Politiknahe Wohlfühlveranstaltung: Mainzer Fastnacht (hier die alljährliche Narren-Delegation in der Staatskanzlei) (Foto:Imago)

Karneval 2024: Regierungstreue Hetze gegen die Opposition

Karneval galt einmal als die Zeit im Jahr, in der das Volk die Obrigkeit verspottet und mit scharfer Polemik aufs Korn nimmt. Aber auch das gehört im „besten Deutschland aller Zeiten“ schon lange der Vergangenheit an. Die „Narren“ werden ihrem selbstverliehenen, einst ironisch gemeinten Ehrentitel mehr und mehr gerecht. Während man der Obrigkeit früher im Narrengewand das sagte, was sie nicht hören wollte, ist heute das genaue Gegenteil der Fall – man lässt sich zu propagandistischen Schreihälsen der Regierung degradieren und attackiert die Opposition, sprich: die AfD.

Dies war am Freitag wieder einmal in der berühmten Fastnachtssitzung „Mainz bleibt Mainz“ zu beobachten. „Heute heißt es Re-Migration – damals hieß es Deportation. Aber gestern war gestern, und ‘Nie wieder’ ist jetzt!“ und „Seid Euch gewiss: Die überwältigende Mehrheit der Menschen in diesem Land ist sehr wohl in der Lage zu unterscheiden zwischen einer Volkspartei und einer völkischen Partei, wie Ihr es seid”, faselte der neue Darsteller der Figur des „Till“, und fügte hinzu: „Jede Stimme für die AfD ist eine Stimme gegen die Demokratie und für die Zerstörung Europas.” Auch sonst ließ sich kein Redner die Chance entgehen, seine Linientreue zu demonstrieren. „Die AfD ist problematisch, sie war niemals demokratisch, haut radikal Rechts auf den Putz – ein Fall für den Verfassungsschutz“, reimte etwa Erhard Grom vom „Gonsenheimer Carneval Verein“ holprig-bemüht zusammen. Auch er nahm die Propagandamärchen von “Correctiv” & Co. umhinterfragt als Thema und radebrechte: „In Potsdam trafen sie sich alle und ließen ihre Masken fallen, und skrupellos, man glaubt es nicht, von Deportation die Runde spricht. Schon einmal haben wir erlebt, was daraus folgt: Millionen wurden deportiert und von Verbrechern ausradiert.“

Mit dem Strom gegen “Staatsfeinde”

Eigentlich hätte, und erstrecht Karneval-Texter, mühelos recherchieren können, dass es sich bei diesem angeblich „rechtsradikalen Geheimtreffen“ in Potsdam um eine reine Lügengeschichte handelt, die mit staatlicher Förderung verbreitet wurde. Folglich hätte ein wirklich mutiger und subversiver Karnevalist, der noch etwas auf sich und die Tradition des Faschings hält, hier ansetzen und die Spaltung des Volkes durch die eigene Regierung anprangern müssen. Doch heute geht es wieder mit dem Strom gegen die jeweils zu Staatsfeinden ausgerufenen Minderheiten. In besseren Zeiten demonstrierten Karnevalisten, dass sie die Regierung durchschauen. Doch inzwischen singt man lieber mit der Politik im gleichen Chor und suhlt sich in seinem Gratismut. Schon seit Jahren hat man den Eindruck, dass die Büttenreden nur noch in Zusammenarbeit mit der Mainzer Staatskanzlei ausgearbeitet werden. Einzig positiv war zu vermerken, dass dieses Jahr der primitive Hetzer Lars Reichow nicht mehr mit von der Partie war, nachdem er vergangenes Jahr AfD-Abgeordnete unter anderem als “ungehobelte Arschlöcher” tituliert hatte. Pöbler Reichow jammerte vor wenigen Tagen noch darüber, nicht im diesjährigen Line-Up von Mainz vertreten zu sein. Dabei hätten seine widerwärtigen Hasstiraden eigentlich gut zur gegenwärtigen verordneten Stimmungsmache gegen die Opposition gepasst; vermutlich war Reichow aber sogar für die gleichgeschalteten Karnevalisten einige Nummern zu plump.

Für den Mainzer Karneval gilt indes dasselbe wie für die großen rheinischen Umzüge, deren Motivwagen überwiegend ebenfalls einen schwülstigen miefigen Spießergeruch von Regierungsnähe und Systemkonformität verströmten – wenn etwa auf einem Kölner Wagen Wladimir Putin mit blutigen Händen ein Gespann lenkt und vor sich Alice Weidel und Sahra Wagenknecht Russlandfähnchen schwenken. Natürlich darf auch hier gegen die AfD nach Herzenslust Stimmung gemacht werden – während umgekehrt sogleich dort Empörung aufbrandet, wo sich einzelne Narren vom Zeitgeist nicht in die Schranken weisen lassen wollen: In Bad Schandau etwa verkleideten sich einige jecke Jungmannen als “Mohren” – was sofort Empörungsstürme wegen “Blackfacing” auslöste; die “Bild” sprach gar von einer “Schande”.

Nachlassendes Interesse

Aber so geht es heute zu: Jede unbeschwerte Traditionspflege, jedes Niveau, jede närrische Grenzüberschreitung (die einst Pflicht für die verrückten Tage war!), jede Ironie und jeder Hintersinn sind dem deutschen Karneval inzwischen abhandengekommen. Stattdessen überbieten die Redner sich einer nach dem anderen mit biederer und plumper Anbiederei an die Herrschenden. Wie in dunkelsten Zeiten, werden deren Narrative dem Publikum eingehämmert – das, zumal in Mainz, traditionell aus allerlei Politikern und sonstigen „Würdenträgern“ besteht, die bräsig grinsend und schunkelnd im Saal sitzen und sicher beruhigt zur Kenntnis nahmen, dass ihre Propaganda gehorsam unters Volk gebracht wurde.

Während bei den Umzügen vor allem die Stimmung im Vordergrund steht und man notfalls die politisch korrekten Wagen an sich vorüberziehen lassen kann, wird beim Haltungsparcours in den Sälen Konformität erwartet: Applaus und pflichtschuldigen Gelächter, wo man es erwartet. Die Fernsehzuschauer hingegen quittieren im Fall von “Mainz bleibt Mainz” das grausige Schauspiel mit zunehmendem Desinteresse: Während die Mainzer Sitzung früher ein Straßenfeger war, sank die Resonanz bereits letztes Jahr erstmals unter fünf Millionen. Auch in diesem Jahr waren es nur 4,7 Millionen, gerade einmal 130.000 mehr als 2023. Offenbar haben immer weniger Menschen Lust, die öden Belehrungen feiger Biedermänner über sich ergehen zu lassen. Hier wie überall durchschaut man die Absicht und ist verstimmt. Sich auch noch ausgerechnet an Karneval die gleiche dumme Propaganda anhören zu müssen wie den Rest des Jahres, ist offensichtlich nicht das, was das Publikum sich wünscht. (TPL)

 

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