Israel zieht Konsequenzen. Hoffentlich die richtigen (Bild: Von Roman Yanushevsky/shutterstock.com)

Israel in Gefahr: Militärische Lage und Kräfteverhältnisse

Noch hat die Bodenoffensive der israelischen Armee im Gazastreifen nicht begonnen. Colonel Douglas Macgregor erklärte, warum die israelische Armee keinesfalls in eine Falle namens “Gazastreifen” laufen sollte. Sie hätte dann nämlich eine Allianz gegen sich, die das Ende des Staates Israels herbeiführen könnte und sehr wahrscheinlich auch würde.

von Max Erdinger

Es ist wichtig, sich die Analysen anzuhören, die Colonel Douglas Macgregor (70) zur militärischen Lage im Nahen Osten liefert. Weil er schon in der Ukraine mit allem richtig lag, was er seit langem nachvollziehbar prognostiziert hatte, wie sich dieser Tage nachprüfen läßt. Macgregor gehörte dem Beraterstab Donald Trumps an und war von Trump als US-Botschafter für Deutschland vorgeschlagen worden. Er hätte Richard Grenell ersetzen sollen, wurde aber vom US-Senat als Botschafter für Deutschland abgelehnt.

In einem Interview mit Judge Andrew Napolitano erklärte Douglas Macgregor nun die militärische Lage Israels. Die ist äußerst heikel. Die politische Klasse sowohl in den USA als auch in Israel scheint noch nicht begriffen zu haben, so Macgregor, daß sich die militärischen Kräfteverhältnisse und auch mögliche Allianzen dramatisch verändert haben, seitdem Israel zum letzten Mal einen Krieg zu führen hatte. Das war der Jom-Kippur-Krieg 1973. Damals war Israel von Syrien im Norden und Osten angegriffen worden, zugleich auch von Ägypten im Süden und im Westen von See her. Die Ägypter hatten damals sehr begrenzte Ziele. Die Auslöschung des Staates Israels habe nicht auf ihrer Agenda gestanden. Im Jom-Kippur-Krieg sei es hauptsächlich darum gegangen, die Territorien zurück zu erobern, die Israel 1967 im Sechs-Tage-Krieg dazugewonnen hatte. Die Ägypter überquerten 1973 den Suezkanal, etablierten auf der Sinai-Halbinsel Stellungen und weiter als bis dahin seien sie damals auch nicht gezogen. Was die Syrer betrifft, hätte es damals jedoch eine ganze zeitlang so ausgesehen, als könnte es ihnen gelingen, auf israelisches Territorium vorzudringen. Die Israelis konnten sie jedoch zurückschlagen und konzentrierten sich danach auf die Ägypter im Süden und Westen. Im Oktober 2023 stellt sich die Situation ganz anders dar.

Napolitano und Macgregor
Judge Andrew Napolitano und Colonel Douglas Macgregor – Screenshot YouTube / Judging Freedom

Heutzutage haben es alle Beteiligten mit ganz anderen Waffen zu tun. Auch mit größeren Waffenarsenalen. Was im Nahen Osten an Kriegsgerät und Munition vorhanden ist, sei enorm, so Macgregor. Da gehe es schon um 100.000 Raketen allein auf Seiten der Hizbollah. Von den Waffenarsenalen der potentiellen Kriegsgegner Israels müsse man da gar nicht mehr reden. Die seien groß genug, um Israel zu zerstören. Das nächste Problem sei, daß der gesamte Nahe Osten die Nase gestrichen voll habe von Israel, etwa so gestrichen voll, wie die Europäer ihre Nasen von den USA gestrichen voll hätten. Die USA stünden an der Schwelle zum totalen Krieg. Sollten die Israelis im Gazastreifen mit jener Bodenoffensive beginnen, zu der sie offenkundig entschlossen sind, würden sie Gefallene in bislang nie gekannter Größenordnung zu verzeichnen haben, ohne daß es ihnen gelingt, die Hamas völlig auszulöschen. Die Übriggebliebenen würden garantiert nicht auf einmal zu Freunden Israels werden, ebensowenig die Bewohner des Westjordanlandes, wo die Hamas ebenfalls vertreten ist. Der gesamte Nahe Osten sei bereit, gegen Israel in den Krieg zu ziehen, nicht nur Iran. Zwar würde Iran Israel nicht mit Raketen angreifen, weil die israelische Drohung mit einem atomaren Vergeltungsschlag im Raum steht, aber iranische Ziele seien durchaus in Form amerikanischer Stützpunkte im Irak und in Syrien vorhanden. Die würden sicher angegriffen werden, sollten sich die Amerikaner auf Seiten der israelischen Armee am Krieg beteiligen.

