"Mit der Schlagzeile verdroschen worden" - (Symbolfoto: Von Yevhen Marienko/Shutterstock

Presse & Kultur: Schlagzeilen für Doofe

Wofür ein Großteil der deutschen Presse ihre Leser hält, läßt sich schon an den Schlagzeilen ablesen. Das geht, wenn man nicht einer der Doofen ist, die mit solchen Schlagzeilen geködert werden sollen. Die Aufklärung.

von Max Erdinger

Die Startseite meines Browsers liefert jeden Tag Leseempfehlungen. Es ist nicht so, daß ich jemals etwas von dem gelesen hätte, was mir der Browser zur Lektüre anempfiehlt, aber um die Schlagzeilen komme ich natürlich nicht herum. Die schlagartige Erkenntnis: Mein Browser hält mich für doof. Welches Verblödungmenü stand heute auf der Karte?

Der “Stern”: “Warum wir unnötig spät ins Bett gehen“. – Teaser: “Obwohl wir schon nachmittags das Gähnen kaum noch unterdrücken können, schaffen wir es nicht, früh schlafen zu …

Die “Brigitte”: “Wer so eine Beziehung führt, hat eine hohe Intimitätsintelligenz“. – Teaser: “Worte können nicht beschreiben, wie du dich mit deinem Lieblingsmenschen fühlst. Eine Verbundenheit, die ohnehin keiner …

Der “Standard”: “Wir sollten Russland helfen zu verlieren” – Teaser: “Wenn Timothy Snyder und Ivan Krastev, zwei intellektuelle Schwergewichte mit Fokus auf Osteuropa, miteinander über …

“Deutschlandfunkkultur”: “Warum sind wir immer noch verliebt in mächtige Männer?” – Teaser: “Unter #metoo haben Frauen ein erschreckendes Ausmaß an sexuellen Übergriffen im Filmgeschäft …

“Redaktionsnetzwerk Deutschland”: “Warum macht uns schwüles Wetter so schlapp – und was hilft dagegen?” – Teaser: “Ist die Luft warm und feucht, fühlen sich die meisten Menschen schnell unwohl. Besonders für Risikogruppen wie Ältere …

Da bin ich glatt versucht, mir ebenfalls eine zeitgemäße Schlagzeile zu überlegen. – “Warum auch der queere Storch die Kinder bringt” – Teaser: “Was wir im Klima-Lockdown gemeinsam gegen die geschlechtliche Diskriminierung bei den Vögeln unternehmen können, um nicht …”

Wir alle gemeinsam und zusammen

Zwar könnte man jetzt jede der oben genannten Schlagzeilen mit ihren Teasern einzeln auseinanderrupfen, aber mir geht es zuvörderst um die Perfidie, welche die Schlagzeilen miteinander gemein haben. “Gemeinsam” ist für sich genommen schon ein Adjektiv, das wegen seiner epidemischen Häufung im Politiker- & Mediensprachgebrauch zu einer Untersuchung der Gründe für diese Häufung verleitet. Aber sei’s drum. Welche perfide Gemeinsamkeit haben also die oben genannten Schlagzeilen?

Sie wurden von Leuten verfasst, die offensichtlich davon überzeugt sind, sie hätten es bei ihrer Leserschaft mit kleinen Kindern zu tun, die ohne ständige Belehrungen quasi lebensunfähig wären. Die Verfasser unterstellen ein intellektuelles Gefälle, an dessen unterem Ende sich die Leser befinden. Sie selbst sind die Erklärbären. Weil sie sich für besonders schlau halten. Zugleich wissen sie aber, daß so ein Gefälle auf wenig Gegenliebe stößt, weil bereits verinnerlicht wurde, daß in der “menschlichen Gesellschaft” der “die Menschen” alle “die Menschen” gleich sind. Ein Indiz dafür ist das ubiquitäre Geduze. Entlarvend ist die Tatsache, daß “dein Beitrag”, Volksgenosse, “gegen die Gemeinschaftsstandards verstößt”, weswegen “du” für 30 Tage nichts posten kannst, daß aber bei einer Fragestunde im Bundestag noch niemand gesagt hat: “Olaf, kannst du uns mal erklären, was du dir dabei wieder gedacht hast?”. Damit also das intellektuelle Gefälle, von dem die Schlagzeilen-Schlaumeier zutiefst überzeugt sind, in der Wahrnehmung des Leser unsichtbar bleiben soll, verstecken sie sich im “wir”. Wir müssen, wir brauchen und wir dürfen nicht ….

