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“Zeig mir den Platz an der Sonne – die AfD-Fernsehlotterie aus Magdeburg“

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“Mit einem Worte: wir wollen niemand in den Schatten stellen, aber wir verlangen auch unseren Platz an der Sonne“ (der spätere Reichskanzler Bernhard von Bülow 1897 vor dem Reichstag)

“In meinem Herzen flattert leise

Ein kleiner bunter Schmetterling

Den schickt die Sehnsucht auf die Reise

Wenn ich von meinen Träumen sing…“

(1971 Text: Dr. Eckart Hachfeld für den Song “Zeig mir den Platz an der Sonne“ von Udo Jürgens)

von Peter Keuner

Die Sehnsucht nach einem besseren Leben motiviert Woche für Woche Millionen von Lottospielern, von denen sich die allermeisten mit ihrem Los zumindest einen erträumten Platz an der Sonne erwerben. Nach einem besseren Leben zu streben ist ja auch nichts Schlimmes oder Verwerfliches. Das Zitat von Bernhard von Bülow, das Einfordern eines Platzes an der Sonne für das Deutsche Reich, zerstörte jedoch mit einem Schlag die brillante Bündnispolitik Otto v. Bismarcks und bereitete damit u.a. auch den Weltkrieg 1 vor. Die weitestgehende Isolation Deutschlands, massive Verarmung der breiten Bevölkerung und schwere finanzielle Belastungen auf Jahrzehnte waren die direkten und indirekten Folgen dieses fatalen Richtungswechsels.

1971 wählte die ARD Fernsehlotterie – durchaus mit ein wenig Süffisanz – genau diesen Terminus, um Menschen mit ihrer Fernsehlotterie ein Bild in den Kopf zu malen und zum Kauf der Lose zu bewegen. Udo Jürgens vertonte und interpretierte dann den obigen Text von Eckart Hachfeld um den neuen Namen für die ARD Fernsehlotterie zu promoten. https://www.youtube.com/watch?v=PRAgMl14CsM

Das Streben nach einem Platz an der Sonne ist – wie schon gesagt – nicht zwangsläufig verwerflich. Schlecht wird es nur, wenn man mit Rücksichtslosigkeit, Gier und Lügen, die keine Freunde kennen, sich diesen persönlichen Platz an der Sonne “auf Deibel kumm naus!“ erstreiten oder erkämpfen will. Dann entsteht die Gefahr, dass man, um dieses Ziel erreichen zu können, auch die eigenen ehernen Prinzipien und Regeln bricht, seinen persönlichen Dunstkreis und Verbündete dauerhaft verprellt und dadurch massiv (und meistens nahezu unumkehrbar) an Glaubwürdigkeit einbüßt. In unserem Fall: Mut zur Wahrheit gilt nicht mehr!

Genau dieser letzte Eindruck entstand bei mir, als ich interessiert die Vorstellungsreden und die nachfolgenden Wahlen an den beiden Wochenenden des Bundesparteitages der AfD Ende Juli in Magdeburg verfolgte. Von den gehaltenen (Vorstellungs-)Reden waren ca. 10 Prozent erträglich und okay. Ganze fünf Reden waren richtig gut und machten Lust auf mehr, der Rest der Reden langweilte mit dem Absondern der immer gleichen Sprachschablonen, einem hysterischen Krakeelton und/oder dem Verlangen nach dem Platz an der Sonne – ähhh – Ich bitte die Leser um Entschuldigung! – ich meinte natürlich das zwanghafte Einfordern von “patriotischer Solidarität“ – was auch immer die Genossen darunter verstehen lassen wollen. Aufschlussreich war, dass keine einzige der Reden, die ich als sehr gelungen bezeichne, auch nur den Hauch einer Chance hatte, dafür ebenfalls auf die Liste gewählt zu werden. Bereits im Vorfeld waren nämlich Absprachen getroffen worden, welche Seilschaften welchen Kandidaten gegenseitig unterstützen werden. Immerhin geht es ja um die Plätzchen an der Sonne! Da kann man seine Prinzipien einfach einmal locker vom Tisch fegen! Mut zur Wahrheit? Pustekuchen!