Mit der Türkei sei es wieder eine andere Sache. Die türkischen Beziehungen zu Israel sind eingetrübt, seit Israel vor einigen Jahren humanitäre Hilfe der Türkei an die Bewohner des Gazastreifens gewaltsam verhindert hatte. Damals war es zu einer Kaperung der entsprechenden Schiffe aus der Türkei gekommen, in deren Verlauf etliche Türken ihr Leben verloren. Zu einer israelfreundlichen Haltung habe das in der Türkei nicht geführt. Bei der Türkei handele es sich jedoch um die führende militärische Kraft im sunnitischen Teil der islamischen Welt. Es bestehe auch eine enge Bindung zwischen Pakistan und der Türkei. In Pakistan sei inzwischen zugesichert worden, die Türken mit nuklearen Sprengköpfen zu versorgen, sollten sie sich gegen Israel wenden. Die Türken verfügen auch über die größte Luftwaffe in der Gegend. Innerhalb eines Monats könne die Türkei zwei Millionen Mann mobilisieren, allesamt erbitterte Kämpfer. Das alles verspreche Vernichtung für die Israelis, wenn sie mit einer Bodenoffensive im Gazastreifen begönnen. Die Israelis sähen sich einer Allianz von Mächten gegenüber, gegen die sich nicht gewinnen können.

Die amerikanische Unterstützung der Israelis aus der Luft reiche gegen eine solche Übermacht nicht aus, so Colonel Macgregor. Im Augenblick seien auch nicht genügend amerikanische Bodentruppen vorhanden, die erfolgreich auf der Seite der IDF kämpfen könnten. Die beiden Flugzeugträger vor der libanesischen Küste sind mit 2.000 amerikanischen Marines besetzt.

Differenzen zwischen Biden und Netanyahu

Es habe allgemeine Erleichterung geherrscht, als Joe Biden nach einem Treffen verkündete, die USA wollten humanitäre Hilfsgüter in den Gazastreifen liefern. Erleichterung nicht zuletzt deswegen, weil das auch als probates Mittel betrachtet wird, eine Entwicklung hin zu einem Waffenstillstand einzuleiten. Dem allerdings stellte sich Benjamin Netanyahu insofern entgegen, als daß er zwar nichts gegen die humanitäre Hilfe als solche einzuwenden hatte, zugleich aber darauf bestand, daß diese Lieferungen nicht mit der israelischen Bodenoffensive im Gazastreifen kollidieren, was zwangsläufig bedeute, daß Israel den Zeitpunkt bestimmen will, zu dem es humanitäre Hilfslieferungen zuläßt, d.h. wenn es Netanyahu und Verteidigungsminister Gallant in deren militärische Planungen passt.  Sollte das so kommen, wäre es eine Katastrophe für Israel.

