Zensur 2.0: Kein Buch mehr ohne "Lektoratseinordnung" (Symbolbild:Imago)

Sprachverhunzung und Zensur für Dummies: Buchhandels-Börsenverein findet “Sensivity Reading” dufte

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Die so reichhaltige und einstmals so diverse, unglaublich facettenreiche und diffenzierungsfähige deutsche Sprache soll weiter politisch-korrekt ramponiert und auf den Linken gerade noch genehmes Minimum eingedampft werden: Der Börsenverein des Deutschen Buchhandels, einst einer der altehrwürdigen Gralshüter deutscher Literatur und Sprachpflege, hat sich geistig ebenfalls gleichgeschaltet und verteidigt die woke Perversion des “Sensitivity Readings”. Dabei werden literarische Texte auf “mögliche Stereotype sexistischer oder rassistischer Art” überprüft. Die Vereinsvorsitzende Karin Schmidt-Friderichs verteidigt die umstrittene Praxis, bei dem Literatur “in Echtzeit” korrigiert und selbst klassische Werke entsprechend kommentierend eingeordnet (sprich: mit Warnhinweisen versehen) werden. Schreiben und Lesen kann man dann im Prinzip gleich ganz bleiben lassen.

Schmidt-Friderichs schwafelt, es handele sich lediglich “ein Angebot, kein Dogma”, sagte sie der “Neuen Osnabrücker Zeitung”. Jeder Verlag entscheide das für sich selbst. “Genauso wie der eine gendert, der nächste nicht.” Ganz genau: Und auch hier ist dieses “Angebot” längst zum faktischen Zwang, im mindesten Fall einer sozialen oder politischen Erwartungshaltung als Gesinnungsbekenntnis geworden. Die Penetranz, mit der Nachrichtensendungen der ÖRR-Formate dieses “Angebot” wahrnehmen und ausbreiten, zeigt, dass zwischen Obligo und Wahlfreiheit keine Trennlinie mehr verläuft. Künftig dann auch nicht mehr in der Literatur. Schmidt-Friderichs definiert es ironiefrei so: “Sensitivity Reading” sei nicht als Rotstift, sondern als “Leitplanke” zu verstehen.

Kein freier Gedanke mehr ohne “Einordnung”

Immerhin räumt die Börsenvereinchefin noch auch ein, dass es zu dem Thema – man höre und staune – auch “kritische Stimmen” gebe. Das ist enig verwunderlich und mehr als berechtigt: Denn tatsächlich liegt dieser Methode eine infame Unterstellung zugrunde: Dass Menschen nämlich zu blöde, unterbelichtet, ungebildet oder kritikunfähig seien, das Gelesene und seinen zeitlich-auktorialen Entstehungskontext selbst einordnen zu können. Damit passt sie ideal in die Tendenz zum betreuten Denken, zur Verblödung und Bevormundung abgerichteter unmündiger Idioten, die ohne “Faktenchecks” und “Fake-News-”/-“Desinformations”-Warnungen keine Artikel mehr lesen, ohne algorithmisch oder KI-generierte Sperr- und Löschorgien keine Sozialen Medien mehr konsumieren und ohne die Belauschung von Denunzianten, die jedes missliebige Wort an Meldestellen weitergeben, keinen freien Gedanken mehr äußern sollen.

Kritiker reden von einer lediglich modernen Form der Zensur. Das will die Schmidt-Friderichs laut “dts Nachrichtenagentur” nicht gelten lassen: Sie finde es “gut, wenn Experten darauf hinweisen, dass bestimmte Wörter und Wendungen in den Ohren bestimmter Menschen verletzend klingen könnten”. Darin liege ein “wertvoller Hinweis”. Was – siehe oben – die Frage aufwirft, für wie zurückgeblieben und unselbständig diese Funktionärin deutsche Leser eigentlich hält. Schlimmer noch: Sie gibt der Methode sogar eine “große Zukunft”: Das “Wissen des Sensitivity Reading” werde “bald in die Lektorate eingehen”, frohlockt sie. Junge Lektoren würden “diese Sichtweise automatisch mitbringen”.  Wie praktisch: Dann braucht man Bücher künftig gar nicht mehr zu verbrennen, sie sind ja vorab schon unschädlich gemacht worden! Verlage, so Schmidt-Friderichs, könnten dann ihre “Grenzen definieren” und “sagen, was in ihre Bücher hineinkommt und was nicht”. Eine solche Diktion ist seit Goebbels Reichsschrifttumskammer in Deutschland nicht mehr zu hören gewesen. (DM)