Da klappt rein gar nichts mehr: Boris Pistorius - Foto: Shutterstock

Boris Pistorius & Nato: Deutscher Minister macht Geräusche

Die Deutschen und das Militär – eine nie endende Geschichte von eingebildeter Großheit und völlig überraschender Niederlage. Allerweil ministriert Boris Pistorius von der SPD die “Verteidigung”. Weiß der Geier, gegen wen und womit.

von Max Erdinger

Die dts-Nachrichtenagentur meldet: Vilnius  – Verteidigungsminister Boris Pistorius (SPD) rechnet damit, dass Deutschland im Nato-Verteidigungsfall eine “zentrale Rolle” zukommen wird. Das sagte er im Rahmen des Nato-Gipfels in Vilnius. “Wenn der Ernstfall da ist oder zu erwarten ist, dann muss es schnell gehen. Dann müssen die Verlegungen schnell und zuverlässig funktionieren und da kommt uns als Bundesrepublik Deutschland eine zentrale Rolle zu”, so Pistorius. “Erstmals seit Ende des Kalten Krieges wird es also wieder umfassende Verteidigungspläne geben: Das heißt regionale Pläne, Zuordnung von Regionen zu den Alliierten; ein Kräfteplan, Zuordnung von Truppen; Kommandostruktur, also die Zuordnung von Regionen zu jeweiligen Nato-Kommandos; ganz wichtig das Alarmierungsmodell.” Deutschland komme eine Schlüsselrolle bei der militärischen Mobilität insgesamt zu, was die schnelle Verlegung von Truppen über die Straße und die Schiene in die möglichen Einsatzräume angeht, so der Verteidigungsminister.
Derzeit müsse man davon ausgehen, dass dies eben vor allem die Gebiete an der Ostflanke sind. Pistorius kündigte an, im Laufe des vierten Quartals mit seinem litauischen Kollegen eine Roadmap für die geplante Stationierung einer Brigade in Litauen entwickeln zu wollen.

imago0262970531h scaled
Boris Pistorius (li.) am 28. Juni 2023 mit seinem “Chef” – Foto: Imago

Allein schon der letzte Satz: kündigte an, im Laufe des vierten Quartals “Roadmap” für geplante Stationierung entwickeln zu wollen. – Wahnsinn. Vor dem Verlauf des vierten Quartals – also vor dem 1. Oktober bis zum 31. Dezember – so die Ankündigung, wird es nicht nur keine Entwicklung von “Roadmap” geben, sondern es wird noch nicht einmal jemand eine entwickeln wollen. Da fehlt schon der Wille bis mindestens zum 1. Oktober. Aber die militärische Bedrohung existiert natürlich jederzeit vorher schon, wenn sie denn überhaupt existiert. Und diese Verlegungen aber auch, die “im Ernstfall” – haben wir denn aktuell keinen? – “schnell gehen” müssen: Was für Verlegungen? Truppen? Waffen? Munition? Logistische Unterstützung? – Welche Truppen? – Trüppchen? Welche Waffen und welche Munition? – Ist das nicht schon alles “verlegt” worden? Ist das nicht schon alles von Russen zu Klump geschossen worden? “Uns als Bundesrepublik Deutschland” kommt eine “zentrale Rolle” bei der “Verlegung von was auch immer” zu? – Logo. Wir als Bundesrepublik Deutschland liegen ja auch recht zentral in Westeuropa. Nur: Bei uns fallen schon zu Friedenszeiten die Züge aus. Eventuell würde ja einer mit “Verlegungszeug” im Lauf des zweiten Quartals 2024 irgendwo ankommen wollen. Und Verteidigungspläne wird es geben, vielleicht irgendwann ebenfalls im Lauf des vierten Quartals, oder so, irgendwie? Wieso überhaupt “wird”? Haben wir aktuell keinen Plan? Werden wir vielleicht erst einen entwickeln wollen müssen? Oder mehrere? Und “Zuordnung von Regionen zu den Alliierten” werden wir als Bundesrepublik Deutschland in unserer “zentralen Rolle” ebenfalls vornehmen wollen müssen, vielleicht? Um so viel Ausgefuchstheit bei wilder Entschlossenheit beneidet uns die ganze Welt. Ganz bestimmt. Vor allem wegen unseres “Alarmierungsmodells” zum Ostflankenschutz werden wir in zentraler Rolle vergöttert werden. Aber erst im Lauf des vierten Quartals, vielleicht. Wenn die ganze Welt will. Sonst nicht.