Darüber hinaus habe Joe Biden so geklungen, als wolle er kategorisch ausschließen, daß amerikanische Bodentruppen zum Einsatz kommen, was allerdings keine große Kunst gewesen sei, weil es ohnehin keine nennenswerte Zahl von Bodentruppen der Amerikaner im Nahen Osten gebe. Was im Raum steht, sei jedoch Luftunterstützung der Israelis von den beiden Flugzeugträgern aus. Kampfjets könnten von dort aus gegen die Hizbollah eingesetzt werden, sollte die wiederum Israel von Norden her angreifen. Das alles deute auf einen totalen Krieg gegen Israel hin, in welchen die USA mit hineingezogen werden würden, solange sie die Israelis unterstützen.  Was US-Präsidenten im Nahen Osten bisher in vergleichbaren Situationen getan hätten, sei gewesen, die aufgeheizte Stimmung herunterzukühlen, da Israel seit jeher einen Hang zur Überreaktion zeige. Das sei unter Nixon 1973 so gewesen, als die Israelis über den Suezkanal setzten. Damals bekamen die Israelis aus den USA signalisiert, daß die Amerikaner ein solches Vorgehen nicht hinnehmen würden. Daraufhin hätten sich die Israelis von der Ostseite des Suezkanals wieder zurückgezogen. Amerikaner hätten bereits oft den israelischen Übereifer eingedämmt, so Macgregor, aber dieses Mal sei davon nichts zu erkennen. Was Biden dieser Tage geäußert habe, gebe nicht viel her.

In einer Ansprache gab Benjamin Netanyahu bekannt, daß als allererstes die israelischen Geiseln im Gazastreifen entweder freigelassen oder befreit werden müssten. Vorher sei über Anderes gar nicht zu reden.

Benjamin Netanyahu zur Lage Screenshot YouTube Judging Freedom
Benjamin Netanyahu zur Lage – Screenshot YouTube / Judging Freediom

Außerdem verlangte Netanyahu, daß das Rote Kreuz sofortigen Zugang zu den israelischen Geiseln im Gazastreifen erhält. Von israelischem Territorium aus werde es momentan weder Nahrungsmittel noch medizinische Hilfe für den Gazastreifen geben. Dem steht Joe Bidens Zusicherung an Bord der Air Force One entgegen, der auf seinem Rückflug aus Israel versicherte, die USA wollten die humanitäre Hilfe für Gaza so schnell wie möglich auf den Weg bringen. Wenn das angegriffene Israel sich weigere, einer Zivilbevölkerung Hilfe zuteil kommen zu lassen, die nirgendwo anders hingehen könne, dann würden sich die Israelis ihrer Verantwortung für die Folgen einer solchen Weigerung stellen müssen, auch wenn das vielleicht nicht fair sei. Es sei die Aufgabe eines Jeden in dieser Situation, das Leid überall dort zu verringern, wo er das tun kann. Wer es jedoch unterlasse, verliere weltweit an Glaubwürdigkeit. Das würde wohl jeder verstehen.

Was jeder versteht, ist, daß es hier eine merkwürdige Diskrepanz zwischen der Anteilnahme des zuhause schwer unter Beschuß stehenden US-Präsidenten am Schicksal der Zivilbevölkerung im Gazastreifen und derjenigen für die Bevölkerung des Donbass und der Ukraine gibt. Eventuell ist in den entsprechenden Kreisen in den USA inzwischen zur Kenntnis genommen worden, daß nach Afghanistan und der Ukraine ein dritter Fehlschlag in Israel etwas wäre, das sie selbst in den politischen Abgrund befördern würde.

Joe Biden Air Force One
Joe Biden, Air Force One – Screenshot YouTube / Judging Freedom

Man beachte die Gesichter von US-Außenminister Anthony Blinken (hinter Biden) und John Kirby, dem Sprecher des US-Kriegsministeriums (rechts von Biden). Alarmstufe rot, weil: Joe Biden spricht frei ohne Script.

Bodenoffensive im Gazastreifen?

