Bald weg vom Fenster: Kriegsverbrecher Netanyahu - Foto: Imago

Deutschland: Es freislert ganz gewaltig

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Sein Wille ist des Menschen Himmelreich. Auch Kleingeister, systematische Faschisten und ekelhafte Lügenmäuler zählen zu den “die Menschen”. Eine Antwort.

von Max Erdinger

Da hat tatsächlich jemand geglaubt, er solle sich an einer Widerlegung meines Artikels “Naher Osten: Israel, Du bist ein Monster geworden” versuchen. Prompt ging es natürlich in die Hose. Schlagzeile: “Israel, du bist kein Monster”. Nicht nur Israel ist zum Monster geworden. Da freislert einfach einer. Erklärung und Begründung für “freislern” gegen Ende dieser Medienkritik.

Erstens: Was ein Völkermord und was ein Kriegsverbrechen ist, unterliegt nicht dem präferenzutilitaristichen Gemeine & Gefinde eines haltungsstarken Meinerleins aus dem Südwesten. Dafür gibt es nämlich international gültige Definitionen. Die sind im Gazastreifen erfüllt.

Zweitens: Das Meinerlein hat es nicht so mit den Fakten. An seinem – Zitat: “bestialisches Massaker an mehr als 1.400 israelischen Zivilisten (!)” ist nur wahr, daß es bestialisch gewesen ist. Die 1.400 wurden inzwischen selbst von israelischer Seite auf “geschätzt 1.200” – kein Ausrufezeichen – heruntergefahren. Zivilisten waren davon etwa die Hälfte, wie “Haaretz” berichtete, die andere Hälfte waren Soldaten der IDF bzw. israelische Polizei. Nicht wenige seien “friendly fire” zum Opfer gefallen. Der Überlebende einer Geiselnahme mit 8 Geiselnehmern und 20 Geiseln berichtete ebenfalls in der “Haaretz”, bei der “Befreiung” der Geiseln seien 26 Personen von den “Befreiern” erschossen worden. Er selbst sei als Einziger unverletzt davongekommen, der 27ste sei schwer verwundet worden.

Drittens: Die personifizierte Ignoranz mit dem gereckten Zeigefinger beliebte zu meinen und zu finden: “Die klerikalfaschistische Hamas ist ein echtes Monstrum, genährt aus der satanischen Monsterhölle einer ganz realen Diktatur im Iran – die Hassbrigaden der Hamas sind ein aus dem Ausland protegiertes Terrorregime, welches die palästinensische Bevölkerung in Gaza lediglich als Mittel zum Zweck der Errichtung eines barbarischen Weltkalifats benutzt und ihrer Freiheitsrechte beraubt.” – und mehr als die Unterschlagung von Fakten ist das auch nicht. Khomeini kam am 1. Februar 1979 aus dem Exil in Paris nach Teheran zurück, weil die Diktatur des Schahs Reza Pahlewi mit ihren folternden Geheimdienstschergen nicht mehr zu halten gewesen ist. Der Deutschlandfunk am 3. Juni 2014: “Sadegh Zibakalam ist heute Politikwissenschaftler an der Universität Teheran. Damals saß er im berüchtigten Evin-Gefängnis. Er war jung, gläubig, radikal. Er wurde erniedrigt und gefoltert. Denn er glaubte an eine gerechte Ordnung auf der Grundlage islamischer Normen. Und er glaubte an den 76-jährigen Ayatollah. ‘Die Menschen haben den Schah abgelehnt, weil sie Pressefreiheit wollten und die Herrschaft der Gesetze. Sie wollten Gleichheit zwischen Mann und Frau, Rechenschaftspflicht, freie Wahlen, eine freie Presse. Sie wollten die Gefängnisse einreißen. Sie wollten ein Land ohne politische Gefangene und mit Meinungsfreiheit. Das waren die Gründe für die Revolution’.” Es hat sich also bis heute lediglich nichts gebessert im Iran. Seine “satanische Monsterhölle einer ganz realen Diktatur im Iran” kann sich der eingebildete Besserwisser so lange dahin stecken, wo auch beim Hanseaten die Sonne niemals scheint, wie er die Diktatur im Iran nicht im Zusammenhang mit der Vorgängerdiktatur des Schah erwähnt. Seine “klerikalfaschistische Hamas”, dieses “Monstrum”, kann er sich gleich dazustecken, so lange er unerwähnt läßt, daß die nicht nur vom Iran, sondern auch von Israel selbst mitfinanziert worden ist. Netanyahu 2019: “Wer einen Palästinerstaat verhindern will, der muß die Hamas finanzieren”. Außerdem scheint sich der personifizierte Zeigefinger zwar überlegen zu können, ob eine deutsche Bundesregierung auch pro-deutsch ist, nicht aber, ob eine palästinensische Terrororganisation zwangsläufig auch pro-palästinensisch sein muß. Mit der Kreationsgeschichte von Terrororganisationen wie dem IS oder Al Qaeda hat er es offenbar nicht so. Das Maul hat er trotzdem sperrangelweit offen.