Es wäre nett von den Russen, wenn sie bis irgendwann im Verlauf des vierten Quartals selber nichts unternehmen würden, damit unsere zentrale Rolle als Bundesrepublik Deutschland dann, wenn wir soweit wären, auch so schön aussieht, wie sie sich der Herr Pistorius gerade ausmalt im malerischen Vilnius. Beim schönen NATO-Gipfel.

Im “Münchener Merkur” gibt es ebenfalls Nachrichten vom herrlichen NATO-Gipfel in Vilnius. Heute ist der zweite Tag. Gestern hatten die Partizipanten ein  gemeinsames Gipfeldinner ohne den alten Joe aus Amerika. Offiziell hieß es, er habe keine Zeit für das hochdefensive Verteidigungsessen, weil er seine Rede für den heutigen Nachmittag vorbereiten muß. Tja, den Luxus, erst etwas bis zum vierten Quartal entwickeln zu wollen, kann sich nicht jeder leisten. Der arme Joe. Ohne Abendessen eine Rede schreiben. Er ganz allein im stillen Kämmerlein. Eine “große Rede” würde es werden, wurde gestern angekündigt. Tatsächlich dürfte der umstrittene US-Präsident mit fadenscheinigen Begründungen vom gemeinsamen Abendessen abgehalten worden sein, damit niemand sieht, wie er sich bekleckert. Es reicht schon, wenn er heute Nachmittag aus Versehen sagt, er stelle dem Irak statt der Ukraine eine NATO-Mitgliedschaft in Aussicht für das vierte Quartal des Jahres 3835. God save the Queen und wo geht’s zum Ausgang.

Der ukrainische “Diener des Volkes”, der heilige Wolodymyr, macht ein etwas mürrisches Gesicht in Vilnius, obwohl es dort herrlich ist und die Damen gut gekleidet sind.

Koks Selensky
“Der Nasenbär, der hat es schwer” – Screenshot Facebook

Schon wieder wollen die anderen Dinierenden das Land mitsamt dem ganzen Volk, welchem er so sinnstiftend dient, nicht in die NATO aufnehmen. Ruppig durfte er deswegen trotzdem nicht werden. Der zweite Tag, also heute, ist nämlich “wie der erste Tag in Vilnius geprägt (…) von der Frage, ob der Westen weitere Waffen in den Ukraine-Krieg liefern wird. Das zumindest hatte der ukrainische Präsident Wolodymyr Selenskyj vom Nato-Gipfel gefordert. ‘Unsere Verteidigung hat erste Priorität’, so Selenskyj am Dienstagabend in Vilnius, der sich dankbar gegenüber seinen westlichen Verbündeten zeigte: ‘Mehr Waffen für unsere Soldaten bedeuten mehr Schutz für das Leben aller in der Ukraine.’ ” – Gut, daß er gesagt hat, was mehr Waffen bedeuten. Sonst hätte es womöglich niemand geglaubt. Vor größerem Kummer bewahrte ihn das dennoch nicht.