Colonel Douglas Macgregor verweist auf seine Kontakte in die IDF. Seine Gesprächspartner dort hätten ihm versichert, so Macgregor, daß die heutigen Reservisten Israels mit denen des Jahres 1973 nicht mehr zu vergleichen seien. Im Jom-Kippur-Krieg 1973 seien das kampferprobte Soldaten gewesen. Das liegt aber 50 Jahre in der Vergangenheit. Keiner der Reservisten von heute habe je in einem veritablen Krieg gekämpft. Im Übrigen hätten die Israelis den nördlichen Gazastreifen bereits in einen riesigen Schutthaufen verwandelt, mithin sich also  eine Bodenoffensive dort selbst erschwert. Die Schlacht um Stalingrad sei für die Deutschen nicht zuletzt deshalb verloren gegangen, weil die Luftwaffe entgegen den Bitten der sechsten Armee unter General Paulus die Stadt erst einmal plattgemacht hatte. Die daraufhin entstandene Ruinenlandschaft sei gut zu verteidigen gewesen und habe das deutsche Vorrücken mit Panzern verunmöglicht. Analog sei es nun im Gazastreifen. Die bereits hergestellte Ruinenlandschaft erleichtere es der Hamas, das Gebiet zu verteidigen, den Israelis erschwere es das Durchkommen, und ebenfalls, die Geiseln zu finden. Macgregor rechnet auch nicht damit, daß gute Chancen bestehen, die ca. 200 Geiseln zu befreien. Ehe die Hamas zulassen würde, daß sie befreit werden, würde sie die Geiseln wohl hinrichten. Die Situation sei völlig verfahren, meint Douglas Macgregor.

Wenn aber nun wenigstens Hilfsgüter sofort in den Gazastreifen durchgelassen werden würden, dann könne das die aufgeheizte Situation nur entschärfen. Im Moment säßen etwa 20 ägyptische Lastwagen voll mit Hilfsgütern am Grenzübergang Rafah im Süden fest. Sie werden nicht über den von Israel kontrollierten Grenzübergang in den Gazastreifen eingelassen. Dabei sind 20 Lastwagenladungen ohnehin nur ein Tropfen auf den heißen Stein angesichts der apokalyptischen Zustände, die im Gazastreifen inzwischen herrschen. Eine Ausreise der Palästinenser auf die Sinai-Halbinsel in Ägypten, wo große Zeltstädte würden entstehen müssen, lehnen die Ägypter kategorisch ab. Nicht, weil sie kein Mitgefühl mit den Palästinensern hätten, sondern weil sie sich außerstande sehen, sich um sie zu kümmern. Das ursächliche Problem könne so auch nicht aus der Welt geschafft werden, sondern höchstens um 80 Kilometer geographisch nach Süden verschoben werden. Der gesamte Nahe Osten sei derzeit ein Pulverfaß. Es gibt keine militärische Lösung des Problems, die nicht in die Katastrophe führen würde. Es sei an der Zeit, sich auf diplomatische Lösungen zu konzentrieren. Das sei allerdings nicht das, worauf Benjamin Netanyahu aus sei. Macgregor versteht Netanyahus Standpunkt völlig. Netanyahu will keine Verhandlungen, sondern er will die Hamas ausradieren. Um dieses Ziel zu erreichen, muß er den Gazastreifen auradieren. Das aber, so Macgregor, wird nicht passieren, weil das Resultat eines solchen Unterfangens der totale Krieg im Nahen Osten sein wird. Und in dem steht dann die gesamte Existenz Israels auf dem Spiel.

Die Idee, daß man in aller Ruhe palästinensische Häuser nach gefangengehaltenen Geiseln durchsuchen könne, sei völlig illusorisch. Die gesamte Situation derzeit sei das Symptom eines Problems, das endlich gelöst werden müsse. Es gehe nach wie vor um die Palästinafrage. Solange hier keine Lösung gefunden wird, würde es auch in Zukunft immer wieder gewaltsame Konflikte und niemals Sicherheit für die Israelis geben, mahnt Colonel Douglas Macgregor. Die Israelis machten viel richtig, sagt er, aber die Mobilisierung einer Armee in der Stärke von 470.00 bis 500.000 Mann wird vermutlich nicht ausreichen, um zu bestehen, wenn der gesamte Nahe Osten brennt. Die Israelis müssten auch mit Gefallenenzahlen in solchen Dimensionen rechnen, daß allein das schon genügen könnte, um Israel von innen heraus zu zerreißen. Es gehe ja nicht nur um einen Krieg zwischen Israel, der Hizbollah und der Hamas. Da müssten auch andere Möglichkeiten mit einkalkuliert werden.