Viertens: Zitat: “Es geht also in Wirklichkeit bei den Surensöhnen der pervers-sadistischen Hamas-Terroristen um ein Hass-Problem mit Religionshintergrund.” – naheliegender wäre, es einmal mit einem Hass-Problem wegen Landraubs, Schikane und Unterdrückung zu versuchen. Womöglich sollte sich Mr.Mordsgescheit einmal mit Leuten unterhalten, die in Israel wohnen. Israelis wären ganz gut geeignet. Die kennen sich aus. Es gibt dort Tausende, die sich seit Jahrzehnten für den Umgang staatlicher Stellen mit den Palästinensern schämen und diesen Umgang genau so lange anprangern. Im Übrigen dürfte sich “Israel” mit jedem gekillten “Hass-Problem” zwei neue Hass-Probleme einhandeln. Zudem möge sich Mr. Supermoral einmal überlegen, wer sich – mit welchem Religionshintergrund – in Libyen, im Irak, in Syrien, in Afghanistan und der gesamten islamischen Welt ein Hass-Problem eingehandelt hat. Das war der sogenannte Wertewesten unter Führung der USA. Ein weiteres Hass-Problem wird der sogenannte Wertewesten übrigens in Bälde mit den Ukrainern haben. Das sind keine Moslems. Merke: Der Wertewesten des 20./21. Jahrhunderts hat wesentlich mehr Moslems auf dem Gewissen, als umgekehrt Moslems Wertewestler. Vielmehr hat der Wertewesten in der islamischen Welt eine Schneise der Verwüstung hinterlassen und ganze Länder destabilisiert. Außerdem klaut er den Syrern gerade ihr Öl. Hass-Probleme, meine Güte. Als ob man ignorante Meinungs-Arroganzler nicht hassen dürfte.

Fünftens: Das könnte dem Hern Zeigefinger so passen, meine Empörung über den Völkermord und die Kriegsverbrechen im Gazastreifen unter “Judenhass” zu subsumieren. Das kann er knicken. Es ist nicht meine Schuld, daß sein Weltbild ein wenig simpel gestrickt ist, um es nicht “manichäisch” zu nennen. Nicht alle Israelis sind Juden, deutlich mehr Zionisten sind Juden als umgekehrt Juden Zionisten sind, es gibt Rabbiner – und auf die hatte ich mich bezogen -, die behaupten, ein “jüdischer Staat” sei mit ihrer eigenen Religion unvereinbar. Folglich möge er sich bitte mit seiner eingebildeten Weisheit an diese Rabbiner wenden und nicht an mich. Die Rabbiner sind sicherlich extrem daran interessiert, was ihnen der gescheite Mann mit dem erhobenen Zeitefinger alles über ihre Religion zu erzählen weiß. Da werden sie bestimmt staunen. Von wegen, meinereiner hätte das Existenzrecht Israels bestritten. Ich hatte gefragt, warum man es behaupten -, aber nicht in Frage stellen darf. Als jüdischer Rabbiner so, beispielsweise.

Sechstens: Die israelischen staatlichen Stellen haben im Gazastreifen bislang nicht nur palästinensische Zivilisten in der Größenordnung um die 10.000 oder mehr gemeuchelt, darunter tausende Frauen, Kinder und Neugeborene, Alte und Kranke – und damit unfreiwillig dokumentiert, wie hoch sie den Wert eines israelischen Lebens gegenüber dem eines palästinensischen “Untermenschen” einschätzen – 10:1 mindestens, sondern sie haben auch Christen bombardiert, Ärzte ohne Grenzen, Kriegsreporter, Geiseln, UN-Hilfsorganisationen und Staatsangehörige anderer Nationen. Völkerrechtlich betrachtet gehört der Gazastreifen außerdem zu Syrien – und nicht zu Israel.

Siebtens: Der Internationale Strafgerichtshof (IStGH) hat im Februar 2021 nach über sechsjährigen Beratungen entschieden, Verfahren wegen mutmaßlicher Kriegsverbrechen und Verbrechen gegen die Menschlichkeit in den seit 1967 von Israel besetzten palästinensischen Gebieten zu eröffnen. Warum? Weil die Menschenrechtsnormen, die nach 1945 vor dem Erfahrungshintergrund von Holocaust, Faschismus und Zweitem Weltkrieg vereinbart wurden, universell und ausnahmslos für alle Bewohner der Welt gelten. Weshalb sich ein bestialischer Terroranschlag auch nicht mit Völkermord und Kriegsverbrechen beantworten läßt. Sitzt das jetzt endlich? Ob das endlich sitzt, will ich wissen!!

