melonis Ablehnung einer illegalen Massenmigration sowie der „Ehe für alle“ genügen allerdings schin, um heute als „rechtsradikal” zu gelten. Sicherheitshalber zieht man dann noch alles mit in den Dreck, was von der Fratelli d’Italia-Protagonistin privat wertgeschätzt wird – selbst wenn es sich um Fantasyliteratur handelt, die die Phantasie und Emotionen von Milliarden Menschen beflügelt. Gerade in Deutschland könnten Journalisten, die sich die Mühe dazu machen, schnell erkennen, dass Melonis politische Positionen noch bis vor gut 15 Jahren Jahren völlig selbstverständlicher Teil des CDU-Programms. Heute gelten sie als rechtsextrem, so wie die AfD, die als Erbe dieser bürgerlichen Substanz gelten kann. Dass man nun versucht, alles und jeden in Faschismus umzudeuten und dazu auch noch den Herrn der Ringe heranzieht, zeigt die ganze Absurdität des heutigen politischen Diskurses. (DM)

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