Dabei sind die Buchstabenverbrecher so arrogant, daß sie außerdem der Ansicht sein müssen, niemandem könne auffallen, auf welch niedrigem Niveau sich die Themen befinden, über die sie “uns” dann belehren und aufklären – und daß das deswegen so ist, weil sie selbst es bei verzwickteren Themen schwerhätten, die Pose des Experten einzunehmen. Todsichere Leserquoten erreichen sie deshalb mit Themen, die jeden Leser mehr oder minder täglich tangieren. Müdigkeit, Liebe, Sommerhitze … – “Warum wir uns beim Stuhlgang auf die Schüssel setzen und nicht daneben.” – Teaser: “Auch in der Klimakrise leiden viele Menschen an einer Abneigung gegen Unappetitlichkeiten aller Art, weshalb es wichtig …”. Es gilt also: Je alltäglicher und simpler der Sachverhalt, um den es geht, desto schlauer kommt sich der Schlagzeilenverfasser vor. – “Warum wir den Presseheinis nicht einfach täglich eine aufs Maul hauen dürfen”. – Teaser: “In der Klimakrise wächst das Schmerzempfinden der Menschen. Experten, die auf dem Mount Everest Erfrorene maulschelliert haben, machten eine interessante …”

Die Berechtigung des Kalküls

Eine gewisse Beunruhigung stellt sich bei meinemeinen dann ein, wenn er sich überlegt, wie lange er schon extrem dümmliche Schlagzeilen zur Kenntnis nimmt: Extrem lange nämlich. Extrem-extrem-extrem … Argwöhnisch fragt er sich, ob die Presseheinis völlig zu Recht ihre Leserschaft für doof halten. Weil: Hätten sie mit der Masche “dümmliche Schlagzeile” keinen Erfolg, der sich an Auflagen- & Zugriffszahlen ablesen läßt, dann hätten sie die Produktion dümmlicher Schlagzeilen längst eingestellt. Haben sie aber nicht. Das ist beunruhigend. Sehr selten scheint ein Redakteur von seinem Chef mit der Begründung zum Kartoffelschälen in die Verlagskantine abkommandiert worden zu sein, daß seinen saublöden Quark kein Mensch lesen will. Offenbar wollen also welche. So viele müssen es sein, daß es den Redakteur vor dem Kartoffelschälen bewahrt. Das ist extrem beunruhigend.

Mit “extrem” ließ sich übrigens schon prächtig Schindluder treiben, als das Mittelmaß noch das Maß aller Dinge gewesen ist. Inzwischen herrscht aber die Unterdurchschnittlichkeit und das verstärkt den Schreckensgehalt von “extrem” enorm. So kommt es auch, daß sich extrem kluge Leute von extrem unterdurchschnittlichen Redakteuren als “rechtsextrem” bezeichnen lassen müssen, ohne daß eine relevante Mehrheit aufmerkt. Bislang war das so. Aber die Unterdurschnittlichen scheinen es übertrieben zu haben. Immer weniger “Rechtsextreme” interessieren sich noch extrem dafür, wie sie von den Unterdurchschnittlichen bezeichnet werden. Gerade eben kommt übrigens eine Push-Nachricht: “Kleinkind bei über 30 Grad im Auto eingeschlossen – Feuerwehr reagierte schnell.” – Mein Teaser dazu: “Es ist extrem unwahrscheinlich, daß die Eltern ihr Wahlrecht verlieren, da …”