Was, wenn in Ägypten die Stimmung kippt und die Ägypter lauthals eine Einmischung fordern, welcher sich der ägyptische Präsident Abdel Fatah El-Sisi nicht verweigern kann, ohne dadurch seine eigene Präsidentschaft aufs Spiel zu setzen? El-Sisi will sich nicht in einen Krieg mit Israel hineinziehen lassen. Die Beziehungen zwischen Ägypten und Israel haben sich gerade in den vergangenen Jahren ziemlich entspannt. Aber wie lange würde El-Sisi diese Position halten können, wenn der Gazakrieg nach Ägypten überschwappt oder die Ägypter vehement Unterstützung für die Palästinenser von ihm einfordern? Was würde El-Sisi tun, wenn ihm in einer solchen Situation die Unterstützung der Türkei zugesichert werden würde? Das sind Überlegungen, die zwingend im Raum stehen müssten auf Seiten Netanyahus. Was würde passieren, wenn der von allen Seiten unter Druck stehende syrische Präsident Assad von den Türken signalisiert bekäme, daß nun ein gemeinsamer Feind zu bekämpfen sei, dessentwegen man nun endlich einmal die Differenzen der vergangenen Jahrzehnte wie mit einem Schwamm auswischen könne? Würde Netanyahu still dasitzen und dabei zusehen, wie 250.000 Türken auf den Golanhöhen auftauchen?

Die Mullahs im Iran

Was ist mit den Iranern? Die Iraner sind zwar nicht an einem großen Krieg interessiert, aber sie treffen allerweil die nötigen Vorbereitungen für einen solchen. Die Iraner rechnen sowieso immer damit, von den USA angegriffen zu werden. Sollten sie tatsächlich von den USA angegriffen werden, fallen dort sämtliche Gründe für eine Zurückhaltung weg. Die Lage ist so verfahren, sagt Macgregor, daß Führung von ganz oben dringend nötig ist. Das heißt: Die Führung durch Joe Biden. Ausgerechnet. Das beschränke sich aber nicht nur darauf, mit Geldbündeln zu wedeln, sondern es erfordere wesentlich mehr. Biden müsse klarmachen, daß er den Israelis nicht wirklich helfen kann, da die Kräfte der USA jetzt schon überbeansprucht worden sind durch das multimilliardenschwere Engagement in der Ukraine. Das sei aber  leider nicht zu erwarten bei Joe Biden. In einem Interview mit “60 Minutes” am 15. Oktober lachte Biden den Fragensteller förmlich aus, als der anmerkte, die USA würden sich mit einem zweiten Krieg außerhalb der Ukraine mehr zumuten, als sie momentan schultern könnten. Biden: “Jetzt halten Sie mal die Luft an. Wir sind die USA, die mächtigste Nation in der gesamten Menschheitsgeschichte. Natürlich können wir zwei Kriege zugleich unterstützen und dennoch die Sicherheit unseres eigenen Landes gewährleisten.”