War man vor 10 Jahren nicht etwa angetreten als “Alternative“ zu dem Parteienschmonz, den heimlichen Absprachen im kleinen Kreise, dem Parteienfilz …usw…? Hatte man sich nicht gegründet, um familiäre Mauscheleien a la Abu Graichens Plan- und Clanwirtschaft, Korruption bei Politikern und durchdrehende Ideologen zu bekämpfen und von den Hebeln der Macht möglichst fernzuhalten? Wollte man damals nicht die Berufspolitiker ohne Ausbildung oder zumindest langjährige Berufserfahrung ausserhalb der bezahlten Politik nicht verhindern, um wieder bodenständige, realitätsgeerdete Konzepte erstellen zu können?

Nach Magdeburg 2023 hat die AfD jedenfalls nicht mehr das moralische Recht, über die Machenschaften und den Filz der Altparteien die Nase zu rümpfen. Vorschlag zur Güte: Lasst künftig die in überwältigender Mehrheit langweiligen und ätzenden Reden doch einfach weg und lasst eure Delegierten einfach die Leute wählen, die ihr vorher in kleinen Kreisen bestimmt habt! SO geht Basisdemokratie 😉 (Zwinkersmiley)! Der Platz an der Sonne ist euch damit zeitweise garantiert. Und wenn durch einen Übertragungsfehler statt des abgesprochenen Kandidaten ein Regenschirm gewählt wird, dann sendet halt den nach Brüssel und Straßburg – der Schirm wird jedenfalls – und das mit traumwandlerischer Sicherheit! – keinerlei Prinzipien brechen.

JETZT, liebe AfD, – nach Magdeburg – seid ihr auf dem besten Weg ins Altparteienkartell. Der nächste Schritt für euch wäre jetzt, einige Ministerpöstchen zu ergattern, damit man sich ebenfalls am Trog vollfressen kann. Verantwortung für den Wähler oder das patriotisch so oft herausgehauene “unser Land“? Wen interessiert das schon, wenn ein Strandkorb mit Vollversorgung und dann auch noch direkt am Strand und in der Sonne geboten wird?

Es gibt tatsächlich Funktionäre der Partei, die meinen, die Zustimmung in der Wählergunst, die die AfD in den letzten Monaten an der SPD und den Grünen vorbeiziehen ließ und lässt, läge daran, dass – warum auch immer erst jetzt – die Zustimmer in den letzten Monaten intensiv das Parteiprogramm der AfD studiert hätten. Dass die “Ampel“ derart grottige Politik macht, dass die jetzt schon betroffenen Wähler langsam und verzweifelt nach JEDEM Strohhalm greifen, kommt diesen Funktionären in ihrer Hoffart nicht in den Sinn. Etwas mehr Demut dem Souverän gegenüber würde da etwas nützen. Diese Demut gilt übrigens auch gegenüber dem Souverän der Partei, nämlich den Mitgliedern. Eine abstoßende Aktion, wie dem Abschalten des livestreams bei gleichzeitigem Verbleib der Systempresse im Saal während der Aussprache zum Thema “Protektion durch Teile des Bundesvorstandes und das bei fragwürdigem Lebenslauf“ zeigt ganz deutlich, dass es auch in dieser Partei Kräfte gibt, für die der Souverän nichts weiter darstellt als “Verfügungsmasse“ und ansonsten wird diesem Urnenpöbel mit Anlauf ins Gesicht gespuckt – Man ist ja was “Besseres“ und auf dem Weg zum Platz an der Sonne. Also: Fresse halten, Urnenpöbel!

Da von einigen AfD-Rednern in Magdeburg so gerne George Orwell zitiert wurde, möchte ich hier mit einem Orwell-Zitat schließen. (aus: “Die Farm der Tiere“, 1944):

“ Und jetzt stand außer Frage, was mit den Gesichtern der Schweine passiert war. Die Tiere draußen blickten von Schwein zu Mensch und von Mensch zu Schwein, und dann wieder von Schwein zu Mensch; doch es war bereits unmöglich zu sagen, wer was war.“