Der “Merkur”: “Allerdings musste der ukrainische Präsident auch eine schwere Enttäuschung auf dem Nato-Gipfel in Vilnius hinnehmen. Ein Nato-Beitritt der Ukraine scheint in weite Ferne gerückt. Eine mögliche Aufnahme schloss das Verteidigungsbündnis zwar nicht aus. Eine formelle Einladung werde aber erst erfolgen, wenn gewisse Bedingungen erfüllt seien. Dazu gehören neben dem Kampf gegen die Korruption im eigenen Land auch Erfolge auf dem Schlachtfeld im Kampf gegen Russland.” – Wenn man etwas für völlig ausgeschlossen darf, dann, daß sich der Original Oberukrainer jemals wie ein Russe fühlen könnte. Das ist fatal. Könnte er, dann würde er sich jetzt nämlich fühlen wie ein Russe von vor knapp 30 Jahren. Die Russen wollten damals ebenfalls in die NATO und machten sich daran, “gewisse Bedingungen zu erfüllen”. Während sie an “gewissen Bedingungen” arbeiteten, kam es zur NATO-Osterweiterung. Erst dann wurde den Russen klar, wozu die Formulierung von den “gewissen Bedingungen” gedacht gewesen war. Der “Merkur”: “Selenskyj selbst hatte diese Bedingungen als ‘absurd’ kritisiert.” Damit hat er einerseits recht, andererseits aber auch wieder nicht. Absurd ist das mit dem Kampf gegen die Korruption insofern, als daß Selenskyj natürlich genau weiß, wie korrupt es in den Ländern zugeht, die von ihm einen “Kampf gegen die Korruption” als Teil von “gewissen Bedingungen” fordern. Nicht absurd kämen ihm diese Forderungen allerdings dann vor, wenn er wahrhaben wollte, welche Rolle ihm und seinem Land in der Auseinandersetzung um die Aufrechterhaltung einer US-geführten, unipolaren Weltordnung von vornherein zugedacht gewesen war. Dazu müsste er aber von Putin lernen. Und das wäre das Letzte, was ihm einfiele. Wie müsste er sich denn vorkommen? – Eben.

In den sozialen Netzwerken Litauens gab es vor dem NATO-Gipfel übrigens interessante Stellenausschreibungen für Tagelöhner. 20 Dollar waren es, wenn ich mich recht erinnere, die jedem Litauer versprochen worden sind, der sich in Vilnius einfindet, um Selenskyj bei dessen Ankunft zuzujubeln. 30 Dollar, wenn er auch noch ein ukrainefreundliches Transparent mitbringt. Das hat damals beim Euro-Maidan in Kiew Ende 2013/Anfang 2014 schon gut funktioniert. Wenn man sich anschaut, wie Selenskyj bei seiner Ankunft in Vilnius bejubelt worden ist, auch ohne daß Victoria Nuland persönlich irgendwelche Jubelperser gefüttert hätte, kann man auch wissen, daß das wieder eine sauteure Angelegenheit gewesen ist. Die kontrastiert wiederum mit einem anderen Foto, das ich gesehen habe.

NATO Selenskyj
“Einsamkeit” – Screenshot Facebook

 

Die Frau Selenska wird recht artig von den anderen Damen in den langen Abendkleidern begrüßt, alle machen ein empathisches Gesicht voller Zuneigung, überall stehen in feines Tuch gewandete Grüppchen beieinander, im Hintergrund zum Beispiel – merkwürdigerweise – der überaus zurückgetretene Herr Rutte aus den Niederlanden als gutgelaunter Entertainer mit ein paar Anderen, die an seinen Lippen hängen – und der kleine Pimmelpianist als “Diener des Volkes” mit seinen 170 Zentimetern steht mutterseelenallein im olivgrünen Outfit in der Gegend herum, ohne von irgendwem beachtet zu werden. Er schaut ein wenig konsterniert aus der Wäsche. Man mag sich seine Seelenpein gar nicht ausmalen, sollte er erfahren, daß hochrangige Neocons in den USA bereits Sondierungsgespräche mit hochrangigen Russen geführt haben, in denen es um die Voraussetzungen für ein Kriegsende gegangen ist, obwohl der heilige Wolodymyr weder die Krim noch den Donbass zurückerobert hat. Hat er denn gar nichts mehr zu melden? Zuletzt würde den kleinen und gierigen Fernsehkomiker noch der Verdacht überfallen, er habe seinem Volk ausgedient.

Aber gut: Der deutsche “Verteidigungs”-Minister Pistolius von den Spezialdemokraten kündigt derweilen an, im Verlauf des vierten Quartals etwas Ostflanken-Zentralrolliges entwickeln zu wollen – gemeinsam! – mit seinem litauischen Zuordnungs-Defensivkollegen. Sehr schön. Vorwärts immer, rückwärts nimmer.

876e20abefba45679045727a7fc607fa

Entdecke mehr von Journalistenwatch

Jetzt abonnieren, um weiterzulesen und auf das gesamte Archiv zuzugreifen.

Weiterlesen