Macgregor: Biden und seine Clique befinden sich bewußtseinsmäßig immer noch im Jahr 1991. Diese Einschätzung teilt er mit dem Ex-UN-Waffeninspekteur Scott Ritter. Die Arroganz hinter diesem überholten Exzeptionalismus sei inzwischen zu einer großen Gefahr für die USA selbst geworden. Die Verschiebung der militärischen Kräfteverhältnisse in den vergangenen dreißig Jahren müssen an Biden und seiner beratenden Neocon-Clique vorbeigegangen sein. Die USA stünden zudem kurz vor dem Bankrott. Es sei ausgeschlossen, daß sie sich noch leisten könnten, zwei Kriege zur selben Zeit zu unterstützen. Außer den beiden Flugzeugträgern vor der libanesischen Küste gebe es nichts mehr, was Biden anzubieten habe. Der militärische Einfluß, den diese 2.000 Mann nehmen können, sei aber marginal. Leider gebe es keine Hinweise darauf, daß Biden das begriffen haben könnte. Im Libanon wird derweilen die US-Botschaft von aufgebrachten Demonstranten angegriffen. Die Führer sämtlicher arabischer Staaten verweigern sich einem Gespräch mit dem US-Präsidenten. Kleine Notiz am Rande: Selenskyjs Bitte, Israel einen “Solidaritätsbesuch” abstatten zu dürfen, über den er wohl sich selbst ins Rampenlicht der Medienöffentlichkeit zurück zu schieben gedachte, wurde wiederum von der israelischen Regierung abschlägig beschieden. Es sei jetzt nicht die Zeit für einen solchen Besuch, hieß es.

Auf die Frage, ob die “mächtigste Nation der gesamten Menschheitsgeschichte” Israel mit Bodentruppen unterstützen werde, antwortete Biden an Bord der “Air Force One”, niemand habe je behauptet, daß sie das tun würden. Zwischen seinem Interview bei “60 Minutes” am 15. Oktober und seiner Einlassung an Bord der Air Force One am 18. Oktober scheint ihn jemand mit der Realität vertraut gemacht zu haben. Macgregor: Es war ein Grundsatz amerikanischer Außenpolitik, immer dann freundlich zu allen potentiellen Feinden zu sein, wenn man sich mit einem von ihnen in einer ernsthaften Auseinandersetzung befunden hat. Derzeit hätten die USA bereits einen ernsthaften Feind, nämlich Russland. Die Stimmung in Israel sei auch bei der IDF recht aufgeschlossen den Russen gegenüber. Die Russen hätten Israel vergleichsweise freundlich behandelt in den zurückliegenden Jahren. So hatten die Russen dem syrischen Präsidenten Assad klargemacht, daß ihre Unterstützung für Syrien wegfallen würde, sollte er es den Iranern gestatten, auf syrischem Boden Raketen zu installieren, mit denen Israel getroffen werden könnte. Putin wiederum hat inzwischen seinen Standpunkt ebenfalls klargemacht, sehr zur Betrübnis der Israelis. Er wird niemanden unterstützen, der den Gazastreifen plattmachen will.

Die arabische Welt

Die arabische Welt ist heute um Längen besser bewaffnet als noch vor dreißig Jahren und auch zur Bildung von Kriegsallianzen gegen Israel fähig. Zur Zeit beobachtet sie auch den Niedergang der USA, die auf dem besten Weg sind, sich als zahnloser Tiger zu outen, geschwächt durch ihr Engagement in Afghanistan und der Ukraine. Entmutigend wirkt das nicht auf die arabische Welt. Die USA haben seit Jahren keinen Krieg mehr für sich entschieden, haben aber trotzdem Billionen von Dollars dafür aus dem Fenster geworfen. Wenn sich angesichts eines – bislang verneinten – amerikanischen Engagements in Israel ein Flächenbrand im Nahen Osten entwickelt, in den dann auch Russland noch mit einsteigt, wäre zu berücksichtigen, daß Russland im Ukrainekrieg weit weniger geschwächt wurde als die USA. Russland ging zumindest wirtschaftlich als relativer Gewinner hervor, ein Sachverhalt, mit dem sich die Biden-Regierung ebenfalls schwertut, ihn anzuerkennen. Er ist ja politisch auch höchst blamabel. Im Augenblick arbeiten sich die Russen in der Ukraine langsam Richtung Dnjepr vor, ohne daß es noch ukrainischen Widerstand gibt, der sie aufhalten könnte. Die Westpresse scheint die Ukraine jedoch zum Nicht-Thema erklärt zu haben. Selenskyji und die Ukraine sind out, der Nahe Osten ist in.