Achtens: Wer hierzulande verkünden würde, daß er ein Deutschland von der Maas bis an die Memel und ohne Moslems verwirklichen will, hätte den sogenannten Verfassungsschutz schneller am Hals, als er “Papp” sagen kann. Wenn aber ein israelischer Zionist sagt, daß er “Eretz Israel” schaffen will und daß das ein Land sein soll, in dem keine Araber mehr leben, dann begreift sich der südwestdeutsche Netanyahu-Fanboy als “Israelfreund”. Ist es überhaupt noch zu fassen? Die Staatsgrenzen Israels geben ein “Eretz Israel” nicht her. Auf friedlichem Wege nicht. Ob’s wohl wieder ein Hass-Problem geben würde?

Neuntens: Die Gründung des Staates Israel fußt zu einem wesentlichen Teil auf dem Terror von Zionisten sowohl gegen Araber als auch gegen die britische Mandatsmacht der Jahre 1917 – 1947. Außerdem fußt sie auf einem Betrug der Briten an den Arabern. Die Briten hatten den Arabern in Palästina genauso einen eigenen Staat versprochen wie den Zionisten. Ein- und dasselbe Land läßt sich aber nicht zweimal zugleich verschenken.

Zehntens: Die Gleichsetzung von “die Juden” mit dem Staat Israel beweist nur, daß der gereckte Zeigefinger aus dem Südwesten im Grunde keine Ahnung hat, wovon er überhaupt redet. Und wenn er glaubt, Deutschland habe sich deswegen selbst verloren, weil es Deutsche gibt, die sich sehr entschieden gegen Völkermord und Kriegsverbrechen von wem auch immer und an wem auch immer aussprechen, dann sollte er so lange Ovomaltine trinken, bis er wieder bei Verstand ist.

Letztens: Wenn der verwahrloste Ignorant auch noch glaubt, einen Deutschen, der sich gegen Völkermord und Kriegsverbrechen empört, als einen “erbärmlichen Lumpen” bezeichnen zu dürfen, was sehr an Freislers “Sie schäbiger Lump!” beim Nazi-Volksgerichtshof erinnert, dann erinnert eben auch mein superschlauer Widerredner an Roland Freisler. Und das ist nun wirklich nicht meine Schuld.

Vorschlag zur Güte: Wenn Mr. Superschlau etwas wissen will zu Israel, Palästina, Zionismus, Eretz Israel, Kollaborationen von Nazis und Zionisten, Völkermord und Kriegsverbrechen – etwa, weil er darüber etwas zu schreiben gedenkt, anstatt unsubstantiiert und mordsmeinungsstark durch die Gegend zu freislern, soll er mich vorher um Rat fragen. Das erspart ihm die Peinlichkeit, sich outen zu müssen als der, der er wohl ist. Ist ja ein ekelhaftes Bild.

P.S.: Vielleicht will sich der meinungsstarke Obermoralist zuerst selbst einmal ein Bild machen von der Nähe zwischen Nazis und Zionisten. Adolf Eichmann und Hannah Arendt eignen sich dazu vorzüglich. Ein Artikel aus der “NZZ” vom 1. März 2014 eignet sich zum Einsteig in das Thema ganz gut: “Eichmann – der ‘negative Held’ des Staates Israel” – Auszug: “Es ist nicht blosser Zufall und nicht coincidentia oppositorum, dass die Nazis, als sie sich ihrer autochthonen Endlösung nicht sicher waren, den Gedanken dieses Staates begünstigt, ihn sogar in Vorformen der Autonomie innerhalb ihrer Besatzungsgebiete imitiert hatten. Eichmanns ganze Kenntnis des Judentums, betont Hannah Arendt, stammte aus Theodor Herzls «Judenstaat», und er hätte den Ideologen dieses Staates ganz exakt beim Wort genommen, wäre nicht der Ausbruch des Krieges so weiträumigen Exmittierungen hinderlich geworden. Die Auslöschung war, so blasphemisch dies klingt, nur eine umstandsbedingte Variante der Idee der Ansiedlung auf einem festen Grund und Boden unter den Füssen. Und da ist, als nachträglich nicht vorstellbare Szene, das Schelmenstück der Einladung Eichmanns durch jüdische Emissäre nach Palästina. Diese am Rande des Unbegreiflichen liegenden, aber politisch doch fast zwangsläufigen Analogien bestimmen das Odium, das für die Politologin über dem Vorgang Eichmann in seiner ganzen Erstreckung liegt. Solches Unbegreifen in seinen Bedingungen zu studieren, ist für den Betrachter im Abstand nochmals eines Vierteljahrhunderts ein einzigartiges Präparat für eine Theorie der Unbegrifflichkeit.” – Nichts zu danken.