Schreckliche Konsequenzen

Auch wenn es zur Zeit danach aussieht, als sei die mediale Verblödungsorgie so grotesk übertrieben worden, daß es immer mehr Bürgern egal ist, womit die Kartoffelschäler in spe sie auf dämlichste Art & Weise indoktrinieren und diffamieren: Das prinzipielle Problem bleibt. Politiker müssen gewählt werden, Medienleute hingegen nicht. Weil das so ist, werden sich Politiker immer darum bemühen, zu erfassen, was die Masse meint & findet. Was das jeweils ist, hängt davon ab, woher die Masse  ihre vermeintlichen Informationen bezieht. Eine ideologisch deformierte Journaille, die den Nannystaat extrem propagiert, schafft eine intellektuell unselbständige Masse, die ihres gesunden Menschenverstandes schon deswegen verlustig geht, weil sie “gelernt” hat, daß sie ihm nicht mehr vertrauen darf. Um dieses Ziel auch wirklich zu erreichen, sind in den vergangenen Jahren die  “Experten” wie Pilze aus dem Boden geschossen. Tagein-tagaus bläuen sie dem “mündigen Bürger” ein, der gesunde Menschenverstand sei eine sehr gefährliche Einbildung, quasi eine “extreme” Gefahr für die “gemeinsame” Sicherheit aller “die Menschen”. Wer den “Experten” trotzdem nicht glauben will, etwa weil er es besser weiß, der bekommt es mit den “unabhängigen Faktencheckern” zu tun. Die allerdings sind zumeist schwerstabhängig. Die “Arvato”-Faktenchecker z.B. gehören zu genau dem Bertelsmann-Konzern, der jeden Tag Blödartikel wie am Fließband in die Medienlandschaft streut. Seine konzerneigenen “Faktenchecker” von “Arvato” sorgen dafür, daß sich “Gegennarrative” nicht allzu sehr in den sozialen Netzwerken verbreiten. Auch die “Faktenchecker” von “correctiv” sind alles andere als unabhängig.

Dr. Thomas Hartung hat in seiner Kolumne für “Tumult” eine kurze und treffende Schlagzeile gefunden, die das Phänomen in drei Worten erklärt.”Akzeptanz von Absurdität“, titelte er. Sein Teaser: “Mit einem „Hitzeschutzplan“ will Karl Lauterbach (SPD) weitere Grundrechtseinschränkungen zementieren. Das ist der Sieg des planwirtschaftlichen Katastrophennarrativs über die gelebte Freiheit.” – sein Artikel ist unbedingt empfehlenswert.

Es hat schon seinen Grund, warum bei Revolutionen und Militärputschen die Verlagshäuser und Medienanstalten des gestürzten Regimes als erste besetzt werden – und daß danach erst die Frage interessant wird, was mit der abgesetzten Regierung geschehen soll. Wohin der mediale Nannystaat mit seinen dämlichen Schlagzeilen führt, kann man an dieser aktuellen Meldung ablesen: “Geht es hier nach Salzburg? Familie vertraut Navi – und erlebt nach fünf Stunden böse Überraschung” – Der Teaser: “Eine Familie hat sich auf dem Weg in den Urlaub verfahren – und das trotz Navigationsgerät.” Weiter: “500 Kilometer in die falsche Richtung: Familie kommt im “falschen” Salzburg an. (…) Nach mehr als 500 Kilometern Umweg riefen die verirrten Urlauber am frühen Sonntagmorgen die Polizei, die ihnen daraufhin die richtige Route im Navigationsgerät einstellte.” – Alarmierend: Auch diese Leute lesen Artikel wie den zu der Frage, warum “wir” unnötig spät ins Bett gehen, oder den der RND-Experten, die uns erklären, warum “wir” uns bei schwüler Hitze schlapp fühlen – und was “wir” dagegen tun können. Höchstwahrscheinlich sind sie mitten in der Klimakrise ebenfalls, wie “wir alle gemeinsam”, geimpft worden und wahlberechtigt. Demokratie und extremwestliche Werte eben.

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