Also was nun?

Bei allem Verständnis für die enorme israelische Wut nach den bestialischen Morden an israelischen Zivilisten am 7./8. Oktober, mutmaßlich begangen von Hamas-Terroristen, ganz sicher aber von Terroristen, die aus dem Gazastreifen kamen, gälte es nun, einen kühlen und realistischen Blick zu bewahren, anstatt sich von Emotionen leiten zu lassen. Emotionen könnten genau zu der Falle werden, an der dann die gesamte Existenz des Staates Israel zerschellt. Es spielt keine Rolle, ob man die Realität als gerecht, fair oder sympathisch empfindet, aber die sogenannte Palästinafrage muß endlich einer tragfähigen Lösung zugeführt werden. Weil es dabei eben nicht mehr nur um die Palästinenser geht, sondern inzwischen um die Existenz Israels. Daß sich Israel mit seinen Hardlinern durchsetzen wird, war noch nie so unsicher wie heute. Und ob es einem gefällt oder nicht: Die Regierung Netanyahu scheint derzeit nicht geeignet, die weitere Existenz Israels zu garantieren. Die religiösen Fundamentalisten scheinen lieber auch weiterhin ihrem tiefsitzenden Überlegenheitsgefühl frönen zu wollen, als sich schonungslos der Realität zu stellen. Die Realität: Sie sitzen nicht in den Positionen, in denen sie gerne säßen – und sie haben die Möglichkeiten nicht, die sie gern hätten. Sie werden wohl Kreide fressen müssen. Es steht zu befürchten, daß eine israelische Bodenoffensive im Gazastreifen den Anfang vom Ende Israels bedeutet. Das wäre ein extrem blutiges Ende.

Colonel Douglas Macgregors Analyse ist umso mehr zu trauen, als daß er bereits mit seinen Ukraine-Analysen stets richtig gelegen hat und immer noch liegt. Die waren wiederum oft Grundlage meiner Artikel hier bei jouwatch. Es lässt sich heute überprüfen, daß wir bei jouwatch mit unsereren Prognosen zu Sieg- und Verlustchancen im Ukrainekrieg von Anfang an richtig gelegen hatten. Das wird im Nahost-Konflikt nicht anders sein. Ein Roderich Kiesewetter ist eben kein Douglas Macgregor, ein Paul Ronzheimer kein Pepe Escobar und eine Strack-Zimmermann kein Scott Ritter. Bei Maybrit Illner und Anne Will versammeln sich Langweiler. Die wahren Experten aus Militär- und Geheimdienstkreisen sind bei “The Duran” zu finden, bei “The Cradle”, bei “Redacted”, bei Napolitanos “Judging Freedom” und einer Reihe anderer Quellen. Sie heißen Alexander Mercouris, Jeffrey Sachs, John Mearsheimer, Matthew Hoh, Larry Johnson, Dan Cohen, Ray McGovern, Douglas Macgregor, Tony Shaffer, Alastair Crooke, Tucker Carlson – und es sind gar nicht so wenige, die der westlichen Propaganda ständig widersprechen und fast immer rechtbehalten. Dafür, daß sie der Medien-Mainstream noch immer meidet wie die Pest, obwohl sie in Sachen Ukraine richtig gelegen hatten, gibt es ebenfalls eine Erklärung. Die politisch-medialen “Eliten” des Wertewestens wollen partout nicht wahrhaben, was nicht wahr sein darf. Vor allem haben sie eine wahnsinnige Angst davor, daß sie heute an ihrem Geschwätz von gestern gemessen werden könnten.

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